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Gang Cannstatt
Schoofseggl
Tamasi hat geschrieben:Kurz zu meinem gestrigen Beitrag:
Okay, der war nicht verständlich und somit auch nicht passend. Ich habe ja nachträglich erläutert, wie es gemeint war, aber wenn sowas nötig ist, ist‘s immer schlecht. Verstanden & akzeptiert.




Schlimm: Tam ist von Tim beeinflusst. Muss nicht aber cann. Meint Opa nach dem Aufstehen.

Frank N Furter
Himbeertoni
Bundes-Jogi hat geschrieben:Der Täter wurde kurz darauf festgenommen und als Stephan Balliet identifiziert.


Der Täter hat sich wohl in seiner Life-Übertragung als Loser bezeichnet und sich über seine Unfähigkeit selbst weiter runter gemacht. In seinem bizarr konstruierten Weltbild, taucht wie zuletzt bei anderen Amokläufern auch, wieder das Motiv auf, dass er sich als Versager gegenüber dem weiblichen Geschlecht sieht. Dort aber mündet das nicht (nur) in einer Selbstanklage, sondern in Frauenhass. Völlig krude dann die Verbindung zwischen hierzulande sinkender Geburtenrate - dass er als potentieller Zeugungswilliger aber nicht ran darf - und deshalb die Umvolkung stattfindet - an der die Juden schuld sind, die auch für den Feminismus verantwortlich sind....

"Der Versager" hat allerdings Abitur, zwei Semester Chemie studiert und ist in der Lage aus einem 3D-Drucker Waffen herzustellen, Bomben zu basteln, mit einer Helmkamera seine Tat live zu streamen, englisch verfasste Manifeste zu promoten usw.

Ich habe den starken Eindruck, dass diese Art von Täter psychische Probleme hat, die nicht auf der Ebene von Überzeugungen gelindert werden könnten. Wenn es in unserer Gesellschaft eine Außenseiter-Position gäbe Mohrrüben zu vergewaltigen, dann hätte er das getan und ins Internet gestreamt.

Da es zumindest diese Art von Täter noch bis vor....20? Jahren...nicht gab, vermute ich, dass es durchaus Maßnahmen geben könnte die gefährdenten Gefährder frühzeitiger im pädagogischen Kontext zu identifizieren und ihnen zu helfen, bevor sie komplett psychotisch werden....

...aber die Gesellschaft will das nicht diskutieren - also ganz definitiv nicht. Das würde unser aller Selbstverständnis gefährden und dann opfern wir doch lieber zwischen 5-100 Leute pro Jahr solch irrwitzigen Amokläufen, stellen ein paar Kerzchen auf, haben ein paar tolle religiöse Momente bei diversen "Trauer-Live-Übertragungen" und diskutieren darüber, ob das Internet, Games, die AfD oder Frau Merkel, sprachliche Ungenauigkeiten oder weiß der Henker was monokausal sind. Im Grunde ist das, was dann so einer Tat folgt mindestens genauso irre, so dass es "fast" wieder passt. "Fast" für nahezu alle, außer den beiden Opfern und deren Angehörigen....über die ich bisher, wie erstaunlich in unserer geilen Gesellschaft, nichts weiter erfahren habe, als dass sie 20 und 40 Jahre alt waren....

tja, und dann sind wir wieder am Anfang: Opfer sind und werden nicht famous. Sie sind sozusagen "Loser". Um das zu ändern, müssen sie halt schon zu Tätern werden, nicht wahr....

de mappes
Spamferkel
über die ich bisher, wie erstaunlich in unserer geilen Gesellschaft, nichts weiter erfahren habe, als dass sie 20 und 40 Jahre alt waren....


in der, ich weiß unbeliebten, bild wurde etwas genauer darauf eingegangen...an der von dir gewählten Darstellung der "Opfer" änderte das aber nichts
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muffinho
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Meine Meinung dazu ist gar nicht mal so weit von der Fränkschen... ich vergleiche das für mich immer mit der Existenz von Religionen. Menschen, besonders in Zeiten vor der allgemeinen Aufklärung durch Medien, haben für unerklärliche Ereignisse eine Erklärung benötigt. Blutmond? Gott ist böse. Überschwemmung? Nicht genug gebetet. Pest? Die gemeine Bevölkerung muss eben bei der Messe mehr ins Beutelchen werfen usw. usf.

Mit diesen schlichten Maßnahmen wurde die Bevölkerung ein Stückweit eingefangen, nach dem Motto "God is mad, kannsch nix macha"

Analog nun die Diskussionen um Attentäter oder Amokläufer. Reflexartig werden Punkte hervorgekramt, die der BILD lesenden Bevölkerung suggerieren sollen, dass es halt einfach ein Spacko war, auf den die typischen Muster zutreffen, Faktoren die unsere Jugend versauen. Aktuell sind es Egoshooter, davon Filme wie Rambo, davor TV allgemein oder Rockmusik bzw. Musik generell. Schon der blinde Bruddler in "Der Name der Rose" wusste es bevor es die BILD oder Beckstein gab: das Lachen ist schuld.

Simple Menschen denken in simplen Mustern, daher finden diese Stereotypes auch immer wieder Anwendung. Es ist halt einfach die Schuld wie damals nach Winnenden erst mal Spielen wie Counterstrike oder Waffen zuzuschieben (dass Waffen in Privathänden nichts zu suchen haben ist ein anderes Thema), das erklärt auf die Schnelle das Unerklärbare. Erst später nehmen andere Ansätze ihren Raum, etwa psychische Probleme, Mobbing, Einsamkeit, falsche Medikation bzw. Behandlung oder andere Dinge, die dazu beitragen können dass Menschen unerklärbare Dinge tun.

