Roman von Riethmüller an Thomas Hitzlsperger.
Lieber Hitz,
weil ich Sie sehr schätze und mir Ihres Wertes für den VfB bewusst bin, ich in meinem Leben auch schon den einen oder anderen groben Fehler gemacht habe (wer erinnert sich nicht an meinen blöden Facebook-Kommentar damals über Ascacibar?), und weil ich nicht will, dass mein Herzensverein vor die Hunde geht, wende ich mich hiermit an Sie.
Als Spieler und als Meistertorschütze beliebt, als Bundesverdienstkreuzträger verehrt, stehen Sie mitverantwortlich für den derzeitigen tollen Fußball, den unsere junge Mannschaft spielt. Gleichzeitig sind Sie als Vorstandsvorsitzender aber nicht nur fürs Sportliche mit verantwortlich, sondern auch als Manager und Führungskraft in der AG. Allerdings haben Sie in diesem Bereich wenig Erfahrung. Und das wussten alle, als Sie dieses Amt bekommen haben. Das ist auch ganz normal.
Jetzt müssen Sie sich mit Themen in Bezug auf Kommunikation, Zusammenarbeit, Konfliktmanagement etc. auseinandersetzen, die man nur mit sehr viel Erfahrung erfolgreich löst. Ich bin zwar knapp 10 Jahre älter als Sie, aber auch ich lerne immer dazu.
Jahrelang haben sich in meinem Unternehmen mein Vater, mein Onkel und ich, drei unterschiedliche Generationen und völlig verschiedene Typen, viel gezofft. So sehr, dass wir auch Moderationen von außen gebraucht haben. Und dabei haben wir eine Botschaft verstanden: Unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Herangehensweisen, unterschiedliche Strategien sind ein großes Gut und die Voraussetzung für Erfolg. Nur wenn alle lernen, sachlich und vernünftig miteinander umzugehen, sind Sie allen anderen immer ein wenig voraus, weil Sie dank der unterschiedlichen Sicht- und Denkweisen viel mehr Möglichkeiten in Betracht ziehen, als andere.
Dass in einem Verein, in dem jahrzehntelang die Gremien einen Präsidenten ihrer Wahl ausgesucht haben, alles anders ist, wenn die Mitglieder den Präsidenten bestimmen, sollte als normal angenommen werden. Plötzlich vertritt jemand die Interessen des größten Aktionärs, des e.V., und die mögen andere sein, als die der AG. Auch das war vorherzusehen, deshalb haben sich ja viele von uns mit der Ausgliederung so schwer getan und sich um so mehr erhofft, als sie als Mitglieder endlich zum ersten Mal tatsächlich eine echte Wahl hatten, wer ihr Präsident sein soll.
Ich kann mir vorstellen, dass es mit Claus Vogt kontrovers ist. Ich habe während unserem Präsidentschaftswahlkampf auch den einen oder anderen Kampf mit ihm ausgefochten, und musste mich geschlagen geben. Er gibt nicht so schnell nach, er verfolgt seine Ziele, die aus meiner Sicht stark mit denen der Mitglieder übereinstimmen, konsequent, und er ist wie Sie auf seinem Posten unerfahren und macht Fehler. Da ist eine Zusammenarbeit sicher nicht einfach. Aber auch das war zu erwarten bzw. zu erhoffen, weil wir auf der einen Seite eine erfolgreiche AG haben wollen, auf der anderen Seite einen Verein und dessen Präsidenten, der seine Mitglieder vertritt und ihnen Gehör verschafft, und da können die Interessen schon mal auseinanderliegen. Vielleicht müssen sie das sogar.
