Mancher Foristen mutmaßliches Lieblings-links-grün-versifftes-Schmierblatt aus München kann es sich einfach nicht verkneifen
Für Euch aus dem SZPlus-Artikel ausnahmsweise das Best-Of, also eigentlich fast alles.
Annalena und Robert, Armin und Markus
Während CDU und CSU im Sandkasten aufeinander eindreschen, war die Kandidatenkür der Grünen knackig, achtsam, lieb - und kaltblütig gut inszeniert. Zeit für ein Lob.
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Während die Halbstarken von der Union, offenbar alleingelassen von allen Imageagenturen, mit schief sitzenden Gesichtern im Nieselregen vor der Titanic-haften CDU-Parteizentrale im grottigen Berlin auflaufen oder durch nasse Scheiben dabei gefilmt werden, wie sie in grässlichen Sitzungssälen herumfläzen und sich hassen, so erstrahlt, was die Grünen darbieten, wie ein Feinkoststand in etwa Hamburg-Blankenese oder Düsseldorf-Oberkassel: moosgrün, gelb, knackig und lieb, geerntet im Einklang mit den Gestirnen.
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Immer, wenn die Grünen nun reden, tun sie dies also vor dem Hintergrund einer Welt, die von uns zerstört wird und, wenn überhaupt noch, von ihnen gerettet. Die Bühne ist schon 90 Prozent der fabelhaften Inszenierung, sie steht in einer sterbenden Welt, an der wir uns vergangen haben, farnhaft, moosartig, es ist eine Bühne, die lebt und womöglich eben noch gegossen wurde, als Sonnentor eine große Blume, durch deren Blüte sie schreiten. My sweet Lord. Das Stehpult hat die Farbe eines hellgrünen Strich-Achters von Mercedes, Baujahr 1972. Die Wand dahinter hat die dunkelgrüne Farbe einer Schultafel. (Das Belehren, süß, sie können einfach nicht anders.)
Annalena kommt auf Robert zu. Robert auf Annalena. Sie berühren sich. Sanft mal am Arm. Sanft an den Händen. Ein Knuff. Robert geht nach links ab ins Dunkel. "Robert und ich ..." "Annalena und ich ..." Was man im Fernseher zu sehen bekam von der ummunkelten Kandidatenkür der Grünen, erinnert als Inszenierung in der Berliner Malzfabrik an etwas, was achtsame Eltern ihren Kindern in einem sorgfältig vorbereiteten Gespräch vermitteln: Dass man sich sehr, sehr lieb habe, dass sich aber doch etwas ändern werde. Aber eben lieb ändern, nicht böse. Nicht nur die Ehe, auch die Demokratie lebt vom Wechsel. Aber die Familie bleibt, wie ein gutes Team, doch zusammen. Bis die Annalena halt zurück ist. "Irgendeiner wartet immer", wusste schon Charles Bronson im besten Film aller Zeiten, wenn auch nur in der zusätzlich meisterhaften deutschen Synchronisation: "Spiel mir das Lied vom Tod". Dieses Team, Annalena und Robert, das sie nun verlässt, um reicher und beschenkt zurückzukehren, ist so gut, es wurde im Himmel geschmiedet.
Als sich die Grünen damals gründeten vor rund 40 Jahren als immer sehr leicht reizbare, oft auch kurios anzuschauende Blumengruppe, bekam man, wenn man sie bei Köpcke oder Klarner in den TV-Nachrichten sah, Lust auf eine Rasur auch dann, wenn man sich gerade erst rasiert hatte. Alle Grünen trugen Bart, auch die Frauen. Na und? Hauptsache ehrlich! Dramaturgisches Kalkül inmitten der damals hedonistisch sich orientierenden Gesellschaft war ihnen vollkommen fremd. Jede keifte jeden an. Kraut und Rüben. Sie waren das Wimmelbild einer Anti-Partei, sogar mit einer Prise frühem Trumpismus: Hauptsache dagegen. Basisdemokratisch, linksradikal, dabei mitfühlend, rot, lila, nihilistisch, katholisch, protestantisch, hysterisch, buddhistisch, atomfrei, waffenfrei und so zerstritten wie eine Studenten-WG vorm Badezimmer-Putzplan in Bonn-Beuel. Man musste sie einfach gernhaben, die kleinen haarigen Nervensägen.