Aber erst mal auf das Naheliegende schieben, damit beruhigt man schon mal die 75% der Bevölkerung... war hat ein dummer Freak der sich das Gehirn mit Counterstrike matschig gespielt hat, Beckstein fass!!!
Wir können alles. Außer WLAN.

de mappes
Spamferkel
bin da auch bei Frank...finde seinen Ansatz absolut erwähnenswert und geeignet, um darüber zu diskutieren

wird aber nicht passieren...klar
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thoreau
Granadaseggl
Es gibt in Deutschland sehr viele junge Menschen, die...

... im Schützenverein sind und Zugang zu Waffen haben.
... Shooter spielen/eine Waffenaffinität haben.
... psychische Probleme haben.
... soziale Probleme in Gruppen/Schule haben.
... prinzipiell zu erbarmungsloser, willkürlicher Gewalt in der Lage sind.

Erst wenn absolut jedes einzelne dieser Kriterien zutrifft, kommt es zu Winnenden, Erfurt,... Die Kombination mit einer fehlenden Variablen gibt es hunderte Male und führt im Normalfall vermutlich zu einem katastrophalen Leben, aber nicht zu einem Massenmord. Insofern empfinde ich das was frank schreibt in Bezug auf School shootings absolut korrekt. Sobald irgendeine Art von wie auch immer ausgeprägtem Fremdenhass dazukommt, wird die ganze Sache etwas komplexer. Umso wichtiger ist es, sich in diesem Kontext mit den konkreten Motiven und der konkreten Ursache auseinanderzusetzen. Und zwar auf allen Ebenen. Was macht aus einem Judenhasser einen Judenhasser mit einem Sturmgewehr und Sprengstoff. Genau das ist doch das entscheidende - zumindest auf dieser Ebene.

Was mich ärgert ist auch der Versuch, das in irgendwelche einfachen Muster zu pressen. Oder hinterher so zu tun als wäre irgendetwas auf systemischer Ebene zu verhindern gewesen. Auf individueller Ebene vielleicht. Von Freunden, Bekannten, Verwandten. Aber auch das ist kaum hinzubekommen. Auf systemischer Ebene ist es unmöglich. Man kann Sicherheitskontrollen auf dem Flughafen verschärfen. Boller neben Weihnachtsmärkte stellen... aber alles nur als Reaktion. Es gibt keine systemische Prophylaxe gegen bedingungslosen Hass und bedingungslose Aggression. Und die wird es auch nie geben. Das zu realisieren hilft auf Dauer definitiv mehr als der ohnmächtige (wenn auch nachvollziehbare) Versuch Wiederholungen zu verhindern.

mappes, die Bildzeitung als Beispiel/Vorbild für die Wahrnehmung/Umgang mit den Opfern zu nennen ist wirklich eine neue Dimension des Schwachsinns. Ein Organ, das durch andauernde und konsequente Hetze maßgeblich zur Spaltung der Gesellschaft und dem Hass auf Minderheiten beiträgt, bei sowas überhaupt so in eine Diskussion zu bringen, ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Natürlich kann man mit den Bildern der Opfer und Interviews mit ein paar betroffenen Nachbarn mehr Zeitungen verkaufen und mehr clicks generieren. Auf die Sensationsgier und niedrige Instinkte der Deppen ist eben immer Verlass. Meine Güte, schalt doch den Kopf einfach mal ein bevor du etwas postest. Aber natürlich geht das wieder nur gegen deine Person.

Tamasi
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Passt vielleicht ein bisschen dazu, ein Interview mit dem Regisseur und Co-Autor des Joker-Films:
"Wir sitzen auf einem Pulverfass!"

Der "Joker" (Joaquin Phoenix), ein Narzisst. "Bei ihm heißt es immer nur ich, ich, ich. Es ist wild", sagt Regisseur Todd Phillips. (Foto: AP)

Todd Phillips erklärt, warum man seinen "Joker" nicht als Helden sehen sollte und welche gesellschaftlichen Kräfte aus einem Menschen einen Mörder machen können.

Von Richard Pleuger

Als Todd Phillips zum Interview erscheint, ist er der Regisseur der irrwitzigen und sehr erfolgreichen "Hangover"-Komödien - aber noch nicht viel mehr. Seinen "Joker"-Film aus dem Universum der Batman-Comics - der Begeisterung auslösen wird, bis hin zum Gewinn des Goldenen Löwen in Venedig, aber auch Wut und Kontroversen - haben zu diesem Zeitpunkt erst wenige Eingeweihte gesehen. Und doch scheint der 48-jährige New Yorker zu ahnen, was auf ihn zukommt. In seinen Augen blinkt eine Lust, die Dinge aufzumischen. Ab und zu genehmigt er sich einen Zug aus seiner immer präsenten E-Zigarette.

Todd Phillips heißt eigentlich Todd Bunzl und wurde mit Komödien wie "Road Trip", "Old School" und der "Hangover"-Trilogie bekannt. Seit "War Dogs" (2016) packt er auch kontroversere Themen an. (Foto: AP)

SZ: In Ihrem Film erleben wir, wie ein totaler Loser namens Arthur Fleck zum Joker wird - und zur Galionsfigur einer neuen, militanten Protestbewegung. Wow! Werden jetzt bald marodierende Horden im Joker-Make-up durch die amerikanischen Städte ziehen?

Todd Phillips: Also wir haben "Joker" nicht gedreht, um eine Revolution auf den Straßen zu starten. Aber es kann doch nicht falsch sein, Autoritäten anzuzweifeln und die Machtstrukturen dieser Welt zu hinterfragen! Wenn diese Menschen maskiert demonstrieren, dann wollen sie im Grunde doch wissen, von welchen Mächten sie dominiert und drangsaliert werden. Sie stellen die harten Fragen, und das ist richtig so. Davor muss sich auch ein Hollywoodfilm nicht fürchten. Wenn wir diesen Impuls auslösen, können wir stolz darauf sein.

Nun, viele Ihrer Kollegen in der Entertainment-Branche wären da vorsichtiger ...