Leider, und das ist mein Kritikpunkt schon seit vielen Jahren, sind wir in den Gremien nicht ausreichend gut besetzt. Das ist jetzt eine Behauptung von mir, die ich allerdings durch den beispiellosen Niedergang des VfB in den Jahren 2010 bis 2019 belegen zu können meine. Und jetzt haben wir einen unerfahrenen Vorstandsvorsitzenden und einen unerfahrenen Präsidenten, die beide ihre Fehler machen, die nicht auf Anhieb so gut miteinander können, die aber auch in ihren Bereichen viel Gutes erwirkt haben. Leider gibt es aber offenbar weder im Aufsichtsrat, noch im Präsidium, noch im Vorstand und auch nicht im Vereinsbeirat jemanden , der erfolgreich moderierend eingreift. Alle Gremien geben in der jetzigen Situation ein schlechtes Bild ab.
Nur wenn die Interessen der Mitglieder und Fans beachtet werden, kann der VfB mittel- und langfristig zur Ruhe kommen und nachhaltig erfolgreich sein. Und zum Erfolg gehören auch die Ultras, die ich in meiner Präsidentschaftskampagne kennen- und auch schätzen lernen durfte, und viele andere Mitglieder außerhalb des Business-Bereichs. Und während Sie die AG vorangebracht haben, hat Claus Vogt den Mitgliedern und Fans die Hand gereicht, die in den Jahren vorher abgehackt worden war. Sie beide waren auf Ihre Art und Weise erfolgreich für unseren VfB, auch wenn Sie beide nicht miteinander zurechtgekommen sind. Aber leider haben Sie sich, lieber Hitz, zumindest hat man das Gefühl, von den Fans und Mitgliedern (unbewusst?) entfernt, was viele in den Gremien schon seit Jahren getan haben.
Der große grundlegende Fehler, der gemacht wurde und wird, ist, dass die Versprechen der Ausgliederung gebrochen werden, und niemand sich dazu äußert. Leider lässt Sie dabei auch der Vereinsbeirat im Stich, denn dieser hätte Ihre Bewerbung zum Präsidenten einfach ablehnen müssen. Direkt. Oder der Aufsichtsrat hätte Ihnen diese vom AR genehmigungspflichtige Nebentätigkeit (neben Ihrem Amt als Vorstandsvorsitzender) einfach nicht genehmigen dürfen. Dann hätte es keinen Brief gegeben, und es hätte viel Schaden abgewendet werden können. Und es wäre so einfach gewesen, Ihre Kandidatur abzuschmettern, hat doch kein geringerer als der damalige Interimspräsident, AR- und Präsidiumsmitglied Bernd Gaiser uns das Wort gegeben, im November 2019 beim dunkelroten Tisch, dass der Präsident auch AR-Vorsitzender sein wird. Aber auch dieser Wortbruch wird weder vom AR, noch vom Präsidium, noch vom Vereinsbeirat kritisch angesprochen.
Und so hat es den Anschein, dass die Gremien Sie und Herrn Vogt geradezu sehenden Auges ins Verderben rennen lassen. Denn es ist einigen offenbar lieber, einer von Ihnen beiden oder Sie beide und der VfB gehen unter, aber diese Personen selbst können ihre Posten behalten – denn unter einem starken Präsidenten Vogt mit möglicher Mehrheit im Präsidium (dank den Neuwahlen im Herbst) und somit Einfluss auf die Besetzung des Aufsichtsrates müssten einige im AR um ihren Posten bangen. Um es ganz deutlich zu sagen: Einige Herren opfern Sie, unseren Hitz, und lassen Sie in einen Kampf gegen Claus Vogt rennen, den niemand gewinnen kann – nur um die eigene Stellung zu sichern. Dabei meinen es sicherlich sowohl Claus Vogt als auch Sie gut für unseren VfB!
