@tamasi:
Nachdem wir über Weihnachten und Neujahr in Deutschland waren, bin ich seit Anfang Januar wieder auf Sao Tomé. Meine Frau hingegen ist nach Deutschland zurückgekehrt. Ein bisschen früher als geplant, denn ursprünglich wollte sie bis Mai bleiben. Sohn 2 ist ebenfalls hier auf der Insel. Wir bereiten gerade sein Abschlussarbeit vor: Einen Film über die Efe, einen Pygmäenstamm in der Dem.Rep. Kongo, der bislang kaum Kontakt zur Außenwelt hatte. Eigentlich sollte es im Juni losgehen, aber durch Corona steht alles auf der Kippe.
Wir wissen wohl, dass wir uns durch unseren Entschluss einer gewissen Gefahr aussetzen. Die meisten anderen Expats sind zurück in ihre Heimatländer. Der Grund: Das einzige Krankenhaus im Land verfügt zwar über viel Charme der 60er Jahre (einschließlich der dazu gehörenden Technik) aber nur wenig Intensivbetten.
Kurz und gut, sollte der Virus die Inseln erreichen, könnte Frank einen Freiluftversuch zum Thema Herdenimmunität verfolgen und seine Ideen falsifizieren. Damit dies nicht geschieht, hat die Regierung vor etwa drei Wochen einen Einreisestopp verhängt. Das ist auf Sao Tomé nicht wirklich etwas Neues. Diese Strategie verfolgte man bereits als Ebola im Kongo beziehungsweise in Westafrika wütete. Neu ist nur, dass vom Reiseverbot jetzt auch die Europäer betroffen sind. Sämtliche Touristen haben meines Wissens nach bereits das Land verlassen. Das waren nicht so viele. Nach Unterlagen des Tourismusministeriums sind es etwas mehr als tausend Betten im Land. Die waren jedoch sicher nicht alle belegt. Im Moment ist Monsun. Das heißt: heiß bei hoher Luftfeuchtigkeit. Und jeden Tag Punkt elf Uhr fängt es an zu schütten. Etwa eine Stunde lang. Danach läuft man durch knöcheltiefen Matsch. Kein Touristenwetter. Die kommen eher zwischen Juni und Oktober. Dann ist Badesaison.
Auch die Chinesen haben offenbar das Hasenpanier ergriffen. Nicht wegen der Gesundheitsvorsorge, sondern weil die Leute gehört haben, dass Corona zuerst in China auftauchte. Das ist allerdings nur Hörensagen. In Sao-Tomé-Stadt, wo sie überwiegend wohnen, war ich schon ein paar Wochen nicht mehr. Sind zwar nur etwa 40 Kilometer, davon aber 30 Kilometer auf einer Pistenstrecke, die jetzt ein einziger Morast ist. Viel zu anstrengend mit dem Motorrad. Und der Bus fährt pünktlich um 9.30 Uhr oder auch nicht. Oder drei Stunden später. Oder in der Nacht. Vielleicht erst morgen oder am Sonntag. Aber nur wenn es nicht regnet und das Huhn des Busfahrers wohlauf ist.
Ausgangsbeschränkungen gibt es bislang nicht, eine Empfehlung allerdings schon. Ersteres wäre auch ziemlich sinnlos. Fließendes Wasser gibt es in den meisten Orten nur am Dorfbrunnen. Selbst in der Hauptstadt sind nicht alle Viertel an die Wasserversorgung angeschlossen.
Ich selbst lebe auf großem Fuß. Für mich wären Ausgangsbeschränkungen kein Problem. Von den palastartigen Fluchten meines inzwischen 60-qm-Hauses können die Familien im Dorf nur träumen. Sieben, acht, neun - manchmal auch 10 Leute leben in (Wellblech)-Hütten, die vielleicht 20 oder 30 qm groß sind. Diese sucht man bei 35 Grad nur zum Schlafen auf oder wenn es gerade mal wieder so regnet, dass man die eigene Hand vor Augen nicht erkennen kann.
Was tatsächlich gerade verboten sein soll, sind Konzerte oder Tchiloli-Aufführungen. Tchiloli ist so eine Art Musical mit europäischen und afrikanischen Wurzeln und das Unterhaltungsevent schlechthin. Da gibt es Ritter und schöne Maiden. Drachen und böse Schwiegermütter. Dazu afrikanische Rhythmen mit jede Menge Schlagwerk, Flöten und anderen Blasinstrumenten. Jeder, der zuschaut, darf mitmachen und die Geschichte nach eigenem Gusto beeinflussen. Es wird getanzt, getrunken und heimlich gekifft. Ein absolutes Chaos unter brennender Sonne und Trommelgewitter. Ein herrlicher Fasching, der regelmäßig auf den Dorfplätzen stattfindet. Am Ende des Tages fallen dann alle glücklich und erschöpft ins Bett und schlafen ihren Rausch aus. Bis zum nächsten Mal in ein paar Wochen. Aber, wie gesagt, jetzt ist das verboten.
Ansonsten geht das Leben hier seinen gewohnten Gang. Die Leute im Dorf machen sich mehr Sorgen um die Kakaopreise als um die Pandemie. Schließlich beeinflussen diese ihr Leben. Macht die Genossenschaft auf Dauer zu wenig Gewinn, müssen sie hungern. In so einer Situation setzt man andere Prioritäten.