Ja, niemand will öffentlich über diese Machtstrukturen sprechen, und über die gesellschaftlichen Unruhen, die darunter rumoren. Es heißt immer, es sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Na gut, aber dann müssen wir vielleicht in Filmen darüber sprechen! Oder in Fernsehserien. Oder in Büchern. Alles, was dieses Gespräch in Gang setzt, finde ich gut. Wenn mal wieder irgendwo in meinem Land Gewalt explodiert, stürzen sich alle auf den Funken, den Auslöser. Aber niemand spricht die andere Wahrheit aus: Wir sitzen auf einem Pulverfass! Darüber muss man doch sprechen, und darüber spricht unser Film - über die Kräfte, die Arthur Fleck überhaupt erst zum Joker machen.

Welche sind das denn?

Es beginnt mit einem Kindheitstrauma, schon seiner Mutter wird übel mitgespielt. Und es geht weiter mit dem sozioökonomischen Klassensystem, das wir in den USA faktisch haben, und das im Grunde die ganze Welt umspannt. Wer das in aller Härte erleben muss, kann zum Joker werden.

Dieser Arthur Fleck ist psychisch gestört - und dann zeigen Sie Kürzungen im Sozialsystem, die dazu führen, dass er keine Medikamente mehr bekommt. Das allgemeine Elend, die Müllberge auf den Straßen - das erinnert an die Zeitstimmung im New York der frühen Achtzigerjahre. Hätten da nicht auch Videoaufnahmen eines jungen, arroganten Immobilienhais namens Donald Trump gut reingepasst?

Schon, aber das wäre leider zu offensichtlich gewesen (lacht). Der Film sollte nicht auf diese parteipolitische Schiene geraten. Wir wollen grundlegender provozieren, das war das Ziel! Wir bieten auch keine Rezepte und keine Lösungen. Es geht erst einmal um die Beschreibung eines Problems.

Dennoch liegt es nahe, auch in Donald Trump eine Art Anarcho-Clown zu sehen. Oder in Boris Johnson ...

Ja, darüber gibt es schon lustige Debatten unter meinen Freunden - wer im Film denn nun am ehesten Donald Trump sein könnte. Denn es gibt ja auch diesen arroganten Milliardär namens Thomas Wayne, den Vater des späteren Batman. Erst einmal denkt man, das ist vielleicht die Trump-Figur, bis man merkt: Moment, die aufgebrachten Massen hassen ihn, das passt also nicht. Bleibt der Joker ..

Der ja auch ein Narzisst ist!

Allerdings. Es wäre falsch, ihn als Helden oder als guten Menschen zu sehen. Er ist ein Opfer, er ist traumatisiert, er wurde in all das hineingeworfen, es ist nicht seine Schuld. Aber als Narzisst kann er eben nur an sich selbst denken, lange bevor er zum Joker wird. Niemand versteht ihn, denkt er, niemand hört ihm zu. Bei ihm heißt es immer nur ich, ich, ich. Es ist wild.

Sie haben Joaquin Phoenix wirklich die Qual dieser Figur spielen lassen - und selbst Ihre Komödien haben Momente, wo es unter dem Lachen wehtut. Warum wird so viel guter Humor aus Schmerz geboren?

Ich weiß es auch nicht, ehrlich gesagt. Aber ich weiß, dass in vielen Komikern eine dunkle Seite wohnt. Da brauche ich nur mein eigenes Leben anzuschauen - wenn du in einer harten Umgebung aufwächst, fällt dir als Kind die Rolle zu, der Spaßvogel zu sein. Um die Dinge erträglicher zu machen. Viele Komiker möchten als erstes ihre eigene Mutter zum Lachen bringen. Weil die vielleicht depressiv ist. Aber diese mütterliche Depression lebt dann in ihnen weiter, als eine Art Dunkelheit. Und als Zwang, weiterhin den Clown zu geben.

Warum haben sich so viele tolle Schauspieler auf die Rolle des Jokers gestürzt, von Jack Nicholson über Heath Ledger bis zu Joaquin Phoenix?

Zwei Dinge fallen mir dazu ein - Freiheit und Gesetzlosigkeit.

Auf der Leinwand ausleben, was wir alle gerne tun würden?

Das vielleicht auch. Aber vor allem glaube ich, dass Schauspieler gern eine Rolle in Angriff nehmen, die durch keinerlei Regeln definiert ist. Denn das ist ungewöhnlich und aufregend. Was immer dir einfällt für deine Performance, mach es! Und bei der Frage, ob der Joker das auch wirklich tun würde, lautet die Antwort fast immer: Klar! Das wirkt befreiend. Aber man muss auch furchtlos sein, um sich darauf zu stürzen. Und es kann nicht schaden, sich ein wenig mit dem Denken C. G. Jungs zu befassen ...

Wieso das denn?


Bei Jung gibt es diese Philosophie der Maskierung, diese Maske, die das wahre Selbst verdeckt. Und das Verrückte daran ist, dass Arthur Fleck im Lauf seiner Entwicklung diese Maske ablegt - und der Welt sein wahres Gesicht zeigt. Das ist unsere wirklich abgefuckt interessante Sichtweise der Dinge. Die meisten Zuschauer werden das aber gar nicht mitbekommen, vermute ich mal.

Also in dem Moment, wo sich der Joker dieses entstellende Grinsen ins Gesicht schminkt ...

... wird er frei.

Mit Sartre könnte man auch vermuten, dass der Joker ein Absurdist ist. Er begrüßt am Ende die Bedeutungslosigkeit des Lebens und rebelliert gleichzeitig dagegen. Sartre sagt, dass der absurde Mensch ohne Zukunft, Hoffnung, Illusionen und ohne die daraus folgende Resignation leben will. Er widmet dem Tod seine ganze Aufmerksamkeit, und diese Faszination befreit ihn. Der absurde Mensch erfährt die göttliche Verantwortungslosigkeit des Verdammten.

