Achtung, Triggerwarnung! Mein folgender Text überschreitet geringfügig den im Segglforum gewohnten Umfang. Manche Seggl könnten davon verstört oder von ihm überfordert werden. Da diesbezüglich in der Vergangenheit (letzte Woche) über Auslösereize berichtet wurde, bitte ich Seggl, die von dieser Idiosynkrasie befallen sind, den folgenden Text nicht zu lesen.Seren Dipity hat geschrieben:Local Zero hat geschrieben:Yale-Papier räumt mit Mythen auf "Sanktionen lähmen Russlands Wirtschaft"
Dieses Yale-Paper ist sehr umstritten, weil es in Ermangelung von Originaldaten und Informationen aus Russland auf groben Abschätzungen beruht. Ich glaube, dass im Moment niemand vorhersagen kann, was die Sanktionen mittelfristig bewirken. Nicht mal die Russen selbst dürften dazu in der Lage sein.
Bei wem ist das Yale Paper „sehr umstritten“?
Wer bestreitet die darin gemachten Aussagen?
Warum möchtest du dich denn unbedingt darauf beschränken, nur danach zu fragen was die Sanktionen „mittelfristig“ bewirken?
Ich habe trotz nochmaliger Suche niemanden gefunden, der deren Erkenntnisse in Zweifel zieht (was aber natürlich nichts besagen muss). Die Yale Studie stützt ihre Aussagen auf „high frequency consumer data, online screening data, data from the shipping/container/port industry, data mining through complex big data sources, releases from Russia’s international trade partners, and comprehensive aggregate data from international organizations such as the World Bank, IEA, OPEC, and multinational businesses in addition to anecdotal reports and observations from business acquaintances, partners, and our team on the ground in Russia in performing what we believe to be one of, if not the most, comprehensive and wide-ranging analyses of the overall state of the Russian economy in the months following the implementation of unprecedented sanctions.“ (Yale Paper Seite 10 oben)
Das sind alles andere als „grobe Abschätzungen“, das sind (auch) hard facts. Dieses 42-köpfige, zwölfsprachige Forscherteam müsste schon recht blöde sein, würde es seine eigene Reputation und die ihrer Universität - Yale ist ja nun nicht gerade eine Baumschule – sowie die anderer beteiligter Universitäten (Columbia, LSE, Humboldt) - für eine nicht valide Studie aufs Spiel zu setzen.
Natürlich wird die Yale Studie kein zu 100 Prozent korrektes Bild der momentanen Situation der russischen Wirtschaft abbilden. Das war aber auch gar nicht das Ziel dieser Studie. Worum es geht, steht er gleich im ersten Satz (um den Mythos der „supposed “resilience” and even “prosperity” of the Russian economy“). Wir - und auch die Russen übrigens - wissen stand jetzt noch nicht, ob diese Studie das Ausmaß des Einbruchs der russischen Wirtschaft über- oder unterschätzt. Das ist auch gar nicht notwendig, denn dass sie massiv eingebrochen ist, würden wohl nur noch die Russen selbst bestreiten (oder die zahlreichen Putin-Freunde, die Russland im Ausland hat sowie die zahlreichen Propagandaopfer).
Gleichzeitig leistet sich Russland das teuerste, wofür man überhaupt nur Geld ausgeben kann: Einen riesigen Angriffskrieg auf ein sehr kampferprobtes, widerstandswilliges und in zunehmendem Maße konventionell-waffentechnisch mindestens gleichwertiges Land.
Das Yale Papier enthält insgesamt fünf Kern-Argumentationslinien.
