Spielgerät hat geschrieben:Logisch, die gesamte Ukraine einzunehmen ist als Kriegsziel längst gestoben. Aber weil Axel so selbstverständlich die Landbrücke als wichtigstes Ziel genannt hat, wollte ich halt wissen, wie er darauf kommt. Gibt ja auch andere Meinungen dazu.
Putin hat ganz zu Beginn drei Kriegsziele ("militärische Spezialoperation") ausgegeben (kann man hier und anderswo nachlesen):
1. Die Ukraine zu "entnazifizieren". Gemeint ist damit, die demokratisch gewählte, pro-westliche Regierung abzusetzen und durch eine pro-russische Putin-hörige Regierung zu ersetzen.
2. Die Ukraine zu "entmilitarisieren". Das bedeutet die Vernichtung aller militärischen Kräfte (Armee, Territorialkräfte, Polizei) der Ukraine.
3. Das "Sicherheitsbedürfnis" Russlands zu stärken. Er hat das noch weiter ausgeführt, habe ich jetzt aber nicht mehr vollständig parat. Das hat aber nichts anderes zu bedeuten, als seine Grenzen zu verschieben und aufzuweiten. Der wichtigste Punkt hierbei ist der ungehinderte Landzugang zur Krim, und damit der ungehinderte Zugang zum Schwarzen Meer, bekanntlich der einzige eisfreie Seezugang neben Murmansk, wie wir noch aus der Schule wissen, und von welchem Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion abgeschnitten wurde. Daher u.a. auch die Einschätzung Putins als "größter Katastrophe" in Russlands Geschichte im 20. Jhdt.
Das wurde jetzt aber schon oft erwähnt, das habe ich mir nicht ausgedacht. Und ja, ich habe Anfang März einen ehemaligen Reserveoffizier der Bundeswehr um seine Einschätzung gebeten, der meinte, der Zugang zur Krim sei auch militärisch das wichtigste Ziel. Hatte ich damals auch schon mal hier geschrieben.
Nun ist es Putin bekanntlich bisher nicht gelungen, das erste Kriegsziel zu erreichen, was, so denke ich auf massive Unterstützung amerikanischer und englischer Aufklärung zurückzuführen ist, die Selenskiy vor Putins Killerkommando gewarnt haben (man erinnere sich an die ersten Kriegstage, als es in Kiew eine knallharte Ausgangssperre gab und jeder, der sich auf der Straße aufhielt, also potenzieller Attentäter galt). Stattdessen ist er im Süden und Osten schnell und gut vorangekommen. Der Abzug aus dem Norden zeigt dabei ganz klar, daß die Priorität im Süden und im Osten liegt. Andernfalls hätte er ja seine Verstärkung in den Norden geschickt. Der einzige Stachel war noch Mariupol, das ohne Rücksicht auf Verluste vernichtet wird.
Das zweite Ziel wird durch die permanenten Luft- und Raketenangriffe und den Abnutzungskrieg nach wie vor weiter verfolgt. Es kommt nur noch darauf an, die Verlustrate gegenüber der Wiederauffüllrate hoch genug zu halten. In der Hinsicht haben die Briefschreiber ja Recht: Je weniger die Ukrainer sich zur Wehr setzen können, um so schneller ist der Krieg zu Ende. Sie sind dann zwar alle tot, aber wir haben endlich wieder Frieden.