konfettikotz hat geschrieben:Leider hinter Schranke, aber interessanter Artikel, der sich damit beschäftigt, ob bei uns der Kader - so wie er jetzt ist - eher ein Zufallsprodukt ist, wenn man die Eindrücke des Transferfensters beurteilt.
https://www.sueddeutsche.de/sport/champ ... duced=true
Vor dem Start in die Champions League wirken beim VfB Stuttgart die Transferdebatten nach. War der ambitionierte Kader überhaupt der Plan – oder hätte der Klub lieber einen Spieler teuer verkauft?
Von Christof Kneer
Der VfB Stuttgart hat in dieser Bundesligasaison bisher fünf Tore geschossen, und vier davon hätte es beinahe nicht gegeben. Ein Tor erzielte der formidable Bilal El Khannouss, der fast zu Al-Ittihad nach Saudi-Arabien gewechselt wäre. Ein Tor erzielte Ermedin Demirovic, der wochenlang mit einem Wechsel zu Galatasaray Istanbul in Verbindung gebracht wurde. Und gleich zwei Treffer gehen auf das Konto des kuriosen Josha Vagnoman, der die womöglich größte Amplitude im Weltfußball aufweist. Der Rechtsverteidiger versteht sich auf absurde Eigentore und groteske Fehlschüsse ebenso wie auf herrliche Tore gegen den FC Bayern oder den 1. FC Köln.
Am letzten Tag der Transferperiode war Vagnoman im Begriff, zu Hull City zu wechseln, einem Aufsteiger in die hochherrliche Premier League – wobei im Umfeld des VfB Stuttgart stabil gewitzelt wurde, bei Vagnoman wisse man ja nie. Es könne sich bei dem Interessenten auch um Schwäbisch Hall City handeln.
Am Mittwoch um 18.45 Uhr startet der VfB Stuttgart in die neue Champions-League-Saison, und beim Heimspiel gegen den norwegischen Vertreter Viking Stavanger werden El Khannouss, Demirovic und Vagnoman so selbstverständlich im Kader stehen, als hätte man sich all die Turbulenzen nur eingebildet. Jamie Leweling wird es nach seiner Krankheitspause vielleicht sogar in die Startelf schaffen, und zwar in die des VfB Stuttgart. Und nicht in die der AS Roma oder des FC Everton.
Trotz der zweiten Champions-League-Teilnahme innerhalb von drei Jahren zählen die Stuttgarter immer noch zu den Kleinen auf dieser großen Bühne – umso erstaunlicher ist es, dass man dem Stuttgarter Kader die internationalen Transferhierarchien diesmal gar nicht ansieht. Eine Trainermannschaft wie der VfB ist eigentlich das perfekte Revier für alle Jäger und Wilderer, und erst recht für die reichen Lords aus der englischen Premier League. Aber als die quälenden letzten Transferstunden verstrichen waren, ergab der Durchzählappell, dass bis auf den Torwart Alexander Nübel (Besiktas Istanbul) alle Stammspieler erhalten geblieben waren. Und das am Standort Stuttgart, wo sie in den vergangenen Sommern über die Verluste von Serhou Guirassy, Waldemar Anton, Hiroki Ito, Dinos Mavropanos, Wataru Endo, Nick Woltemade und Enzo Millot klagen mussten. Ist das nicht ein Triumph, eine Genugtuung oder wenigstens ein kleiner Grund zur Freude?
Als der Trainer Sebastian Hoeneß nach Beendigung der Transferfrist in einer Pressekonferenz vor den Reportern saß, versteckte er seinen Blick erst mal unter dem Schirm seiner Kappe. Er wirkte … nun, wie soll man sagen: nicht vergnügt. Turbulent sei es ja zugegangen in den letzten Stunden, meinte Hoeneß nur und referierte ansonsten in gewohnter Professionalität über den kommenden Gegner aus Köln.