Mein Co-Autor Scott Silver und ich haben viel über solche Theorien gesprochen. Auch über Freuds Strukturmodell der Psyche, ob der Joker also das pure "Es" verkörpert, die ungebremste Herrschaft der Triebe und Affekte, die auf sofortige Befriedigung drängen. Wenn man sich in eine Figur wie den Joker hineindenkt, kann man mit diesen Theorien fünf oder zehn verschiedene Versionen entwickeln, da geht man wirklich auf Entdeckungsreise. Aber am Ende muss es funktionieren ... und ich hoffe mal, dass der Film Debatten auslöst, dass die Leute beim Abendessen diskutieren, was sie im Kino gesehen haben. Warum tun wir das heute nicht mehr? Weil wir alle so Angst haben?

Auch das Ende des "Jokers" wird für Diskussionen sorgen - weil es nicht ganz eindeutig ist und verschiedene Sichtweisen offenlässt ...


Ja! Es wäre zum Beispiel denkbar, dass Arthur Fleck, unser gequälter Protagonist, sich zwar im Fernsehen "Joker" nennt - aber am Ende gar nicht der Mann ist, der im weiteren Verlauf der Geschichte unter dem Titel Joker zum Superschurken und zu Batmans großer Nemesis wird. Vielleicht hat er diesen anderen Mann nur inspiriert, vielleicht ist es einer der vielen anonymen Maskierten da draußen auf der Demonstration. Und vielleicht geht es darum in dem Witz, den Arthur Fleck am Ende seiner Sozialarbeiterin nicht erzählen will, weil sie ihn ohnehin nicht verstehen würde ...

Sie feuern Spekulationen über Ihre eigene Geschichte an!

Ja, diese Interpretation hatte jedenfalls einer meiner Freunde nach dem Film. Hochinteressant! Ein anderer meinte, dass die ganze Szene, wo der Joker sich am Ende erhebt und von der wildgewordenen Menge gefeiert wird - dass das alles nie stattgefunden hat, oder eben nur im Kopf des Jokers. Immerhin wird er davor von einem Krankenwagen angefahren, und danach ist er in einem Raum mit hellem Licht. Ich liebe es, wenn meine Zuschauer sich auf diese Weise ihre eigenen Interpretationen zusammenreimen!

Ebenfalls bei SZPlus:

Der wunde Punkt

Der Kinofilm "Joker" löst in den USA Wut und Begeisterung aus. Er zeigt Hass, Verbitterung und Gewalt, die kaum zu ertragen ist. Und wirkt wie die düstere Vision der Wahlschlacht, die dem Land bevorsteht.  
Von David Steinitz


https://www.sueddeutsche.de/kultur/todd ... -1.4633083

Frank N Furter
Himbeertoni
thoreau hat geschrieben:...Oder hinterher so zu tun als wäre irgendetwas auf systemischer Ebene zu verhindern gewesen. Auf individueller Ebene vielleicht. Von Freunden, Bekannten, Verwandten. Aber auch das ist kaum hinzubekommen. Auf systemischer Ebene ist es unmöglich.


Bin ich anderer Meinung, Thoreau. Ich denke aber, wir sind gedanklich auch noch zu weit voneinander weg, um uns hier überhaupt nachvollziehen zu können.

Ich versuchs mal sorum:
- Immer mehr junge Menschen geben in Umfragen an, in ihrem Leben keinen Sinn zu sehen
- Immer mehr junge Menschen leben in Großstädten und fühlen sich aber gerade dort - also in größmöglicher Menschendichte - zunehmend einsam.
- Immer mehr junge Menschen leben sehr zurückgezogen, mit nur noch spärlichen, direkten Sozialkontakten
- Immer mehr jungen Menschen wird heute eine Depression diagnostiziert
usw.

Diese jungen Menschen haben systemische Krisen, um mal Deinen Begriff aufzugreifen. Sie leben in einer pervertierten Massen-Gesellschaft, die nicht mehr ihre Bedürfnisse befriedigt und die ihnen keinen Existenz- oder auch nur Gemeinschaftssinn vermittelt. Das funktioniert einfach schon evolutionsbiologisch nicht mehr. Menschen sind für solche Massengesellschaften einfach nicht geschaffen. Die Folge sind haufenweise psychische Probleme und psychische Erkrankungen. Es geht so vielen jungen Menschen in unserer rein materiell-technologisch orientierten Gesellschaft schlecht, dass das eigentlich für sich genommen der viel größere Skandal ist. Die wenigsten werden ja auf so krasse Weise Täter, sondern leiden mehr oder weniger still.

In den ursprünglichen Jäger-Sammler-Kulturen, die man leider zuletzt halbwegs nativ nur noch um 1900 beobachten konnte, fühlte sich jedes Mitglied notwendig und sinnvoll. Was einfach auch faktisch nachvollziehbar war. Das was diese Menschen machten war "vollständig", verständlich, autonom, selbtwirksam. Sie kannten jeden anderen ihrer Gruppe nahezu von Geburt bis zum Tod und hatten zu jedem eine tiefe lebenslange Beziehung. Die JSK kannten keine Art von psychischer Erkrankung! Nicht mal das, was wir heute eine genetisch bedingte Schizophrenie nennen. Und Amokläufer gabs natürlich schon gleich dreimal nicht.

Jetzt kann man natürlich resignieren und sagen: "zurück in den Urwald ist keine Option". Ist es natürlich auch nicht. Aber trotzdem kann man systemisch was machen, um die jungen Menschen besser einzubinden. Man kann ihnen Werte vermitteln und vorleben, die sie als sinnvoller und befriedigender erleben. Und man kann ihnen einen sozialen Kontext verschaffen, in dem sie sozial wachsen und kompetent werden können und auch ne Freundin oder nen Freund finden.

