Lieber Tiffy,
da Du mich in Deinem Post namentlich erwähnt hast, möchte ich Dir auch direkt darauf antworten.
Ich fange einmal mit Deinem letzten, auf mich bezogenen Satz an. Ja, es sind Sachfragen und über die kann man halt trefflich streiten. Wenn es nicht gerade um politische Themen geht, stehen wir uns möglicherweise näher.
Nein, ich habe mich nicht mit dem „Emissionszertifikatshandel“ beschäftigt und habe es auch zukünftig nicht vor. Hätte ich Probleme, das Wort richtig zu schreiben, würde ich im Duden nachschlagen (Das soll jetzt keine Anspielung auf Duden I oder II sein). Ich bin kein Unternehmer und muss mich daher nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Damit meine ich explizit, wie ich trotz der Belastungen durch den Handel ein gutes Unternehmensergebnis erzielen kann.
Dass ich dennoch, wie alle Steuerzahler und Konsumenten, in den nächsten Jahren indirekt über die Weiterleitung von Kosten auch „Beteiligter“ des Zertifikatshandels bin, weiß ich. Dass ich als ehemaliger Arbeitnehmer und jetzt Rentner keinerlei Möglichkeiten habe, etwas von dieser Belastung an andere weiter zu geben, ist mir auch bekannt und bereitet mir keine Sorgen, da ich der bevorzugten Generation angehöre, die neben der gesetzlichen Rente auch noch über eine gute Betriebsrente verfügen darf.
Dass in diesem Forum eine Mehrheit der User dem „Mitte-Links-Spektrum“ angehört, ist nicht verwunderlich. Zählen wir mal die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl zusammen, so könnte man das Forum durchaus als nahezu repräsentativ für die deutsche Gesellschaft ansehen, wenn wir alle anderen Parameter außer der politischen Einstellung mal außer Acht lassen. Und das, obwohl wir vom Ursprung her eigentlich nur ein Forum für einen Fußballtraditionsverein sind. In einer FB-Gruppe des Coburger Conventes wäre die politische Zusammensetzung bestimmt anders.
Den Kampfbegriff der anderen Seite, „linksgrünversifft“ sehe ich als Ehrenbezeichnung an. Ebenso lassen mich kalt die Versuche, mich in die Sozialisten- oder gar Kommunistenecke zu schieben, weil ich als Kapitalismuskritiker mir erlaubt habe, aus dem Nichts heraus zusammen mit meiner Frau ein Haus und einen Garten zu erwerben, in dem ich fröhlich einem meiner Hobbys nachgehen kann, so lange ich noch rüstig bin. Damit bist nicht Du gemeint, das weißt Du. Daher denke ich, müssen andere auch damit umgehen können, wenn man ihre bevorzugte Partei als „neoliberal“ bezeichnet, was zunächst einmal eine politische Standortbezeichnung war, in den letzten Jahren aber durchaus ins Negative abgetrudelt ist. Und das ist, je nach eigenem Standort, richtig oder falsch. Ich erlaube mir, bestimmte Verhaltensweisen auch weiterhin als „neoliberal“ zu bezeichnen. Und wer neoliberal sagt, denkt nun einmal zuerst an die FDP.
Und damit wären wir beim Thema. Es gibt nicht eine FDP, sondern wenigstens zwei, nämlich Deine und meine. Ich kenne Deine persönlichen Verhältnisse nicht und weiß nicht, wie Du politisch sozialisiert worden bist. Ich vermute mal, du bist Prof., entweder an einer Uni oder als freier Unternehmer. Es wäre sicher interessant, bei einer Halben mal über die jeweilige politische Sozialisation sich auszutauschen.
Als ich neu hier war, habe ich in einem interessanten Dialog mit FnF über meine Sozialisation geschrieben, die heftigen Auseinandersetzungen mit meinem Vater, die politische Bewusstwerdung während meiner Studentenzeit und auch über den Antrieb, nach Verkündigung der „Freiburger Thesen“ in die FDP einzutreten und meine Genugtuung darüber, dass ich es nicht getan habe, weil die FDP nach 1982 nicht mehr meine gewesen wäre, so wie die SPD nach 2003 nicht mehr die war, in die ich einmal eingetreten bin.
Für Dich ist es, alleine schon wegen des Altersunterschieds, anders gelaufen.
Ich will jetzt nicht abschweifen, es genügt zu erwähnen, dass meine FDP mit den Namen, Dahrendorf, Hirsch, Baum, Maihofer, Hamm-Brücher, Maier-Matthäus verbunden ist. Alles Linksliberale oder Sozialliberale, wie man nach 1969 zu sagen pflegte. Genscher, den ich als Außenpolitiker sehr schätze, war trans.
Ja und Deine FDP, das ist nun die andere, die „Leistung muss sich wieder lohnen-Partei“, die ehemalige, muss man ja jetzt sagen, „Partei der Besserverdienenden“. Für Dich ist sie möglicherweise politische Heimat, für mich politischer Gegner. Ich erinnere mich noch genau, dass wir beide über Deregulierung und Privatisierung gestritten haben. Du hieltest es für notwendig. Für mich ist es ein Abbau von einigermaßen gesicherten Arbeitsplätzen zugunsten von ungesicherten außerhalb der Tarife stehenden. Und das alles habe ich ja seit 1982 als Betriebsrat zähneknirschend begleitet. Und jetzt könnte man trefflich darüber dozieren, wie sehr sich das „lass das mal die Märkte machen“ auf die Schere zwischen arm und reich ausgewirkt hat. Ich muss da keine schlauen Bücher lesen, ich bin Zeitzeuge dessen, was sich seitdem in unserer Republik geändert hat. Aber zum Glück hat man inzwischen auch in Teilen der CDU erkannt, dass die Privatisierungsorgien des Staates die Probleme nicht beseitigt, sondern vergrößert haben. Und bei allen Maßnahmen, die das Klima betreffen, muss, wie auch immer, eine regulierende Kraft vorhanden sein. Das ist die eigentliche Aussage meines Satzes, der Dich so verärgert hat.
Was hältst Du von folgendem Deal?
Wir könnten ins Detail gehen und mal auflisten, welche „Errungenschaften für Arbeitnehmer“ in den letzten 30 Jahren auf Initiativen der FDP zurückzuführen sind.
Du fängst an. Solltest Du welche finden, können wir sie ja den von der SPD stammenden Initiativen gegenüberstellen, natürlich unter Berücksichtigung der von der CDU durchgesetzten Streichungen.
Am besten fangen wir mit dem Mindestlohn an.
UWe
Häggor, fliag iebor da Näggor, fliag iebor da Rai, fliag midda drennai