Der VfB bleibt ausdrücklich ein Klub, der auch weiterhin auf Transfereinnahmen angewiesen ist
Der VfB hat etwas geschafft, was ein Verein an dieser Stelle der Nahrungskette eigentlich nicht schafft. Und doch stellt sich angesichts all der Sätze und Gesichtsausdrücke, die von den Klubverantwortlichen in den vergangenen Tagen einzufangen waren, eine seltsam klingende Frage: War es überhaupt der Plan, den Kader so zusammenzuhalten? War es die klare und als mächtiges Statement gedachte Idee, für die vier offensiven Positionen im Hoeneß-System gleich acht hochkarätige Spieler zur Verfügung zu haben: nämlich Deniz Undav, Ermedin Demirovic, Jamie Leweling, Chris Führich, Bilal El Khannouss, Tiago Tomas sowie die vielversprechenden Zugänge Dzenan Pejcinovic und Leo Sauer?
Oder ist dieses ambitionierte Aufgebot eher Zufall? Oder, überspitzt gefragt: ein Versehen?
Um all die Gefühlskollisionen im Stuttgarter Talkessel zu verstehen, muss man tatsächlich zum letzten Transfertag zurückspulen, zu jenem 1. September, an dem die Beobachter in den Medien und sozialen Netzwerken aus einem einleuchtenden Grund sehr verwirrt waren. Weil es die Klubverantwortlichen auch waren. Auch sie konnten irgendwann nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob Jamie Leweling nun nach Rom wechseln würde oder nicht.
Angeblich hatte der Nationalspieler zunächst eine Zusage an die Römer angedeutet und am vorletzten Transfertag doch abgesagt, und auch die Vertreter des FC Everton sollen vom Spieler, so heißt es in England, eine Absichtserklärung und anschließend eine Absage empfangen haben. Beide Klubs wären bereit gewesen, etwa 40 Millionen Euro für Leweling zu bezahlen – eine Größenordnung, die sie beim VfB wohl akzeptiert hätten. Am Morgen des 1. September haben die Römer noch mal Kontakt zur Leweling-Partei aufgenommen und deren Reaktion offenbar als Zusage interpretiert – jedenfalls schickten die Italiener ein Flugzeug los, das Leweling rechtzeitig zum obligatorischen Medizincheck bringen sollte. Um 16 Uhr wäre der letztmögliche Slot für den Flug zurück nach Rom gewesen, aber der letzte Aufruf an den Passagier Leweling blieb erfolglos.
Jamie Leweling hatte sich entschieden zu bleiben. Wie El Khannouss, der nicht nach Saudi-Arabien wollte, wie Demirovic, der sich in Stuttgart angemessen aufgehoben fühlt. Und wie Vagnoman, dessen Transfer wohl am mangelnden Konsens zwischen dem VfB Stuttgart und Hull City scheiterte.
In Stuttgart bauen sie daraus die hübsche Geschichte, dass der VfB ein guter Ort zum Bleiben sei. Die Geschichte ist überhaupt nicht falsch, benötigt aber eine kleine Ergänzung: Einen dieser Spieler hätten die Stuttgarter durchaus gehen lassen. Der VfB bleibt ausdrücklich ein Klub, der auf Transfereinnahmen angewiesen ist, der Aufsichtsrat hatte offenbar einen gewissen Korridor definiert, innerhalb dessen sich die Erlöse bewegen sollten. Womöglich war auch das der Grund, warum der Trainer Hoeneß nach Abschluss der Transferperiode erst mal durchschnaufen musste. Er hat im vergangenen Sommer erlebt, wie Nick Woltemade plötzlich und am Ende ersatzlos verschwand, und nun dürfte ihm Lewelings On-off-Beziehung mit der Roma eine Art Déjà-vu-Erlebnis beschert haben.
Nun, da die Champions League ansteht, hat sich beim VfB aber wieder die Vorfreude durchgesetzt. Wozu das 4:1 gegen Köln ebenso beigetragen hat wie die relevante Transfereinnahme für den Mittelfeldspieler Chema, der kurz vor Transferschluss noch zum Premier-League-Klub aus Brighton gewechselt ist – für etwa 25 Millionen Euro, wovon für den VfB nach einer Vereinbarung mit Chemas Ex-Klub Real Madrid etwa 16 Millionen übrig bleiben. Dank ein paar weiterer Verkäufe summieren sich die Einnahmen am Ende doch auf etwa 30 Millionen.
Das fünfte Tor der bisherigen Bundesligasaison erzielte übrigens der Mittelfeldspieler Grischa Prömel. Der kam ablösefrei aus Hoffenheim, dem Gegner vom kommenden Wochenende.
Saufe und furz', das Leben ist kurz.