Aber so, wie Ihnen und Claus Vogt derzeit niemand aus den Gremien wirklich hilft, so interessiert beim VfB, zumindest bekommt man das Gefühl, kaum jemanden das Interesse der Mitglieder. Mit deren Vertrauen lässt sich aber viel mehr bewegen, als ohne dieses. Und der VfB wird auch auf seinem derzeitigen tollen sportlichen Weg irgendwann in eine Krise kommen. Und da kommt es auf uns Fans und Mitglieder an, wie wir diese bewältigen. Fans und Mitglieder, die dem Verein, dem Präsidenten und dem Vorstandsvorsitzenden vertrauen, werden uns durch schwierige Zeiten besser durchbringen, werden Ihnen alle Fehler verzeihen, wenn sie an Sie glauben und Ihnen vertrauen. Das ist ein unbezahlbares Gut! Werfen Sie es nicht weg! Dieses Vertrauen, das unter Claus Vogt langsam wieder aufgebaut wurde, geht gerade komplett verloren. Dieses Vertrauen wird nur dann erhalten bleiben, wenn nicht der Vereinsbeirat darüber entscheidet, ob Claus Vogt Präsident bleibt, sondern wir Mitglieder.
Wenn Sie jetzt nach Ihrem Rückzug von Ihrer Kandidatur, noch den entscheidenden Schritt auf Claus Vogt zugehen, und dem Vereinsbeirat empfehlen, Claus Vogt zur Wahl zu stellen, hätte im Falle einer Wiederwahl auch Claus Vogt keine andere Wahl, als auf Sie zuzugehen und mit Ihnen gut zusammenzuarbeiten. Mit diesem Schritt würden Sie den Druck auf Claus Vogt erhöhen – positiv gesehen. Und auch Claus Vogt würde unter ständiger Beobachtung stehen und an sich arbeiten müssen, um die Zusammenarbeit mit Ihnen zu verbessern – das ist ja nichts Einseitiges.
Und wenn die Mitglieder Claus Vogt nicht wieder wählen, dann ist es auch okay, aber dann haben wenigstens die entscheiden dürfen, die im e.V. die wichtigste Rolle spielen (sollten). Ich will hier auch nochmals deutlich machen, dass es mir nicht darum geht, dass Claus Vogt Präsident bleibt, sondern vor allem darum, dass wir Mitglieder darüber entscheiden. Und so wie Sie für sich das Recht nehmen, trotz Ihres Briefes Vorstandsvorsitzender zu bleiben, sollte auch Claus Vogt die Chance bekommen, trotz seines Alleingangs bei der Verlegung der Mitgliederversammlung den Mitgliedern nochmals zur Wahl gestellt zu werden. Entweder, wir erlauben und verzeihen allen Fehler, oder niemandem. Derzeit hat man das Gefühl, das wird sehr einseitig betrachtet.
Eine Nichtnominierung des aktuellen Präsidenten müsste nachvollziehbar begründet werden, andere Kandidaten müssten absolut überzeugend und mehrheitsfähig sein (davon trifft im Moment aus meiner Sicht nichts zu). Sonst wirkt Ihr Rückzug von der Kandidatur schnell als erneutes rein taktisches Manöver, das deshalb leicht gefallen ist, weil Claus Vogt ebenfalls nicht kandidieren darf. Es wird für jeden anderen möglichen Präsidenten schwer werden, wenn er nicht von sich behaupten kann, den amtierenden Präsidenten „besiegt“ zu haben, sondern nur dank des Vereinsbeirats Gnaden mangels vernünftiger Alternativen aufgestellt und gewählt worden zu sein.
Denken Sie nur an die Situation, wenn von 2 anderen Kandidaten bei der Wahl keiner über 50% kommt, weil unzufriedene Mitglieder beiden ein „Nein“ geben – was für eine Blamage wäre das für den VfB? Oder wenn bei der Mitgliederversammlung der Satzungsänderungsantrag die nötigen Stimmen bekommt, dass immer der amtierende Präsident zur Wahl zugelassen werden muss? Wollen Sie das Risiko gehen, das so etwas passiert, und den VfB damit noch mehr der Lächerlichkeit preisgeben, als das durch Ihren Brief und Ihre Kandidatur ausgelöst und durch das darauffolgende unsägliche Verhalten aller Beteiligten eh schon geschehen ist? Wäre es da nicht im Sinne aller Beteiligten besser, Vogt zur Wahl zuzulassen – trauen Sie es uns Mitgliedern nicht zu, ihn abzuwählen, wenn er tatsächlich nicht geeignet ist?
