Die in jeder Stadt gleichen Einkaufsstraßen und die autogerechten Innenstädte stehen notgezwungenermaßen auf dem Prüfstand.
Die folgen der Pandemie befeuern kreative Lösungen:
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Der Bürgermeister:
Kreative Lösungen. Und ihre Grenzen
Wie mühsam solche Transformationsprozesse sind, kann man von Jan Lindenau lernen. Der Bürgermeister der Stadt Lübeck hat die Belebung der Altstadt zu einer seiner Hauptaufgaben gemacht. Trotz der schönen Architektur und vieler Touristen stehen dort viele Läden leer. „Es sieht einfach nicht schön aus, wenn in der zentralen Einkaufsstraße hinter jedem fünften Schaufenster ein leeres, schwarzes Loch ist“, sagt er. Im Januar könnte es noch schlimmer werden: Da sollen Karstadt und Karstadt Sport schließen, 25 000 Quadratmeter Verkaufsfläche mitten im Zentrum. Er fürchtet einen negativen Effekt für das gesamte Areal, weiß aber, dass er die Entwicklung nicht stoppen kann. Deshalb ist er stolz auf ein Projekt zur Umnutzung ehemaliger Verkaufsflächen. Lindenau: „Wir werden Lübecker Firmen aus der Kreativwirtschaft in einem relativ großen Gebäude zusammenbringen. Das sind zum Beispiel Designer, die ohne so ein Angebot niemals Räume in der Lübecker Innenstadt mieten würden.“
Die Kreativen sollen außerdem mit Wissenschaftlern aus der Universität oder der Technischen Hochschule vernetzt werden. Forschung und Entwicklung, Produktion, Handwerk, Verkauf und Dienstleistung rücken enger zusammen. „Das ist noch nicht realisiert, aber wir sind auf der Zielgeraden“, sagt der Bürgermeister.
Ein anderes Projekt in der Innenstadt hat die Stadt mit Eigenmitteln vorangetrieben. In einer weitgehend leer stehenden Einkaufspassage waren nach der Insolvenz des früheren Immobilienbetreibers die Mietpreise deutlich gesunken, daraufhin mietete die Stadt Räume für Ämter und Bürgerbüros. Auf den 7000 Quadratmetern befindet sich nun der zweitgrößte Standort der Stadtverwaltung. „Damit holen wir den Publikumsverkehr zurück in die Innenstadt, wir haben dort am Tag etwa 1500 Kundenkontakte im Bürgerservice“, sagt Lindenau. Er hofft, dass diese Besucherfrequenz es dem neuen Betreiber erleichtert, weitere Flächen zu vermieten.
Jan Lindenau ist kaum zu stoppen, wenn er über solche Vorhaben redet. Im Keller eines früheren C&A-Kaufhauses, das mehrere Jahre lang leer stand, befänden sich heute zum Beispiel Archivräume der Stadtverwaltung, im Erdgeschoss Lebensmitteleinzelhandel und Gastronomie, eine Apotheke, ein Hörgeräteakustiker, in den oberen Etagen Arztpraxen. Außerdem unternehme die Stadt viel dafür, um Institute der Universität in der Innenstadt anzusiedeln oder neue Wohnungen zu schaffen. „Obere Geschosse ehemaliger Kaufhaus-Immobilien sind heute Wohnungen, etwa in einer ganzen Zeile in der Innenstadt.“ Darunter Penthouses mit Blick über die Altstadt.
Damit so etwas gelingen kann, muss die Stadt mit vielen Akteuren kooperieren. Oft gestalten sich die Gespräche allerdings schwierig – oder kommen erst gar nicht zustande. Lindenau versucht seit Monaten einen Ansprechpartner für die Karstadt-Immobilie zu finden, um zu erkunden, ob die Stadt das Gebäude kaufen könnte. Es gehört einem Immobilienkonsortium mit Sitz in Amsterdam, das wiederum einer Tochter der Deutschen Bank und Goldman Sachs gehört. Lindenau und der Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein haben Briefe an die Eigentümer geschrieben – aber keine Antwort erhalten.
Ebenfalls leer steht ein großes Gebäude im Zentrum, das einem Fonds der Raiffeisen-Gruppe gehört. „Die Immobilienmanager haben völlig unrealistische Preisvorstellungen, als läge das Gebäude an der Mönckebergstraße in Hamburg“, sagt Jan Lindenau. „Sie lassen es lieber leer stehen, als die Mieten anzupassen. Das ist nicht nur für uns, sondern für viele Städte ein enormes Problem.“
Man merkt, wie ihn das ärgert. Fast zwei Drittel der Geschäfte in Lübecks zentralen Einkaufsstraßen sind im Besitz von Fonds oder unter der Kontrolle von Immobilienverwaltungen. „Einige von ihnen reden gar nicht mit mir oder interessieren sich nur für Renditeerwartungen und nicht im Geringsten für Stadtentwicklung“, sagt der Bürgermeister. „Da läuft man gegen Wände.“ ---
Häggor, fliag iebor da Näggor, fliag iebor da Rai, fliag midda drennai