Wertkonservativ
(Ein Versuch, sich diesem Begriff zu nähern)
Erste Hypothese: Alle Menschen sind mehr oder weniger wertkonservativ.
Zweite Hypothese: Die jeweiligen Wertvorstellungen können materieller, immaterieller oder imaginärer Art sein. Sie unterscheiden sich daher, je nach Standpunkt, in ihrer „Wertigkeit“.
Der Begriff „konservativ“ kommt ursprünglich von lat. „erhalten, bewahren“ und hat Anfang des 19. Jahrhunderts eine politische Bedeutung bekommen (damals im Gegensatz zur Aufklärung und den Ideen der französischen Revolution), die bis heute nachwirkt. Das Wort wird häufig auch im Kontext von „rückständig“ benützt, was meiner Meinung nach nicht richtig ist.
Wer ist nun „wertkonservativ“?
Beispiel:
Alle User im Segglforum sind eindeutig wertkonservativ.
Begründung:
Alle User im Segglforum wollen den VfB wieder im alten Glanz erstrahlen sehen, z.B., in dem von 2007. Einige Ältere vielleicht auch in dem von 1992, 1984 und gar 1952 und 1950. Unterscheiden könnte man die Gruppe nach „ergebnisorientiert“ und „leistungsorientiert“, was allerdings hinsichtlich des Begriffes „wertkonservativ“ keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn bringen würde.
Der Begriff „wertkonservativ“ wird ja vorwiegend eher von politisch eher Mitte-Rechts Sympathisanten reklamiert, als von Linken. In dem Sinne habe ich den Post von @darkred über Hoffnungen der CDU-Wähler nach dem Wechsel in der Partei-Führungsspitze verstanden. Ob dies historisch richtig oder falsch ist, werden wir weiter unten sehen.
Ich hatte mich neulich ebenfalls als „wertkonservativ“ geoutet, was vielleicht dem einen oder anderen hier etwas merkwürdig vorgekommen ist.
Ich will es daher begründen:
Ich bin dafür, dass
wie früher, wieder mehr Sozialwohnungen gebaut werden, dass die Kommunen wieder eigene Gesellschaften gründen, die bezahlbaren Wohnraum anbieten (in NRW ist eine Initiative in diese Richtung im Entstehen),
befristete Arbeitsverträge, wie früher, nur nach sachlichem Grund abgeschlossen werden,
Arbeitnehmer/innen Ihre Grundbedürfnisse durch ein Beschäftigungsverhältnis befriedigen können und nicht darauf angewiesen sind, zwei oder mehr Stellen anzunehmen,
die Bedeutung der Arbeit somit wieder den Rang früherer Zeiten (bis vor 1990) erhält,
die Deregulierung und Privatisierung als eine Fehlentwicklung erkannt und in Maßen zurückgeführt wird.
Die Liste ließe sich noch um einige Punkte erweitern.
Wäre ich CDU-Sympathisant, würde ich unter dem Begriff „wertkonservativ“ wahrscheinlich
Stärkung der traditionellen Familie gegenüber anderen Partnerschaften oder
Rückkehr zu „christlichen Werten“ verstehen. Vielleicht wäre ich auch Mitglied der „Werteunion“ („Freiheitlich-konservativer Aufbruch“, FKA) und würde folgenden Leitsatz unterstützen:
„Ziel des FKA ist es, die konservativen und wirtschaftsliberalen Kräfte innerhalb der Union stärker zu vernetzen und die Unionsparteien an ihren „Markenkern“ zu erinnern. Die in ihm engagierten Politiker lehnen den aktuellen Kurs der Union ab und möchten konservative Positionen innerhalb der Partei stärken. Der FKA bekennt sich unter anderem zum christlichen Menschenbild und der westlichen Wertegemeinschaft und tritt für einen toleranten, weltoffenen Patriotismus sowie einen starken deutschen Rechtsstaat ein.“
Als vom Neoliberalismus enttäuschter FDP-Wähler könnte ich mir vielleicht die Politik der sozial-liberalen Koalition aus den 70er Jahren zurückwünschen,
als Wähler der Linken, sofern ich DDR-Vergangenheit hätte, mehr und bessere Kita-Plätze, bessere ambulante medizinische Versorgung, Abschaffung der Möglichkeit, sich privat versichern zu lassen; bei WASG-Vergangenheit vielleicht Stärkung der Gewerkschaften und Abschaffung von Hartz IV.
Als Wähler der AFD stünde ich mit leeren Händen da, denn diese Partei vertritt in meinen Augen keine Werte.
Ja, und als Wähler der Grünen?
Ich war sehr erstaunt, als ich in Wikipedia las, dass der Begriff „wertkonservativ“ inhaltlich und zeitlich mit der Bewegung der Grünen zusammenhängt und dass der „Erfinder“ des Begriffes Erhard Eppler war, in der Partei immer etwas von oben herab belächelt, in meinen Augen ein Visionär, der mehr Beachtung verdient hätte.
Aus Wikipedia:
"Der Wertkonservatismus ist ein politisches Schlagwort für eine Grundhaltung, welche die ihr wichtig erscheinenden unter den in einer Gesellschaft tatsächlich oder vermeintlich vorherrschenden Wertvorstellungen bewahren will. Er unterscheidet sich vom Werterelativismus, gilt aber in erster Linie als Gegenbegriff zum sogenannten Strukturkonservatismus.
Der Begriff des Wertkonservatismus wurde 1975 vom SPD-Politiker Erhard Eppler in seinem Buch Ende oder Wende eingeführt. Als wertkonservativ bezeichnete Eppler eine Politik, die sich für die Bewahrung der Natur, einer humanen und solidarischen menschlichen Gemeinschaft, sowie des Wertes und der Würde des Einzelnen einsetzt. Damit bezog sich Eppler vor allem auf die in den 1970er Jahren erstarkende Umwelt- und Friedensbewegung. Diese wolle Herrschaftsstrukturen verändern, um bestimmte Werte zu erhalten.
Dagegen sah Eppler im traditionellen „konservativen Lager“ einen Strukturkonservatismus verankert, dem es um die Erhaltung der vorhandenen Machtstrukturen gehe. Der Begriff des Strukturkonservativismus wurde dabei negativ besetzt; die zu kritisierende Organisation oder Person wird als modernisierungsfeindlicher Bewahrer überkommener Strukturen dargestellt.Laut Eppler geht es dem Strukturkonservatismus um „die Konservierung von Privilegien, von Machtpositionen, von Herrschaft“.
Bereits in den 1970er Jahren wurde dieser Gegensatz von sozialdemokratischen Politikern aufgegriffen, unter anderem von Helmut Schmidt, doch konnten auch die Grünen durch ihr Eintreten für ökologische Themen in Anspruch nehmen, wertkonservativ zu argumentieren. Später ist der Begriff auch von traditionell dem Konservatismus zuzuordnenden Kräften aufgegriffen worden. Den Vorwurf des Strukturkonservatismus weisen Konservative gewöhnlich von sich."
Mein Fazit zu dem Thema:
Es kann sich jeder diesen Begriff für sich selbst zurechtschneidern, wenn es ihm weiterhilft.
Ich werde diesen Begriff zukünftig aber nur noch im Sinne des Urhebers verwenden.
In diesem Sinne grüße ich am Totensonntag meine vielen „wertkonservativen“ Freundinnen und Freunde im Forum.
Häggor, fliag iebor da Näggor, fliag iebor da Rai, fliag midda drennai