Heute hatte ich von einem Lehrer gelesen, der mit seinen Schülern über die Alpen gewandert ist. Danach brauchten die Kids kein Handy mehr und hatten das erst mal in ihrem Leben gemeinsam etwas schweres aber auch befriedigendes erlebt und erfahren. Von solchen Beispielen gibt es unzählige. Nicht alles muss bei allen wirken. Aber wenn wir unsere sinnlosen Gesellschaften so weiter hohl drehen lassen und jungen Menschen keinen Halt mehr bieten können, werden unzählige daran kaputt gehen. Das kann man jetzt schon klar diagnostizieren.

de mappes
Spamferkel
thoreau hat geschrieben:Es gibt in Deutschland sehr viele junge Menschen, die...

... im Schützenverein sind und Zugang zu Waffen haben.
... Shooter spielen/eine Waffenaffinität haben.
... psychische Probleme haben.
... soziale Probleme in Gruppen/Schule haben.
... prinzipiell zu erbarmungsloser, willkürlicher Gewalt in der Lage sind.

Erst wenn absolut jedes einzelne dieser Kriterien zutrifft, kommt es zu Winnenden, Erfurt,... Die Kombination mit einer fehlenden Variablen gibt es hunderte Male und führt im Normalfall vermutlich zu einem katastrophalen Leben, aber nicht zu einem Massenmord. Insofern empfinde ich das was frank schreibt in Bezug auf School shootings absolut korrekt. Sobald irgendeine Art von wie auch immer ausgeprägtem Fremdenhass dazukommt, wird die ganze Sache etwas komplexer. Umso wichtiger ist es, sich in diesem Kontext mit den konkreten Motiven und der konkreten Ursache auseinanderzusetzen. Und zwar auf allen Ebenen. Was macht aus einem Judenhasser einen Judenhasser mit einem Sturmgewehr und Sprengstoff. Genau das ist doch das entscheidende - zumindest auf dieser Ebene.

Was mich ärgert ist auch der Versuch, das in irgendwelche einfachen Muster zu pressen. Oder hinterher so zu tun als wäre irgendetwas auf systemischer Ebene zu verhindern gewesen. Auf individueller Ebene vielleicht. Von Freunden, Bekannten, Verwandten. Aber auch das ist kaum hinzubekommen. Auf systemischer Ebene ist es unmöglich. Man kann Sicherheitskontrollen auf dem Flughafen verschärfen. Boller neben Weihnachtsmärkte stellen... aber alles nur als Reaktion. Es gibt keine systemische Prophylaxe gegen bedingungslosen Hass und bedingungslose Aggression. Und die wird es auch nie geben. Das zu realisieren hilft auf Dauer definitiv mehr als der ohnmächtige (wenn auch nachvollziehbare) Versuch Wiederholungen zu verhindern.

mappes, die Bildzeitung als Beispiel/Vorbild für die Wahrnehmung/Umgang mit den Opfern zu nennen ist wirklich eine neue Dimension des Schwachsinns. Ein Organ, das durch andauernde und konsequente Hetze maßgeblich zur Spaltung der Gesellschaft und dem Hass auf Minderheiten beiträgt, bei sowas überhaupt so in eine Diskussion zu bringen, ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Natürlich kann man mit den Bildern der Opfer und Interviews mit ein paar betroffenen Nachbarn mehr Zeitungen verkaufen und mehr clicks generieren. Auf die Sensationsgier und niedrige Instinkte der Deppen ist eben immer Verlass. Meine Güte, schalt doch den Kopf einfach mal ein bevor du etwas postest. Aber natürlich geht das wieder nur gegen deine Person.


ich stimme dir bis auf den letzten Absatz absolut zu...und auch der allerletzte satz stimmt wieder

zum rest: der Meinung bin ich nicht und finde es sehr anmaßend von dir, sowas hier rein zu diktieren...das ist deine Interpretation, meine nicht...sonst würde ich es nicht posten...aber ist eigentlich sinnlos, mit dir darüber zu diskutieren...das bekommst du nicht in die birne

mein hinweis, zur Klarstellung, war einfach, dass der Hintergrund der zu beklagenden Opfer in der Bild beleuchtet wurde...man konnte dort lesen, um wen es sich handelt.
wer das möchte, kann es tun...wer es nicht möchte, soll es lassen (wer generell keine bild oder springer lesen möchte, auch okay)
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de mappes
Spamferkel
@frank
auch eine tolle antwort auf thoreaus beitrag...eine sehr wertvolle debatte; macht spaß zu lesen und verfolge das mit großem Interesse
bitte mehr davon :prost:
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Haber
Granadaseggl
Frank beschreibt das gut. Man nannte es in der Pädagogik VERÄNDERTE KINDHEIT. Als ehemaliger Ausbilder am Seminar und Lehrer meine ich, dass das Schulsystem Antworten fand. Aber gegen Antisemitismus und Rassismus hilft Schule nur ein bisschen. Das ist verdammt deutsch und ein gesellsch.-polit. Problem. Historisch immer weiter gewachsen und fand nur am Rande Entgegnung. Vergleiche zb NSU MORDE. u.a.

Warum deutsch? Ganz besonders gründlich? Machtansprüche?

Ich habe nur Antworten die sich geschichtlich ableiten lassen. Das reicht mir nicht. Ich weiß noch nicht woher ich Antworten bekommen könnte. Es hat auch was mit der geographischen Lage zu tun. Auch natürlich mit der gelehrten Rassenlehre Ende des 19. Jh.

Ich finde das gehört alles mit rein.


Die Griechen haben trotz Armut ihre Faschisten abgewählt. Aber Familie und Ländlichkeit leben.

thoreau
Granadaseggl
Frank N Furter hat geschrieben:
thoreau hat geschrieben:...Oder hinterher so zu tun als wäre irgendetwas auf systemischer Ebene zu verhindern gewesen. Auf individueller Ebene vielleicht. Von Freunden, Bekannten, Verwandten. Aber auch das ist kaum hinzubekommen. Auf systemischer Ebene ist es unmöglich.


