Nicht Hitz greift nach der Macht – sondern Claus Vogt. So sehe ich das:
Der Datenskandal: Das kann man NICHT mit „ich kauf‘ auch bei Amazon & Google weiß eh alles über mich“ vergleichen. Oder mit der Berliner Stadtverwaltung, die Bürgerdaten verkauft hat, um Geld einzunehmen. „Geld einnehmen“ kann man eher verzeihen – aber beim VfB ging es darum, die Mitglieder zu manipulieren. Übel.
Aber:
Lohnt es sich, deshalb den VfB zu zerstören? Denn darauf könnte es hinauslaufen, wenn Vogt unbedingt Köpfe rollen sehen will. Und wenn in dieser Folge - worst case - Sponsoren abspringen und vor allem Hitzlsperger und Mislintat. All das, was sich in letzter Zeit so gut entwickelt hat, wäre mehr als in Gefahr.
Warum macht Vogt das? Um sein Versprechen an „die Kurve“ einzulösen? (Übrigens, da steht nur ein Bruchteil der von Vogt ständig zitierten 72.000 Mitglieder. Ich vermute, die Mehrheit der Mitglieder will NICHT, dass der VfB zerdeppert wird. Wäre ich noch Mitglied, für MICH würde Vogt nicht sprechen!) Weil er es aus idealistischen Gründen will?
Beides möglich – die spannende Frage ist aber:
Wer besetzt dann die Stellen, wenn die Köpfe gerollt sind? Wer füllt das Machtvakuum?
Leute aus „der alten Seilschaft“ wären verbrannt. Viel wahrscheinlicher wäre, dass der neue Saubermann seine Leute unterbringen würde.
Kommen wir also zu dem Vorwurf aus Hitzlspergers Brief: „In den vergangenen Monaten hat sich ein Kreis um den Präsidenten gebildet, der seine Ziele in einer Art und Weise verfolgt, die unserem Club massiv schadet.“
Wer sind diese Leute um Vogt? Im April 2020 ging durch die Presse, dass Vogt einen „Expertenrat“ installieren will.
Zum sechs- bis achtköpfigen Team sollen neben Ehrenpräsidenten Erwin Staudt auch die beiden Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir (Grüne) und Christian von Stetten (CDU) sowie den Fußballmanager Edin Rahic (früher Bradford City FC) und Manfred Boschatzke, den Direktor Marke, Sponsoring und Marktmanagement der Allianz AG gehören. Weitere Experten stehen bereit.
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inha ... f286f.htmlLaut Vogt soll dieses Gremium nur „eine Zweitmeinung“ sein, die man „mit einbeziehen“ kann. Die Gefahr für ein Kompetenzgerangel sehe er nicht.
Keine Ahnung, was aus dieser Idee konkret wurde – dass Özdemir den VfB tatsächlich berät, wäre mir neu. Ist halt ein großer Name, den man gern ins Spiel bringt, ähnlich bei Staudt. Das wären wohl auch Leute, die im Bedarfsfall ihre Meinung dazugeben, die sich aber nicht wirklich EINMISCHEN würden. Özdemir bspw. hätte sicher Besseres zu tun.
Aber:
Bei Edin Rahic dürfte das anders sein. Laut Twitter & Co. ist das ein langjähriger Freund von Vogt (seit kurzem womöglich auch bei Vogt angestellt?), der übrigens auch schon auf der Wahlkampftour 2019 an Vogts Seite war.
Wer ist Edin Rahic? Ein ehrgeiziger Stuttgarter mit großen Ambitionen.
Auch fußballerisch. In den 2000er-Jahren hat Rahic bei den Kickers mitgemischt, die StZ lässt ihn 2016 darauf zurückblicken:
„In jener Zeit habe ich gemerkt, dass es mein Traum wäre, einen Fußballclub zu führen.“ Doch spürt er auch: „Du musst einer der Hauptverantwortlichen sein, um etwas bewegen zu können.“ Nach einem Jahr verlässt er die Kickers wieder und weiß: „Irgendwann kommt der Tag, an dem ich richtig ins Fußballbusiness einsteigen möchte.“
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inha ... d5832.htmlDieser Tag kam. 2018 hat Rahic mit einem Partner den englischen Drittligisten Bradford City übernommen.
Im Dokumentarfilm "A Matter of Heart", der seinen Klub begleitete, erklärte Rahic seine Idee hinter dem Einstieg bei Bradford City. "Mir war klar, dass ich da operativ aktiv sein will, und die Geschäftsführung übernehmen."
"Mich hat es immer interessiert, was hinter dem Klub passiert und nicht auf dem Platz. Es muss ja Gründe geben, warum Spieler aufgestellt werden und andere nicht, warum Spieler gekauft werden."
https://www.sport1.de/internationaler-f ... -one-drohtVielleicht auch interessant, dass er teilweise sehr auf die Fans setzte, wie es ja auch Vogts Strategie beim VfB war:
Rahic baut den Klub dennoch weiter um, versucht nun unter anderem mit einem neuen Mitgliedermodell die Fans stärker ins Boot zu bekommen.
Allerdings:
Letztlich ist er gescheitert und musste den Verein 2018 verlassen.
Sport1 hat geschrieben:Neben dem ausbleibenden sportlichen Erfolg sorgte Rahic' Einmischung in sportliche Belange für Aufregung.
Auch, dass viele um den Club nur anonym sprechen wollen, sagt viel über die giftige Stimmung an der Valley Parade.
Während der Bayer Rupp den Großteil des Gelds zur Verfügung stellte, ging es für den Stuttgarter Rahic um die Erfüllung seines Traums. Der 45-Jährige, der früher im Vorstand der Stuttgarter Kickers saß und als Scout unter Ralf Rangnick beim VfB Stuttgart arbeitete, wollte sich seit Längerem seinen eigenen Fußballclub holen. Er wollte diesen Verein dann auch selber gestalten, und zwar auf die deutsche Art.
"Rahic redet von einem sogenannten deutschen Modell, aber der Zyniker in mir sagt, dass das nur eine Nebelkerze ist," sagt John Dewhirst, der Autor mehrerer Bücher über die Bradforder Vereinsgeschichte ist. "Ich glaube, dass es eher schiefgelaufen ist, weil Rahic alles besser wissen will und seine persönliche Kontrolle über alles möchte."
https://www.zeit.de/sport/2018-10/bradf ... land-chaosWeitere Details zum Scheitern kann man hier nachlesen:
The Road To Nowhere: How Edin Rahic Destroyed Bradford Cityhttps://www.otbfootball.net/the-road-to ... ford-city/In diesem Artikel wird Rahic – wie auch ähnlich an anderen Stellen – als „the overbearing dictator“ bei Bradford City bezeichnet. Und vielleicht noch treffender als:
Edin “I Know Football” Rahic
Wenn das wirklich ein enger Vertrauter & Berater von Claus Vogt ist, dann ist klar, warum es
absolut nicht funktionieren kann.
Und mal ganz vom sportlichen Einmischen abgesehen:
Ich erinnere an die 700.000 Euro, die dieser PR-Schlitten angeblich für die Mitglieder-„Bearbeitung“ bekommen hat. Gutes Geld für ein bissle Facebook-Krawall & Co. Der VfB ist ein Traditionsverein, da kann man traditionell was abgreifen – lokalen Ruhm & Glanz oder auch hübsch-lukrative Aufträge. Je nach Bedarf, gerne auch beides zusammen.
Ich unterstelle Vogt gar nicht, dass er mit langer Hand eine „Übernahme“ des VfB geplant hat. Aber die Kugeln, die er ins Spiel gebracht hat, rollen in diese Richtung.