Komplett mache ich es nicht, aber ein paar zentrale Aussagen darf ich ja zitieren und zitiere ich auch gerne für Dich:
Diese deutsche Wahl war eine ganz und gar außergewöhnliche Wahl. Da ist einmal die Wahlbeteiligung von mehr als 76 Prozent, die, auch dank der Briefwahl, die Lebendigkeit dieser Demokratie bezeugt. Es war eine Wahl, in der die radikale Linke nicht einmal die Fünf-Prozent-Hürde schaffte. In der die radikale Rechte immer noch zu stark ist, aber doch viel schwächer als in meinem Land. Obendrein wird die radikale Rechte durch den cordon sanitaire ausgegrenzt, eine Art Hygieneabstand, den die beiden großen Parteien, ohne viel Aufhebens darum zu machen, um diese AfD gezogen haben.
Bei den Grünen ist der Streit zwischen Fundis und Realos entschieden, anders als in Frankreich, wo jemand wie Sandrine Rousseau ihre radikale und arrogante Ideologie über die Sorge stellt, den Planeten wirklich zu reparieren. Die Wählerinnen und Wähler bewahren, in souveräner Ausübung ihrer Macht, die beiden großen Parteien vor der politischen Sünde bewegter Zeiten, nämlich der Hybris: Beide Parteien landen fast gleichauf, wenn auch mit einem Vorsprung für die SPD - und beide werden sich mit Grünen und Liberalen verständigen müssen.
Aber anders als bei uns in Frankreich waren in Deutschland weder der Islam noch die Zuwanderung ein Thema. Weil sie tabu gewesen wären? Weil man, wie es ein Éric Zémmour und andere Redenschwinger in Paris behaupten, solche Fragen nicht stellen darf? Keineswegs. Wenn so wenig über den Islam und die Zuwanderung zu reden war in Deutschland, dann, weil Angela Merkel ihr Land über ihre Partei und die Geschichte über die Macht gestellt hat.
Angela Merkel hatte 2015 den Mut, "Wir schaffen das" zu sagen, eine ebenso schlichte wie nahezu biblische Formel. Heute hat die Mehrheit der damaligen Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan einen Job. Es ist wirklich geschafft. Man musste über den ganzen Komplex nicht mehr reden, weil es in Berlin diesen reinen Moment der Größe gab, von kantischer Moralität und Wahrheit, dessen Geist die gesamte politische Klasse beseelt hat.
Diese gemäßigte, friedliche Wahl ist kein Zufall, sondern sie ist der Sieg einer einst jungen Frau aus der DDR
Die Leute sind eben nicht aller Eliten überdrüssig - auch das ist ein gutes Zeichen.
Manche sind freilich genervt von der strengen Miene, dem stets braven Auftreten des Merkel'schen oder nun post-Merkel'schen Deutschlands, und sie bemerken nicht zu Unrecht, dass die Seele Europas sich kaum auf einen Geist der Ernsthaftigkeit und der Sorge um Wohlstand reduzieren lässt. Aber darum ging es dieses Mal nicht. Es ging dieses Mal um den üblen Wind, der über diesem Kontinent weht.
Das ist nicht der Sturm aus dem Begriffspaar mit dem romantischen Drang, kein Gewitter aus Kunst, Geist und Intelligenz, sondern ein Orkan aus Hass und Gewalt. Ein Tornado der Radikalität und Dummheit. Vielleicht sogar als Vorahnung jener Qualen, die Paul Celan im Sinn hatte, als er in der "Todesfuge" die schreckliche Zeile vom Tod als Meister aus Deutschland dichtete. Nun ist das Unwetter, das man über Berlin erwartet und angekündigt hat, aber gerade dort vermieden worden. Ganz im Gegenteil: Die Dämonen des Extremismus, des Hasses und der Fremdenfeindlichkeit fanden bei dieser deutschen Wahl - nehmt alles nur in allem - wirksame Blitzableiter.
https://www.sueddeutsche.de/kultur/bund ... -1.5424334
Wenn die Unfähigkeit einen Decknamen braucht, nennt sie sich Pech.
- Charles Maurice de Talleyrand -