Bin ich anderer Meinung, Thoreau. Ich denke aber, wir sind gedanklich auch noch zu weit voneinander weg, um uns hier überhaupt nachvollziehen zu können.

Ich versuchs mal sorum:
- Immer mehr junge Menschen geben in Umfragen an, in ihrem Leben keinen Sinn zu sehen
- Immer mehr junge Menschen leben in Großstädten und fühlen sich aber gerade dort - also in größmöglicher Menschendichte - zunehmend einsam.
- Immer mehr junge Menschen leben sehr zurückgezogen, mit nur noch spärlichen, direkten Sozialkontakten
- Immer mehr jungen Menschen wird heute eine Depression diagnostiziert
usw.

Diese jungen Menschen haben systemische Krisen, um mal Deinen Begriff aufzugreifen. Sie leben in einer pervertierten Massen-Gesellschaft, die nicht mehr ihre Bedürfnisse befriedigt und die ihnen keinen Existenz- oder auch nur Gemeinschaftssinn vermittelt. Das funktioniert einfach schon evolutionsbiologisch nicht mehr. Menschen sind für solche Massengesellschaften einfach nicht geschaffen. Die Folge sind haufenweise psychische Probleme und psychische Erkrankungen. Es geht so vielen jungen Menschen in unserer rein materiell-technologisch orientierten Gesellschaft schlecht, dass das eigentlich für sich genommen der viel größere Skandal ist. Die wenigsten werden ja auf so krasse Weise Täter, sondern leiden mehr oder weniger still.

In den ursprünglichen Jäger-Sammler-Kulturen, die man leider zuletzt halbwegs nativ nur noch um 1900 beobachten konnte, fühlte sich jedes Mitglied notwendig und sinnvoll. Was einfach auch faktisch nachvollziehbar war. Das was diese Menschen machten war "vollständig", verständlich, autonom, selbtwirksam. Sie kannten jeden anderen ihrer Gruppe nahezu von Geburt bis zum Tod und hatten zu jedem eine tiefe lebenslange Beziehung. Die JSK kannten keine Art von psychischer Erkrankung! Nicht mal das, was wir heute eine genetisch bedingte Schizophrenie nennen. Und Amokläufer gabs natürlich schon gleich dreimal nicht.

Jetzt kann man natürlich resignieren und sagen: "zurück in den Urwald ist keine Option". Ist es natürlich auch nicht. Aber trotzdem kann man systemisch was machen, um die jungen Menschen besser einzubinden. Man kann ihnen Werte vermitteln und vorleben, die sie als sinnvoller und befriedigender erleben. Und man kann ihnen einen sozialen Kontext verschaffen, in dem sie sozial wachsen und kompetent werden können und auch ne Freundin oder nen Freund finden.

Heute hatte ich von einem Lehrer gelesen, der mit seinen Schülern über die Alpen gewandert ist. Danach brauchten die Kids kein Handy mehr und hatten das erst mal in ihrem Leben gemeinsam etwas schweres aber auch befriedigendes erlebt und erfahren. Von solchen Beispielen gibt es unzählige. Nicht alles muss bei allen wirken. Aber wenn wir unsere sinnlosen Gesellschaften so weiter hohl drehen lassen und jungen Menschen keinen Halt mehr bieten können, werden unzählige daran kaputt gehen. Das kann man jetzt schon klar diagnostizieren.


Ich glaube, da habe ich mich zu undeutlich ausgedrückt. Ist auch sehr schwierig schriftlich, aber das hätte ich besser rausarbeiten sollen. Ich habe mich mit dem systemischen komplett auf die Ebene des "logistisch" verhinderbaren bezogen. Sei es durch Poller, Sicherheitskontrollen, erhöhte Security und alles was jemals an Reaktion auf einen Terroranschlag versucht wurde.
Natürlich ist es möglich und mehr denn je nötig, auf individueller Ebene an genau die Menschen heranzukommen, die du da beschreibst. Und das wird mehr und mehr Aufgabe der Schulen sein, bzw. ist es das schon sehr stark. Den SuS klarzumachen wie man mit dieser blinden und komplett oberflächlichen Massenkommunikation klarkommt, die man ihnen völlig ohne jede Vorbereitung anbietet. Ich sehe die - neben der Metropolsituation die du beschreibst - mindestens ebenso relevant. Ihre Rolle wechselt heute viel früher und intensiver vom Aufwachsenden zum Konsumenten, in jedem Bereich nahezu ohne Filter. Der neue Bildungsplan in BW nimmt da einiges sogar auf und trotzdem ist dieser Druck omnipräsent. Und dieses Umfeld produziert mehr und mehr Einzelgänger, man fällt schneller durch ein Raster und ohne entsprechende Unterstützung aus der Familie fehlt jegliche Orientierung. Und die Auswirkungen wiederum sind dann sehr unterschiedlich, je nach Persönlichkeit, ganz wie du es beschreibst.
Das Problem an Aktionen wie einem Alpencross oder ähnlichen Projekten dieser Art ist, dass hier meistens die ohnehin etablierten und integrierten Kinder und Jugendliche teilnehmen, es ist unglaublich schwer alle anderen hier einzufangen. Da spielt einfach das Elternhaus eine große Rolle und hier ist es wie mit dem Bildungserfolg selbst... Im Prinzip ist es ein System, dass die SuS mit ohnehin viel Unterstützung noch mehr erhalten, während die ohne familiäre Unterstützung auch schulisch manchmal durchs Raster fallen, eben wegen komplett fehlender familiärer Unterstützung, nicht weil die Schule das nicht möchte.
Leider wird das in Zukunft zumindest was die reine Bildung angeht noch extremer werden, nachdem das Mantra der Differenzierung, das seit 2004 die Bildung beherrscht hat, zumindest am Gymnasium wieder durch ein stärkere Elitenförderung ersetzt. Natürlich auf Druck der Wirtschaft. Hinzu kommt, dass außerschulische Projekte durch das Land weniger denn je gefördert werden. Für Schüleraustausche außerhalb Europas erhält ein Lehrer beispielsweise nur ein Drittel der Reisekosten erstattet.
Insbesondere bei deinem letzten Absatz gebe ich dir absolut Recht - aber ganz offensichtlich besteht daran, systemisch gesehen, kein gesteigertes Interesse. Die gesamte Entwicklung in der baden-württembergischen Kultuspolitik weist viel mehr auf ein Ausbilden von künftigen Arbeitnehmern hinaus, als auf ein Entwickeln von eigenständigen und mündigen Bürgern und vor allem Menschen.

