zeugwart hat geschrieben:
Die meisten verbreiten diese hilflosen Hashtags, weil sie eben hilflos sind und sich anders nicht auszudrücken wissen – und als Zeichen der Solidarität. Nur wer denkt, dass Beten hilft, der muss annehmen, dass die Gebete der acht Schweine und ihrer Hintermänner gestern zu großen Teilen erhört wurden.
Ebenso gibt es nun wieder vielfach die Beteuerung, dass diese Leute keine Muslime seien: selbstverständlich waren das Muslime. Auch da muss man einen Unterschied machen: niemand muss sich für diese Barbarei rechtfertigen oder sich auch nur davon distanzieren, nur weil er oder sie selbst Muslim ist – das ist wichtig. Ich bin aufgewachsen, ohne mich jemals für die Taten der Generation meiner Großväter rechtfertigen zu müssen, und das weiß ich zu schätzen. Aber es gilt zu akzeptieren, dass in Paris Glaubensbrüder am Werk waren, und dass deren Beweggründe dem Kern dieser Ideologie entspringen.
IS betont in dem Bekennerschreiben, dass diese Massaker unter anderem eine Reaktion auf Beleidigungen des Propheten sind. In Europa darf man sagen was man von Mohammed hält, und das einzige was man zu befürchten hat, ist Widerspruch – und es gibt Leute, die uns dafür hassen. Die Selbstzensur, die den ganzen Kontinent zu dem Thema ergriffen hat, ist bereits ein Sieg, den die Arschlöcher für sich verbuchen können.
Die Versuche, Religionskritiker mundtot zu machen, kommen direkt aus den ideologischen Zentren des Islam. Auch hier gilt: nicht alle islamischen Gelehrten sind der Meinung, dass man der ganzen Welt die Blasphemie untersagen sollte – aber das ist nichtsdestotrotz absoluter Mainstream. Und Terror auf den Straßen ist ein sehr erfolgreiches Mittel, diese Denkverbote durchzusetzen, um eine kranke Ideologie am Leben zu erhalten. Krank meine ich wörtlich: man könnte den Islam von viel Hässlichkeit befreien, indem man die menschenverachtenden Teile ignoriert und zwischen den Buchdeckeln ruhen lässt. Das Buch tut man ganz nach unten in den Stapel – das kann man rausziehen, wenn man ein Beispiel dafür braucht, wie blöd wir Menschen sein können.
Das haben zwar viele Leute schon längst vollzogen, für viel zu viele andere ist es aber eine Utopie. Trotzdem: die Christen haben es zum größten Teil auch geschafft, ihre Wahnvorstellungen zu managen. Ich kann mich mit superfrommen Leuten auf 99% der Dinge einigen, die ein funktionierendes Zusammenleben ausmachen, das ist eigentlich sehr simpel: meine persönlichen Moralvorstellungen decken sich zum Großteil mit denen eines gläubigen Menschen. Und über den Rest kann man sich glücklicherweise streiten. Das ist eine Errungenschaft, die es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt.
Der Islam steht hoffentlich kurz vor einer Aufklärung – es gibt durchaus Hinweise darauf, dass mehr und mehr Leute die Schnauze gestrichen voll haben: nicht nur den arabischen Frühling, der viel Chaos gebracht hat, sondern zum Beispiel auch Iran: eine junge Generation, die keinen Bock auf die Kuttenbrunzerei hat, wird zahlenmäßig stärker, aus rein biologischen Gründen. Da schwingt bei mir vielleicht viel Zweckoptimismus mit, die jetzige Situation birgt jedoch zumindest eine kleine Chance, Freundschaften und Bündnisse zu schließen: mit Muslimen, die ein Leben ohne diese ganze Scheiße vorziehen, ohne ständige Einmischung von alten Männern, und ohne das Mandat, sich selbst in die Angelegenheiten ihrer Mitmenschen einzumischen. Denn selbstverständlich kommen die Flüchtlinge nach Europa, weil es bei ihnen zuhause zugeht wie gestern Abend in Paris: die allerallerallermeisten Opfer islamistischer Gewalt sind Muslime. Gestern wurden nicht nur in Paris, sondern auch in Beirut Dutzende von Menschen ermordet.
Wie eine große Anzahl von Flüchtlingen hier ihr Leben gestalten will, steht auf einem anderen Blatt – was das angeht, habe ich nix gegen eine kontroverse Diskussion. Nur leider sprechen da die größten Deppen oft am lautesten: die Diskussion um Säkularismus und Religionsfreiheit und Freiheit vor der Religion gehört mitten in den Mainstream, und wir haben das schon viel zu lange ignoriert und schleifen lassen. Diese Debatte schließt selbstverständlich alle Religionen mit ein, nicht nur eine. Ich befürchte, dass ein Zusammenschluss der Vernünftigen erstmal ein unfrommer Wunsch bleiben wird – viel wahrscheinlicher ist eine Polarisierung, die noch vielen Menschen das Leben kosten wird, und man muss davon ausgehen, dass das so gewollt ist – das lassen die Ziele des gestrigen Anschlags vermuten.
Meine Faust ballt sich gern, wenn ich mir anhören muss, dass der “Westen” diese Barbareien selbst auslöst. Alles hat seine Konsequenzen, der Geiz, die Ignoranz, die Hybris und der Egoismus und die ungezügelte Konsumgeilheit, aber alle diese masochistischen Schuhe kann ich mir nicht anziehen. Ich kann weder das willkürliche Ziehen von Grenzen vor hundert Jahren ungeschehen machen, noch die Waffenlieferungen an Saddam Hussein im Krieg gegen den Iran. Und so weiter. Man kann nur versuchen, nicht noch mehr Fehler zu begehen – und die andere Backe hinzuhalten, wenn ein sadistischer Todeskult meine Karikaturisten ermordet, ist ein Fehler.
Ein Teil der Reaktion ist Selbstverteidigung in Form von Gewalt. Habe gestern gelernt, dass IS in der syrischen Stadt Ar-Raqqa eine Art Hauptquartier hat. Dass das noch nicht dem Erdboden gleichgemacht wurde, heißt vielleicht, das man dazugelernt hat: man muss versuchen das Leben von Zivilisten zu schützen – egal wie naiv dieser Gedanke auch sein mag. Ich weiß überhaupt nicht, wie realistisch das ist, es gab aber vorgestern zumindest mal eine gute Nachricht: Mohammed Emwazi, der Star mehrerer IS-Hinrichtungsvideos, wurde angeblich zwei Straßen weiter erfolgreich ins Visier genommen und pulverisiert. Weiter so – auch wenn es natürlich besser wäre, solche Leute vor Gericht zu sehen.
Es gibt natürlich noch andere, ganz unterschiedliche Gründe, warum dieses Gebäude noch steht. An dem Punkt verlassen’s mich auch: ich weiß nicht genug über die geopolitischen Zusammenhänge, um vom Sofa aus dazu auch noch naseweise Ratschläge geben zu können. Natürlich möchte ich, dass man den Saudis klarmacht wohin sie sich ihre Gesetzbücher aus dem siebten Jahrhundert stecken können, anstatt sie zu hofieren und ihnen Waffen zu liefern. Blöd halt, dass man schnell ausrutschen kann und über verschiedene Weltmächte stolpert, wenn man diese ölverschmierte Bühne betritt – und die gehen zum Teil anders an solche Fragen heran.
Zivilisationsgeschichtlich hocken wir immer noch im Sandkasten, und überall ist Hundescheiße vergraben.