Sie dürfen sich derzeit offenbar der Unterstützung der Gremien sicher sein. Aber wäre es nicht viel schöner und besser, wenn Sie sich der Unterstützung des überwiegenden Teils der Mitglieder sicher sein könnten? Die Gremien sind austauschbar – wir Mitglieder und Fans nicht. Das merken wir doch gerade in den leeren Stadien. Ohne uns Fans ist der Fußball nichts. Ohne die Cannstatter Kurve fehlt das Salz in der Suppe.
Manchmal ist es langfristig besser und zeugt es von mehr Größe, eine Niederlage anzuerkennen, Fehler einzugestehen, als auf Teufel komm raus den Kampf zu Ende zu führen, selbst wenn man ihn am Ende gewinnt. Denn wenn auf dem Weg zu dem vermeintlichen Sieg so viel kaputtgemacht wird, dass es Jahre dauern kann und wird, wieder Vertrauen aufzubauen, dann kann ein Sieg auch eine Niederlage sein. Wenn man aber einlenkt, nachgibt, die Größe besitzt, Kompromisse für die Sache einzugehen, dann kann man trotz vermeintlicher Niederlage den Platz als Sieger verlassen. Wenn Sie diese Größe zeigen, gewinnen Sie auf einen Schlag das Vertrauen vieler Mitglieder und Fans zurück.
Auch ich habe in der seit Wochen schwelenden Diskussion nicht immer gut kommuniziert, manchmal zu reisserisch, so dass mir der eine oder andere vorwirft, das würde zur Spaltung beitragen. Diesen Vorwurf muss ich mir gefallen lassen, und wenn es so ist, dann tut mir das leid. Vielleicht liege ich auch völlig falsch, und Claus Vogt ist ungeeignet als Präsident, und/oder Sie sind überfordert und ungeeignet als VV – ich weiss es nicht aber glaube beides nicht. Ich möchte mir aber nie vorwerfen müssen, ich hätte es nicht versucht, denn dafür liegt mir unser VfB zu sehr am Herzen. Ich schreibe diesen Brief öffentlich, weil ich damit eine Brücke bauen will, mir Transparenz sehr wichtig ist und ich die Argumente auch für andere handelnden Personen beim VfB für wichtig halte.
Lieber Hitz, wir brauchen Sie. Als starken Vorstandsvorsitzenden. Für unseren VfB. Überlassen Sie es aber bitte den Mitgliedern, die den Verein seit vielen Jahren durch viele Tiefs begleitet haben und dabei ein ganz gutes Gespür für alle handelnden Personen entwickelt haben, welchen Präsidenten wir wählen. Und mit dem müssen Sie dann zusammenarbeiten. Das bringt die neue Konstellation seit der Ausgliederung nun mal mit sich. Sie haben es mit in der Hand. Sie dürfen dem Vereinsbeirat zwar nicht reinreden, gleichzeitig hätte eine öffentliche Stellungnahme von Ihnen, die sich positiv zu einer Aufstellung von Claus Vogt zur Wahl äußert, sicherlich eine nicht zu unterschätzende Wirkung. Auch und vor allem bei vielen Mitgliedern.
Bleiben Sie gesund und dem VfB erhalten. Mit weiß-roten Grüßen
Christian Riethmüller
An sich nicht schlecht, aber ich fürchte, er kennt und teilt halt vor allem Vogts Seite (ist ja bekannt) - und deshalb kann er nicht beurteilen, wieviel intern in den letzten Monaten auch bei Hitz persönlich kaputt gegangen ist. Wir können wohl alle davon ausgehen, dass Hitz von seiner Art her Vogt zu Beginn durchaus offen und „teamplayend“ begegnet ist. Wenn es jetzt so gar nicht mehr geht zwischen den beiden... Tja... Ganz so einfach, wie CR es sich vorstellt, dürfte es für Hitz nicht sein. Und Vogt wiederum scheint ja überhaupt nicht groß in der Bringschuld zu sein.
Ein Mediator muss neutral und unbefangen sein und nicht nur glauben, er wäre es.