muffinho
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Ein relativ ausgewogener Artikel über die Umstände, warum Menschen sich so entwickeln können:

https://www.tagesspiegel.de/kultur/die- ... 06864.html

Ich kann aber mit einem Teil von Fränk nicht übereinstimmen:
Da es zumindest diese Art von Täter noch bis vor....20? Jahren...nicht gab


Solche Menschen, die empathiebefreit auf der Suche nach Anerkennung Dinge machen, die nur schwer zu begreifen sind, gab es sicherlich auch schon früher, nur eben lokal begrenzt, so erhoffte man sich damals eben die Anerkennung der örtlichen Clique, heute ist es dank Internet eben alles eine Stufe größer. Auch die Medien tragen ihren Teil bei, früher ging sowas mehr oder weniger unter, heute berichten Schmierblätter tagelang über jeden möglichen Scheiß. Die mediale Reichweite und das Streben nach globaler Akzeptanz ist durch das WWW eben rasant angewachsen, gleicher Mist warum die Trutherspacken solchen Zulauf bekommen... früher konnte man seine wirren Thesen maximal bei einem obskuren Verlag veröffentlichen, heute kann jeder Idiot auf Facebook, Youtube und Konsorten seinen Gehirndünnpfiff unter das Volk bringen, ohne größeren Aufwand wie Netzwerken und Selbstvermarktung.

Aber es stimmt schon, die Welt ist kälter geworden, der Leistungsdruck nimmt zu. Wenn ich da an meine Schulzeit denke, Englisch in der 5. Klasse, in der 7. darf man wählen zwischen Französisch oder Latein... und heute: Englisch ab der 1. Klasse, das ist doch der Wahnsinn, es sind immer noch Kinder mit 6 Jahre. Und das zieht sich eben weiter bis zum Erwachsenwerden. Cybermobbing, Body shaming und was es sonst noch alles für einen Scheiß gibt.
Wir können alles. Außer WLAN.

muffinho
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Mein Lieblingserfahrungsjurist hat wieder mal zugeschlagen:

"Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild", sagte Seehofer. "Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag. Und deshalb müssen wir die Gamerszene stärker in den Blick nehmen."


Scheiße, ich habe früher Siedler und ages of empires gespielt, bekomme ich jetzt demnächst Besuch vom BKA wegen Plaung bzw. Simulation von kriegerischer Expansion und Genozid? :shock:
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Tamasi
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Oh... ich habe „Risiko“ gespielt!

Aber ich finde, wir sollten viel eher die „Monopoly“-Spieler betrachten!

Und im Ernst: Gute Beiträge gerade. Auch lesenswert:
https://sz.de/1.4631625

Edit, Wikipedia über „Risiko“:
Wegen der militaristischen Ausdrucksweise, in der die Spielbeschreibung der ersten Spielversion in Deutschland gehalten war, sollte das Spiel 1982 indiziert werden. Erst eine gerichtliche Auseinandersetzung wandte dieses ab.[3] Als Konsequenz änderte der Hersteller die Formulierungen der Spielbeschreibung und Anleitung ab. War in älteren Versionen noch vom „Erobern“ bestimmter Gebiete und „Vernichten“ der Gegner die Rede, werden in neueren Versionen Gebiete „befreit“ und die gegnerischen Armeen „aufgelöst“.

Dit is mir zu real. :-)

muffinho
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Alle die früher Cowboy und Indianer gespielt und dabei mit einem Käpsele Revolver auf andere Menschen geschossen haben, bitte sofort Selbstanzeige beim BKA!

Und Schach, da wird die arme Dame solange gejagt bis sie aus dem Spiel genommen wird, das sollte man sich auch mal näher anschauen... ein Wunder dass Kasparow und Karpow nicht Amok gelaufen sind.
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Frank N Furter
Himbeertoni
thoreau hat geschrieben:….Den SuS klarzumachen wie man mit dieser blinden und komplett oberflächlichen Massenkommunikation klarkommt, die man ihnen völlig ohne jede Vorbereitung anbietet.... Ihre Rolle wechselt heute viel früher und intensiver vom Aufwachsenden zum Konsumenten, in jedem Bereich nahezu ohne Filter.... Und dieses Umfeld produziert mehr und mehr Einzelgänger, man fällt schneller durch ein Raster und ohne entsprechende Unterstützung aus der Familie fehlt jegliche Orientierung.
...Das Problem an Aktionen wie einem Alpencross oder ähnlichen Projekten dieser Art ist, dass hier meistens die ohnehin etablierten und integrierten Kinder und Jugendliche teilnehmen, es ist unglaublich schwer alle anderen hier einzufangen. Da spielt einfach das Elternhaus eine große Rolle und hier ist es wie mit dem Bildungserfolg selbst... Im Prinzip ist es ein System, dass die SuS mit ohnehin viel Unterstützung noch mehr erhalten, während die ohne familiäre Unterstützung auch schulisch manchmal durchs Raster fallen, eben wegen komplett fehlender familiärer Unterstützung, nicht weil die Schule das nicht möchte.


Ich verstehe noch nicht ganz, warum das so ist. Was ich natürlich verstehe, dass die Kinder aus einem liebevollen Elternhaus wesentlich bessere Chancen haben. Aber beim schulischen Nachhilfeunterricht ist es ja auch so, dass da nur noch die sitzen, deren Noten halt nicht so gut sind. Theoretisch sollte es also durchaus möglich sein Strukturen aufzubauen, die ganz gezielt konkrete Defizite adressieren, oder?