Vielleicht liegt es auch daran, dass einige glauben, dass das Virus nur Chinesen und Weiße befällt. Uns wurde vom örtlichen Voodoo-Zauberer geraten, den Ort zu verlassen, weil es hier kein Krankenhaus gäbe und wir ja besonders anfällig seien. Wenn dann ein Gegenmittel gefunden wäre, könnten wir zurückkommen. Er hätte da auch schon einen Zauber vorbereitet, der mein Haus in meiner Abwesenheit schützen würde. Der hilft übrigens tatsächlich. Er spricht ihn immer, wenn ich nach Deutschland fliege. Danach wagt sich niemand auf das Grundstück. Diese Dienstleistung kostet mich einen Zehner. Natürlich wollte er sein Geschäftchen machen.
Doch er hatte auch tatsächlich Sorgen um uns. Ich habe stattdessen Mami Wata - auf seinen Vorschlag hin - zehn Euro an den Altar geklemmt. Auf keinen Fall mehr, sonst könnte die Göttin glauben, ich sei in sie verliebt. Dann würde sie meine Frau für mich aus dem Weg räumen.
Ich wünsche meiner Frau ein langes Leben und will kein Techtelmechtel mit einer Göttin. Daher habe ich den Rat angenommen. Jetzt sind Zauberer und Frau aus unterschiedlichen Gründen beruhigt. Der Schein wird übrigens auch noch in ein paar Jahren dort liegen. Der Mann ist seinen Göttern über korrekt. Religion ist merkwürdig. Oder plemplem.
Was auf dem Kontinent selbst abgeht, weiß ich nur aus Zeitungen. Genauso, wie der Korrespondent der dpa, der in Johannesburg sitzt und über Subsahara berichtet. Ich vermute sogar, dass er die gleichen Blätter wie ich liest. Nur muss er über die Lage in Afrika berichten, während ich einfach sagen kann: „Ich habe keine Ahnung“.
Durch einen Bekannten in Gabun habe ich erfahren, dass dort in Regierungskreisen die Panik ausbricht. Zwar gibt es noch keinen Coronafall, doch im Land herrschen schon strenge Ausgangssperren. Ich kann es nachvollziehen, schließlich steht nicht mal das Militär komplett hinter dem örtlichen Diktator Bongo. Aber Gabun ist speziell. Seit Jahren lebt der Präsident gar nicht mehr im Land. Er ist angeblich krank und lässt sich in europäischen oder US-amerikanischen Kliniken behandeln.
Je nachdem wird er Saint Tropez oder Miami gesichtet. Im Winter dann Kitzbühel oder Aspen. Er muss dort auf Diners und andere Festivitäten. Als schwer kranker Mann. Das muss man sich mal vorstellen. Und dann auch noch dieses regieren den ganzen Tag. Vom Krankenbett aus. Schrecklich. Wir sollten mehr Mitgefühl für Diktatoren entwickeln. Seine Exzellenz, Präsident auf Lebenszeit, Feldmarschall Hāddsch Doktor Idi Amin Dada, Viktoria-Kreuz, Orden für hervorragenden Dienst, Militärkreuz, Herr aller Tiere der Erde und aller Fische der Meere und Bezwinger des Britischen Weltreichs in Afrika allgemein und besonders in Uganda muss ja auch ein ganz netter Kerl gewesen sein, falls er einen nicht gleich erschoss.
Zurück zu Bongo. Wie viele Herrschende ist er eigentlich nur noch die Marionette verschiedener Interessengruppen. Da sind die Rohstoffkonzerne aus Europa und den USA, die ihm für die Schürfkonzessionen sein Luxusleben finanzieren auf der einen Seite und die einheimischen Eliten auf der anderen, die auch immer Geld brauchen können. Das Gesundheitssystem verdient diesen Namen nicht und die Millionen an Entwicklungshilfegeldern fließen in die Taschen Weniger. (Die Korruption ist ein Ballast aus Kolonialtagen. Doch das führt zu weit.) Wie die meisten schwachen Regierungen haben auch Bongo und seine Kamarilla Angst vor Aufständen, Putschen oder Revolutionen.Und die werden kommen, wenn die Opferzahlen ansteigen sollten.
Das führt zu skurrilen Situationen. Sohn 2 habe ich ja schon erwähnt. Für sein Projekt mussten wir einen Wisch unterschreiben, dass wir die Efe nicht zum Aufstand anstacheln. Ein paar tausend Leute mit Pfeil und Bogen gegen eine Armee mit Präzisionsgewehren made im Schwarzwald. Was für einen erbärmlichen Schiss müssen die Machthaber dort haben.
Dass solche Leute dann bei der kleinsten Bedrohung mit Gewalt reagieren, ist nachvollziehbar. Ihre Angst erklärt teilweise die gewalttätigen Übergriffe der Polizei in Uganda, Kenia oder in Nigeria. Leider erwähnt der Korrespondent in Südafrika diese Umstände nicht. So entsteht ein verzerrtes Bild. Lauter gewalttätige Wilde. Dabei sind Leute in Afrika nicht unzivilisierter. Nur ihre Regierungen sind es.
Wenn du diesen Riemen bis zum Ende durchgehalten hast, sei dir meine Hochachtung gewiss.
Am Schluss noch eine Frage: Wo hättest du lieber Corona?
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