@spielgerät
ach wo soll ich denn da anfangen. zunächst: du wirst dich wundern, denn so weit sind wir nicht voneinander entfernt. es geht aber um das wie.
Frau Allmendinger: Die steht ja auf der richtigen Seite, vlt ärgert es mich daher umso mehr, dass sie sich populistischer Formulierungen bemühen muss. Wieso macht sie das?
Wie ein Sturm hätten die Schulschließungen in der ersten Welle der Pandemie gewütet
oder bei ihrem anderen Thema:
Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung,... behauptete, dass Frauen in der Coronakrise »eine entsetzliche Retraditionalisierung« erleiden würden. Das Land verliere durch die Folgen der Virusbekämpfung »bestimmt drei Jahrzehnte« auf dem Weg zur Gleichberechtigung.
Nochmal: Was soll das? Wenn es ihr wirklich und ehrlich um die Sache geht muss sie versuchen die Menschen zu überzeugen und mitzunehmen. Das macht sie nicht, sie wiegelt auf mit derartigen Begrifflichkeiten. Was also ist ihre Agenda?
So, dass selbstverständlich Kinder und Jugendliche aus bereits belasteten Familien, bildungsschwachen und sozial abgehänbgten Familien am meisten unter dieser Pandemie leiden ist klar. Da brauchen wir uns nicht zu streiten. Die leiden schon in wirtschaftlich positiven Zeiten (dazu später noch mehr) und klar potenziert sich das bei denen. Nur, wo sind denn die Aussagen und Forderungen danach, dass Schule und Kita zuvorderst dieser Zielgruppe zur Verfügung gestellt werden soll? DA würde ich sofort unterschreiben, und sie sind dann im Laufe der zeit auch vereinzelt aufgetaucht. DAS wäre für mich eine Forderung, bei der Frau Allmendinger auch mal schärfere Worte verwenden dürfte: Wir brauchen Infektionsschutz ... ok, reduzieren wir die Anzahl der Kinder und Jugendlichen in der Präsenzsituation. Wer darf dann bevorzugt kommen? Die, die es wirklich nötig haben. Wer entscheidet das? Die Lehrer_innen und Erzieher_innen in Abstimmung mit sozialen Diensten wie ASD, SPFH, dem Jugendamt, etc. Red Blues hat doch recht, für viele wäre ein Bummeljahr mit anschließendem Wiederholen überhaupt nicht schlimm. Das hatten wir Jungs früher alle .... und Bummeljahr war jetzt natürlich nicht ernstgemeint ... ein Jahr, in dem man außerhalb der schulischen Bildung massiv lernen kann, gesellschaftliches Leben, Zusammenhänge, Einsatz für Schwächere, etc. DA wäre ich dabei, Frau Allmendinger begründet einen Initiative zugunsten der armen, schwachen und vernachlässigten Kinder in diesem reichen Land. Das Schuljahr 2020/2021 steht zuvorderst im Zeichen, dass diese nicht weiter abgehängt werden dürfen und alle Systeme werden danach ausgerichtet. Dann müssten die jetzt auch nicht frieren, weil sie weiterhin ohne Frühstück und gescheite Jacke in auf 13 Grad heruntergelüftete Klassenzimmer kommen müssen. Weil nämlich die Schule für sie und die Notbetreuung reserviert bleibt und die, bei denen es zuhause gut geht, zuhause lernen können. Aber wir haben ja die heilige Präsenzpflicht für alle.
Und ich bin eben auch deswegen so angepisst, weil ich mich Zeit meines Berufslebens mit ein paar Jahren Ausnahme mit diesen Kindern und Jugendlichen beschäftige. Ich habe so viel über soziale Ungleichheit gelesen, dazu gearbeitet, argumentiert, diskutiert. Und ja, in Fachkreisen (und deswegen bin ich ja dem Grundsatz nach auch bei Frau Allmendinger) ist das Thema bekannt und wird besprochen ... aber gesellschaftlich hat das doch null Relevanz. Ich rede nicht von dir oder anderen hier aus diesem Forum, sondern allgemein. Wie werden denn die alljährlich wiederkehrenden Studien zur Kinderarmut in Deutschland aufgenommen und diskutiert? Ich sag es dir: Gar nicht. Das ist meistens einen SPON-Artikel wert, der nach einem halben Tag nach unten durchgereicht wird. Und da finde ich es eben verlogen, wenn auf einmal das so ein großes und wichtiges Thema wird. Das es ja ist, aber es wird eben überhaupt nicht in die Richtung diskutiert, wie können wir dieser Gruppe besonders helfen .... sondern diese Kinder und Jugendlichen sind (das jetzt eine zugespitzte Meinung) Argumentationsfutter. Und das macht mich besonders ärgerlich.
Noch was zur Resilienz: Hast du schon Texte zur Resilienzforschung gelesen? Es ist ja alles richtig, was in den vielen kurzen Texten, die du da verlinkt hast, steht. Es ist aber auch richtig, was man insbesondere auch in zusammenfassenden Artikeln zu lesen bekommen hat, dass Kinder und Jugendliche dem Grunde nach in der Summe ganz gut durch diese Pandemie kommen. Das die nicht Juchhu schreien, klar, aber wer macht das schon? Das die ihre Freunde vermissen, klar. Mach ich auch. Das die in Teilen denken, es wird nicht mehr wie vor der Pandemie sein, richtig. Wird vielleicht so sein. Für die meisten wird diese Zeit eine wahrnehmbare und auch langfristig wahrnehmbare Zeit in ihrem Leben sein und Spuren hinterlassen. Das werden wir nicht ändern können. Ich verweher mich gegen überdramatisierende Beschreibungen in jegliche Richtungen. Die ganze Gesellschaft leidet. Die Dinge gegeneinander auszuspielen halte ich für falsch ... wir sollten vielmehr schauen, wie wir für alle da draußen möglichst intelligent durch diese Krise kommen. Holzhammerargumente sind da fehl am Platz:
Jutta Allmendinger zum Schluss:
Ein Modell wie in Belgien, Frankreich oder Irland, das Erwachsene stärker zur Senkung von Inzidenzzahlen in die Pflicht nimmt, um Kindern nicht noch einmal über Wochen den Zugang zu Bildung zu verweigern , kommt hierzulande offenbar nicht infrage.
Hab ich was verpasst? Wurde Kinder aktiv über Wochen der Zugang zu Bildung verweigert? Gab es gar keinen Unterricht mehr? Der war vielleicht schlchter, an manchen Stellen vielleicht sogar besser, manche Lehrer kannst du im Klassenzimmer wie im Beschulen zuhause auf den Mond schießen ....
Ah, doch noch was. Häusliche Gewalt, beschissenes Thema. Wichtiges Thema. An der Stelle frage ich mich grundsätzlich immer eins (und das jetzt bitte nicht als Gegenargumentation zum Kümmern um dieses Thema verstehen): Wenn uns wichtig ist, dass das weniger wird und am Besten nicht mehr stattfindet, das Typen zuhause Frauen und Kinder prügeln, wieso dann lassen wir es zu, dass unsere Gesellschaft, unser kapitalistisches Ellenbogensystem, andauernd neue solcher Typen produziert? Ändern wir das, sorgen wir für mehr Chancengleichheit, sorgen wir für mehr Gerechtigkeit, gehen wir endlich die überfällige Umverteilung des Kapitals an ...