All das, sogar auch diese Frühphase, ist wirklich endgültig Geschichte seit der Kandidatinnen-Kür 2021, die so kaltblütig gut eingefädelt wurde, dass man annehmen muss, so könnte sogar eine Annäherung zwischen den Konfliktparteien in Nahost funktionieren. Hubert Kleinert, Politikwissenschaftler und "Grüner der ersten Stunde", sagt im Deutschlandfunk-Interview: "Im Moment kann man sagen, die Grünen sind vom Amateur auf dem politischen Spielfeld zum Meister der Inszenierung geworden. In der Inszenierungskunst sind die Grünen ganz sicher die Nummer eins."
Vor dem Hintergrund der Annalena-und-Robert-Story wirken Söder und Laschet und ihre aus dem Leim gehenden Hintersassen in den Kreisverbänden nur noch wie pöbelnde Halbstarke. Wenn Baerbock von "Freiheit, Sicherheit und Wohlstand" spricht, ist das eine tolldreiste Wilderei im Gehege des liberalen Konservatismus. Die nur möglich ist, weil CDU und CSU im Gegenzug retardieren und im Sandkasten heulend und angepinkelt aufeinander eindreschen wie einst die Grünen auf dem entsetzlichen "Farbbeutel-Parteitag" von 1999 (die Jüngeren: bitte googlen). Mitten in der Vollkrise schreien die beiden Typen von CDU und CSU heraus, was zählt: das Ego. Oder, wie es früher auf der anderen Seite hieß: Wo bleibe eigentlich ich dabei? Die grüne Kunst ist es nun nicht nur, in Ruhe weiter konservativ zu sein, sondern auch, die Verblüffung der einst Konservativen klug zu nutzen. Merke: Keine Mannschaft ist so gefährdet, sich ein Tor einzufangen, wie die, die sich gerade ein Tor eingefangen hat.
Die Grünen umarmen derweil sich und uns. CDU und CSU verkünden steif und schockiert Neuigkeiten. Der eine tut das im grässlichen Berlin, der andere sitzt mit dieser tollpatschigen Pinsel-vorne-hoch-Frisur und müdem Matschgesicht in München herum, also, seien wir ehrlich, in den fernen Provinzen. Die Parteizentrale der CSU befindet sich zwar in der nach dem Stilgott benannten Mies-van-der-Rohe-Straße. Vermittelt wurde die autobahnnahe Immobilie aber von "Masken-Raffke" Sauter, und sie sieht aus wie ein Teppichlager . . . Nein, es läuft nicht gut.
Paartherapeutisch sieht die Sache nun so aus: Annalena und Robert öffnen sich für andere, mögen sich aber noch. Armin und Markus hingegen sind schlicht und plump geschieden. Missmutig sagen Tina Hassel und Bettina Schausten dem Armin die Meinung (Frau Hassel muss sie aber stets vom Zettel ablesen!), während die Annalena noch nicht eine wirklich inhaltliche Frage beantworten musste und alle Zeit findet, sich in Ruhe auf die Koalition mit dem vorzubereiten, was von CDU und CSU bis Ende September übrig bleibt. Als der Markus sagt, er verzichtet, schafft er es noch, dem Armin so hinterhältig wie eh und je in den Hintern zu treten ("der Wahlkampf wird bestimmt schwierig"). Am Dienstag steht Söder vor der blauen Löwen-Rauten-Musterung der CSU-Zentrale, die so tapetenhaft dünn ist wie die Sponsorenwand in den trübsinnigen Trainer-Befragungen der "Sportschau". Er nölt: "Wir waren bereit, unserem Land zu dienen!"
Wir? Meint er sich? Pluralis Majestatis? Nein? Dann ist ja gut.
Wir freuen uns auf Schwarz-Grün. Zweite Staffel, Folge 1: "Annalena und Armin - es kann nur eine geben."