Deutschland: "Auf Pump gekauft" - Woran es für Müller im DFB-Nachwuchs krankt
Auch wenn der DFB-Unterbau seit Jahren so einige Erfolge gefeiert hat, liegt laut Weltmeister Thomas Müller oder dem designierten Bundestrainer Jürgen Klopp die Problematik im deutschen Fußball genau hier - im Juniorenbereich.
Sowohl die U-19-Nationalmannschaft (0:2 gegen Spanien) als auch die U 21 (2:3 in der Verlängerung gegen England) schnupperte zuletzt durch das Erreichen eines Finals bei einer Europameisterschaft an Erfolgen, die zuvor die eigene U 17 zweimal in Folge mit dem EM- und WM-Titel jeweils im Jahr 2023 erreicht hatte.
Für den 2014er-Weltmeister Thomas Müller sind diese Endspielteilnahmen aber nur ein Tropfen - auf den falschen Stein.
Im Vorfeld des WM-Finals zwischen Titelverteidiger Argentinien und Europameister Spanien (Sonntag ab 21 Uhr MESZ, LIVE! bei kicker) sagte der 36-Jährige in seiner Funktion als TV-Experte bei MagentaTV, dass solche Resultate "auf Pump gekauft" seien: "Mir kommt es so vor, dass die individuelle Entwicklung weniger wichtig ist als der mannschaftliche Erfolg."
In diese Kerbe schlug auch Kollege Mats Hummels: "Mein Eindruck war, dass wir 2010 rum dachten, man muss das vermeintliche Tiki-Taka von Barcelona kopieren. Es sind viele Spieler herausgekommen, die technisch sauber sind und richtig zocken können." Es fehlt aus seiner Sicht jedoch eindeutig an richtigen Dribblern, "die im 1:1 Momente kreieren können".
Was der wie Hummels langjährige Bayern-Profi (503 Bundesliga-Partien, 150 Tore) und Nationalspieler (131 Einsätze, 45 Treffer) Müller ähnlich sah: "Ich habe das Gefühl, wir erkaufen das mit Spielern, die älter sind und als Mannschaft gut funktionieren. Wir lassen nicht den Spieler spielen, in dem wir mehr Potenzial sehen."
Damit zielte Müller übrigens auch auf die Nachwuchsleistungszentren in Deutschland ab. Her liegt für ihn ein Kern des Problems - in dem künftig wieder eine gemeinsame Sprache mit gemeinsamer Leitlinie gesprochen werden sollte: "Es geht nicht nur um den Verband, in Deutschland bilden Vereine aus. Diese Nachwuchsleistungszentren sind bei den Bundesliga-Vereinen, bei den großen Vereinen. Natürlich gibt es da ein großes Konzept, das drübersteht. Aber man muss auch die individuelle Entwicklung der Spieler sehen. Und da sind auch die Spieler gefordert, sich bei den Profivereinen durchzusetzen."
Hierbei bezog sich der Routinier, der weiterhin in der MLS bei den Vancouver Whitecaps aktiv ist, auch auf die letztjährigen Beispiele von Florian Wirtz und Nick Woltemade, die sich jeweils für die Premier League (Liverpool und Newcastle) entschieden hatten. Solche Entscheidungen könnten aus seiner Sicht dazu führen, dass sich junge Spieler mit großem Potenzial plötzlich sehr schwertun. "Man kann bei uns das Beispiel aufmachen: Wirtz und Woltemade gehen für viel Geld nach England. Wirtz hat in der Bundesliga super funktioniert in einem Setup, in dem das Spiel auf ihn ausgelegt war. Vielleicht, These: Bleibt er bei Leverkusen, kommt er hier mit einem ganz anderen Status zu diesem Turnier. Nick Woltemade hat super bei Stuttgart gespielt, macht diesen Move, geht nach England, andere Spielweise. Das hängt auch damit zusammen. Es ist nicht nur: Der DFB muss jetzt alles regeln."
Allerdings kann der DFB viel regeln - möglicherweise in Kürze mit dem Vollzug bei Wunschtrainer Jürgen Klopp, der bei Müllers Ausführungen daneben stand und selbst Stellung bezog. Man müsse, sagte der frühere Mainzer, Dortmunder und Liverpooler, den Fußball der Gegenwart und der Zukunft sehen. Für die Zukunft gebe es nur einen Weg. "Wir müssen Kinder zum Sport und zum Fußball bringen", sagte Klopp, warnte darüber hinaus aber vor zu einfachen Schlüssen: "Da reichen die zweieinhalb Stunden (der TV-Experten; Anm. d. Red.) nicht aus. Wir kreieren hier nur Schlagzeilen, aber nichts davon trifft den Kern."
Wir müssen die Kinder, die Sport machen, zum Fußball bringen. Das ist das, damit geht's los.
Jürgen Klopp
In der Gegenwart, um die er sich bald als Coach selbst mit kümmern dürfte, gelte es, "einen Weg für das Talent zu finden, das wir haben - und das nicht so schlecht ist". Klopp weiter: "Es ist Talent da, aber wir müssen eine Erwartungshaltung kreieren, mit der die Spieler umgehen können." Da stimmte Müller als Weltmeister von 2014 zu: "Das ist für mich ein entscheidendes Thema."
Klopp wiederum holte nochmals etwas größer aus. "Wir können bei der Spielerausbildung anfangen", so der designierte neue Bundestrainer. "Mats sagt: mehr Dribbler. Fakt ist, wir haben in den NLZs hauptamtliche Trainer. Wenn du morgens um 8 Uhr da sitzt, um 16 Uhr kommen die Kinder ... Die waren den ganzen Tag in der Schule. Da sagst du nicht: 'Jetzt spielt einfach mal - jetzt einfach mal Kicken, Kicken, Kicken, Kicken.' Was eigentlich das Richtige wäre ... sondern du hast 20 Ideen, alle über den Haufen geworfen. Es ist schon so, dass es ein Übercoaching gibt. Sicher nicht überall, aber es kommt vor. Wir müssen die Kinder, die Sport machen, zum Fußball bringen. Damit geht's los."