Ich frage mich häufiger, ob das heutige, hoch konfrontative Lagerdenken früher auch schon so stark ausgeprägt war oder ob durch das Internet diese neue Form extremer Ausprägung erst entstanden ist.
Die politische Kultur in unserem Land ist jedenfalls weitestgehend perdu. Die ehemals angemahnten "echten Demokraten", zu deren charakterisierendem Selbstverständnis gehören sollte, sich für die Meinungsäußerung Andersdenkender einzusetzen, sind nur noch Stilfiguren für Zitate.
Gestern wurde an den 10. Jahrestag einer furchtbaren Tat erinnert, den Mord an Marwa-el-Sherbini. Getötet von einem durchgeknallten Rassisten:
https://www.tagesspiegel.de/politik/jah ... 10176.htmlDie Tat war auch deshalb so schockierend, weil alle im Gerichtssaal dabei zugeschaut haben, wie der Rassist 34 Messerstiche in die Schwangere und ihren Mann einbringen konnte. Der Gerichtspolizist, der für Ordnung sorgen sollte, schoss in seiner "Unfähigkeit" am Ende dem Ehemann der Getöteten noch ins Bein, so dass die Schwangere tatsächlich hilflos abgemurkst werden konnte.
Es ist wirklich erstaunlich, wenn man die Reaktion auf den Fall Lübcke von heute mit dem Mord an der schwangeren Agypterin vor 10 Jahren in einem deutschen Gerichtssaal vergleicht. Damals gab es tatsächlich keinerlei nennenswerte "Reaktion". Das war ja dann später auch bei den NSU-Morden kaum anders.
Jetzt, wo mit Lübcke ein Politiker getötet wurde und eine Vielzahl von Politikern Morddrohungen erhält, wird die rechtsradikale Gewalt durch die Politik plötzlich ernstgenommen. Oh, Wunder.
Leider führen nun aber genau solche Entgleisungen wie die Stegners, zitiert im obigen FAZ-Artikel, dazu, dass die völlig unempathische Polarisierung nur noch weiter angeheizt wird. Die Argumente der "Gegenseite" werden noch nicht mal mehr rezipiert, geschweige denn mitgedacht oder beantwortet.
In einer Hass-Demokratie, die sich eben dadurch auszeichnet, dass nur noch gehasst wird, wo Argumente hingehörten, muss man sich nicht wundern, wenn Gewalt in die Politik einsickert.