Ich weiß zwar ehrlich gesagt selbst nicht warum... aber gut, sag ich halt mal was zur Kultur, ist ja eh mittlerweile alles scheissegal...
@Kultur
Unsere Kultur ist all das, was in unser Gehirne gelangen kann und gleichzeitig außerhalb unseres eigenen Gehirns unseren individuellen Tod überlebt.
Damit ist die Kultur gleichzeitig fast alles, was uns als Menschen ausmacht. Ich habe als Neurowissenschaftler ne ganze Weile gebraucht, bis ich das begriffen hatte. Also, dass man das, was uns auch geistig ausmacht, zum allergrößten Teil gar nicht in unserem Gehirn finden kann. Nehmen wir zur Verdeutlichung mal die Sprache. Die Sprache kommt aus der Kultur hinein ins menschliche Gehirn. Nicht umgekehrt. Würde man beispielsweise mit einem Kleinkind nicht sprechen, würde es niemals Sprache erlernen - ausgeschlossen. Niemand von uns, würde irgendetwas wissen oder können, wenn man es uns nicht aus dem Kulturraum in unsere Gehirne vermittelt hätte. Alles was wir glauben zu wissen, jedes Bisschen Gewissheit, kommt von außen, aus der Kultur in unseren Kopf hinein. Und was da rein kommt, in unseren Geist, sind letztlich wieder unsere Vorfahren, bzw. alles was diese jemals in ihrem Kopf selbst für eine Weile hüteten.
[Dadurch ist Kultur etwas nahezu Mystisches, denn sie existiert als ein lebendiges Wesen, welches sich ständig verändert, aber außerhalb von allem, was die Physik beschreiben könnte]
Im Grunde kann man uns Menschen also auch als so eine Art Vehikel für Kultur beschreiben. Wir hüten die Kultur und geben sie von einer zur nächsten Generation weiter, ganz ähnlich wie unsere Gene. Nur, dass die Gene in uns sind und daß wir diese nicht kennen und auch nicht bewußt weitergeben können, während das Kennzeichen der kulturellen Tradierung gerade darin besteht, dass wir uns unserer Kultur teilweise bewußt werden und sie auch bewußt und selektiv weitergeben wollen. Wir sind also Kulturvehikel mit einem aktiven Filtermechanismus. Wir streiten darum, was "unsere Kultur" ist und jeder nimmt am Ende eine individuelle kulturelle Ausprägung an. Und diese individuelle Ausprägung ist nicht schlecht! Nein, sie ist fast lebensnotwendig für die vollständige Tradierung. Man könnte sogar sagen, dass ist der Überlebenstrick unserer Kultur, dass sie sich nicht einen läßt auf eine Einheitskultur, sondern sich in 7,7 Milliarden Gefäßen in ihrer komplexen Gesamtheit zu tradieren gedenkt! Ganz schön schlau das Biest. Und in diesem Effekt, finde ich auch einen der ganz sicheren positiven Aspekte des Individualismus wieder, der meine eigene, eher kollektivistische Sichtweise immer wieder empfindlich gestört hat.
Und so umfasst das was wir alle am Ende unseres Lebens weitergeben haben als Kultur, trotzdem das Extracerebrale der gesamten Menscheit die jemals lebte. Wir tragen, solange wir leben, die Kultur der gesamten Menscheit in uns. Vom ersten Augenblick an. Man kann das an sehr vielen Dingen erkennen, wie tief das geht...
Soll man jetzt von Kulturen in der Mehrzahl reden? Also gibt es Nationalismus, Regionalismus bei der Kultur? Ja, gibt es doch ganz offensichtlich. Unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Bräuche und alltagliche Rituale, Wertvorstellungen usw. Andererseits hat keine Region eine so völlig andersartige Sprache, Bräuche, Rituale und Wertvorstellungen entwickelt, dass man wirklich von einer gänzlich anderen Kultur reden könnte. Die Kulturen sind sich eigentlich sehr ähnlich. Und es ist auch gut und richtig, dass es nuancierte, kulturelle Unterschiede gibt. Denn so haben wir die Chance wirklich die gesamte Weltkultur, also das Erbe all unserer Ahnen, und damit das Wichtigste was wir überhaupt besitzen, verteilt auf sehr viele Schultern, am Ende möglichst vollständig an die nächste Generation weiterzugeben....
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Noch als Nachtrag: wenn heute Multikulturalismus, als politischer Kampfbegriff verwendet wird, wird damit eigentlich so gut wie nie, die Kultur beschrieben.... sondern immer gleich ganz bestimmte Menschen, wie man glaubt, ganz bestimmter Herkunft. Funny.
Wir haben aber alle nunmal die exakt gleiche Herkunft und ausgerechnet unsere Kultur macht sich bei ihrer Tradierung zu eigen, dass wir das ständig wieder vergessen, bzw., seien wir mal ehrlich, nie wirklich begreifen konnten. Manchmal könnte man wirklich meinen, unsere eigene Kultur spielt mit ihren kleinen sterblichen Gefäßen, von denen aber ihr eigenes Überleben unmittelbar abhängt. Der sterbliche Mensch braucht die Kultur zum Menschsein und die potentiell unsterbliche Kultur, als eigenständiges Wesen, braucht uns streitbare Menschlein in unserer Unterschiedlichkeit zum überleben...
Zuletzt geändert von Frank N Furter am 13. Mai 2020 11:33, insgesamt 1-mal geändert.