1. Russlands Exporte und Importe sind auf seinem wichtigsten Markt, Europa, deutlich zurückgegangen, gleichzeitig scheitert Putins Versuch, diesen Ausfall in Asien auszugleichen. (siehe Yale Paper Section II)
2. fehlen den russischen Firmen wegen Lieferkettenunterbrechungen Komponenten, Teile, Technolgie und Vorprodukte (siehe Yale Paper Section III)
3. hat sich die Stimmung der russischen Verbraucher verschlechtert. (siehe Yale Paper Section IV)
4. hat Russland hat durch den Rückzug 1000 ausländischer Investoren innerhalb von nur vier Monaten 40 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verloren. Investoren, die möglicherweise für Jahre oder Jahrzehnte auch nicht wieder zurückkehren werden. (siehe Yale Paper Section V)
5. sind die russischen Staatsfinanzen durch die Sanktionen stranguliert, während die Devisenreserven des Landes schwinden. (siehe Yale Paper Section VI)
Das ist wohl mehr als nur eine „Konjunkturdelle“. Und nichts - und darum gehts ja eigentlich - deutet darauf hin, dass die Sanktionen die Wirtschaft des Westens härter treffen als die Russlands. Ja, auch die Sanktionierer leiden unter ihren Sanktionen. Aber so fundamental neu ist diese Erkenntnis nun auch nicht, das ist das Wesen von Sanktionen. Zudem auch gehört, dass nur der sie ausübt, der sie sich auch leisten kann. Und im Übrigen hat auch nie irgendjemand, der noch halbwegs logisch denken kann jemals bestritten, dass die Sanktionen dem Westen nicht auch wehtun würden.
Aber, und das ist der entscheidende Punkt um den es hier geht: Wirklich rein gar nichts deutet darauf hin, dass Russland weniger unter diesen Sanktionen leidet als der Westen. Man findet diese Aussage des Öfteren zum Beispiel auf Twitter, wenn man sich dann aber anschaut, wer diesen hanebüchenen - und bislang übrigens auch noch nirgendwo belegten! - Unfug verbreitet, disqualifiziert sich deren Wahrheitsgehalt von ganz allein. Meistens sind das entweder einige versprengte LINKE-nahe Amerika/NATO-Hasser oder AfDler. Bemerkenswerterweise Personengruppen also, die höchstwahrscheinlich aus Moskau Geld bekommen/haben. Oder die üblichen Putin-„Versteher“ und selbsternannten „Cancel-Culture“-Opfer wie Wagenknecht, Guerot, Vad, Varwick, Welzer, Precht oder Merkel, die komischerweise trotzdem permanent irgendwo im Radio, Fernsehen oder Printmedien eine Bühne bekommen (False Balance at ist best).
Seren Dipity hat geschrieben:Andere Studien/Autoren haben darüber spekuliert, ob die Sanktionen nicht auch für Russlands Wirtschaft eine große Chance darstellen fehlende Produkte/Technologien im eigenen Land aufzubauen und/oder neue Handelspartner zu finden.
Das interessiert mich, könntest Du mir die entsprechenden Links dazu schicken oder Quellen nennen? Ich habe bisher keinen einzigen Ökonomen oder Wirtschaftswissenschaftler gehört oder gelesen, der das belegen könnte.
Meines Wissens nach verliert Russland gerade zehntausendfach seine wichtigste Ressource: Junge gut ausgebildete Fachkräfte (300.000 seit März, darunter 50.000 Informatiker). On top kommen da noch die Stand Anfang August ca. 40.000 Soldaten, die getötet wurden und etwa dieselbe Anzahl Verwundeter.
Ja, Russland hat bereits neue Handelspartner gefunden (siehe Ölexporte nach Indien). Mit den gestern in diesem Thread beschriebenen negativen Folgen. Nur werden diese neuen Handelspartner 1. nicht mal ansatzweise den Sanktionsausfall kompensieren können (siehe Yale Paper Section II). und sind 2. wohl häufig selbst nicht gerade die politisch stabilsten und wirtschaftlich verlässlichsten Geschäftspartner.
Und das Argument Russland könne „fehlende Produkte/Technologien im eigenen Land aufbauen“ kann man sich wahrscheinlich gerade täglich im russischen Staatsfernsehen anhören. Oder auf Deutsch-Twitter von den bereits oben genannten einheimischen Politikern oder RT. Was es nicht richtiger macht.
Das war es erst mal zu diesem Punkt, SD. Zu den weiteren später.
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