flux hat geschrieben:Du machst wieder den Fehler, Putins Verhältnis zum Westen an aussen- und sicherheitspolitischen Entwicklungen festzumachen. Ich sage dagegen, dass sich das Verhältnis im Zuge des Umbaus der Russischen Föderation in eine "gelenkte Demokratie" - also der Abkehr von den Ideen einer liberalen Demokratie westlicher Prägung - verschlechtert hat. Erst das hat ja Staaten wie die Ukraine in die Situation gebracht, sich entscheiden zu müssen zwischen einer engen Anbindung an Russland oder dem Wechsel ins - nach Putins Lesart - "feindliche" Lager von EU und NATO.
Da sind wir glaube ich einfach grundlegend unterschiedlicher Einschätzung. Für mich ist es unzweifelhaft, dass Putin 2001 tatsächlich erwog NATO-Mitglied werden zu wollen und G.W.Bush und später sogar noch Obama mit diesem Ansinnen konfrontierte.
Aber selbst, wenn man hier an einen "politischen Trick" von Putin glaubt: sein Interesse mit dem Westen gemeinsam gegen den islamistischen Terror vorzugehen, war aus meiner Sicht ganz unzweifelhaft echt. Und sein Beitritt zu G8 und dem gemeinsamen NATO-Russland-Sicherheitsrat auch.
Man sollte auch eine Sache nicht vergessen, wenn Du von einem "Umbaus der Russischen Föderation in eine "gelenkte Demokratie"" schreibst: die heutige Kleptokratie Putins und seiner Oligarchen beruht ja zentral auf einem sehr guten Verhältnis zu den westlichen Staaten, weil wir eben nun mal die Hauptabnehmer seiner fossilen Rohstoffe sind. Putins Klepokratie beruht auf diesen Handelsbeziehungen und seine ganzen Oligarchen - vielfach angesprcohen dieser Tage - leben überwiegend im Westen und lieben die Skipisten von St. Moritz, das Nachtleben Berlins und Londons, die Einkaufsmöglichkeiten von New York und Paris, etc.
Ich halte es also für viel wahrscheinlicher, dass sich Putin bis 2007 sehr darin gefiel, für sich uns seine Entourage beste Beziehungen zum Westen aufzubauen. Und dann, spätestens 2007, muss sich allmählich sein zaristischer Patriotismus entwickelt haben, der seine vielleicht dann schon weitgehend gesättigte Konsumlust alsbald übertraf. Gleichzeitig wurde er älter und las ein paar Geschichtsbücher und begann - ähnlich übrigens wie der durch seine Macht ebenfalls vereinsamte Hitler analog auf dem Obersalzberg - enervierende eigene Thesen zur Geschichte Russlands zu entwickeln und aufzuschreiben.
Putin ist seit Mai 2000 an der Macht. Sein Handeln in den letzten knapp 22 Jahren kann unmöglich auf einen einzigen großen Plan reduziert werden. Als er antrat war Russland gerade dabei in einem völlig ungezügelten, darwinistischen Radikalkapitalismus zu versinken. Es hatten sich regelrechte Mafia-Banden und rücksichtslose Untenehmensbosse des russischen Staates bemächtigt. Putin bot dem russischen Volk wieder Sicherheit, allerdings gegen Freiheit. Und das russische Volk nahm in einem demokratisch astreinen Verfahren sein Angebot an!