Gerade Jugendliche wünschen sich nichts Anderes sehnlicher, als die Anerkennung ihrer Peers. Das ist quasi ein biologisch vollkommen zuverlässiges Programm, das da abläuft. Wenn der Staat obligatorische Schulaktivitäten finanzieren würde, die allen Jugendlichen - Beliebten wie Unbeliebten, Integrierten wie nicht-Integrierten - "ursprüngliche Kollektiverlebnisse" verschaffte, dann bestünden aus meiner Sicht sehr gute Chancen, dass sich die Kinder eben gerade nicht mehr nur "als Träger von Markenklamotten", "Besitzer von Konsumtrends" oder "schöne und hässliche Menschen" wahrnehmen, sondern als kollektives Ganzes.

Warum bin ich mir da so sicher?: Wenn Du abends nach einem sehr anstrengenden Tag irgendwo mitten in der Pampa bist, es ist kalt und schifft in Strömen, alle sind fast irr vor Hunger, und irgendjemand muss noch Zelte aufbauen, Holz sammeln, Feuer machen und kochen, dann wird jeder Jugendliche der sich daran beteiligt etwas wert. Auch die "Ausgestoßenen" werden dann etwas wert, weil die Anderen sehen können (was sie sonst nie sehen würden), dass jeder eine Aufgabe übernehmen kann, die dem gemeinschaftlichen Ziel nützt. Weil jeder dem Anderen wieder zur Hilfe wird, was nicht zufällig der Leitgedanke einer jeden Gesellschaft ist, der Grund, weshalb wir überhaupt sozial sind, weil wir gemeinsam mehr erreichen können, als alleine.

Wenn man solche "ursprünglichen" Situationen in Jugendfreizeiten oder auch im schulischen Rahmen finanziert und Raum gibt, garantiere ich Dir, dass die Jugendlichen wieder zu einem sozialen Ganzen zusammenwachsen (wenigstens zeitweise mit einer gewissen Halbwertszeit). Ihre (und unsere) inneren Programme sehnen sich letztendlich nach dieser Form des Sozialen, weil wir so konstruiert wurden.

Was wir heute mit unseren Kindern machen ist letztlich eine soziale Vergewaltigung. Dass da einige "krank" werden, ist doch fast unvermeidlich.

Also kurz zusammengefasst: Ich hätte schon noch die Hoffnung, dass durch geeignete Strukturen und gemeinsame Aktivitäten für die soziale Entwicklung Aller Erhebliches erreicht werden kann. Aller, weil es nichts nützt nur die Ausgegrenzten zu sozialisieren. Wir müssen auch die Ausgrenzer sozialisieren.

Es ist ja nicht zufällig, dass die Ausgegrenzten rechtsradikalen Ideologien anheim fallen, die ihrerseits wieder hauptsächlich ausgrenzend sind (die Juden, die Moslems, die Ausländer usw.). Das sind alles Gebilde aus der antisozialen Formenfamilie. Alle wurzeln in einem starken Mangel sozialer Kompetenz. Soziale Kompetenz ist auf Basis unserer Anlagen jedoch hervorragend erlernbar!

Frank N Furter
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muffinho hat geschrieben:Solche Menschen, die empathiebefreit auf der Suche nach Anerkennung Dinge machen, die nur schwer zu begreifen sind, gab es sicherlich auch schon früher, nur eben lokal begrenzt, so erhoffte man sich damals eben die Anerkennung der örtlichen Clique, heute ist es dank Internet eben alles eine Stufe größer.


Klar. Was ich jetzt erstmal neu (oder wahlweise schwer verständlich) finde, ist der Umstand, dass frühere Täter eher größenwahnsinnig waren und ihre Taten mit Allmachtsphantasien verübten. Der Halle-Täter, wie auch schon die Jungs neulich in den USA, nennen sich selbst Incels, begreifen sich als Loser, und kompensieren ihren Frust ganz offensichtlich nicht mehr durch Allmachtsphantasien. Gleichzeitig zelebrieren sie ihren eigenen Untergang im Netz und kommentieren das wie ein Computerspiel. Das meinte ich mit: "neu".

Tamasi
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Im oben verlinkten SZ-Artikel geht es auch darum, dass wir gerne von „allen“ reden, der Begriff aber hohl geworden ist, weil der Einzelne viel, viel mehr zählt.

Das wird aber nicht - wie so gern & einfach - als aktuelles Phänomen der Instagram-Leutchen gesehen, sondern als Folge einer bereits über Jahrzehnte gehenden Entwicklung. Hübsch die Formulierung, dass wir in den 90ern unseren Kompass verloren haben...

de mappes
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muffinho hat geschrieben:Mein Lieblingserfahrungsjurist hat wieder mal zugeschlagen:

"Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild", sagte Seehofer. "Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag. Und deshalb müssen wir die Gamerszene stärker in den Blick nehmen."


Scheiße, ich habe früher Siedler und ages of empires gespielt, bekomme ich jetzt demnächst Besuch vom BKA wegen Plaung bzw. Simulation von kriegerischer Expansion und Genozid? :shock:


und sicher auch counter strike?
und Command Conquer?
Dann hatten wir ja denselben Horizont oder Erfahrungsschatz :mrgreen:

die Kombination der genannten Spiele macht alle mitspieler natürlich zu potentiellen Amokläufern...das ist logisch

immer dasselbe hilflose tote ross, dass sie rauszerren, wenn solch ein vorfall sich abspielte
naja immerhin ist die SUV-Debatte jetzt erloschen :lol: (Erklärung: Das ist keine Bewertung hinsichtlich der Anschaffung oder Einschränkungen der SUVs, die man sicher führen kann...wollte lediglich drauf hinweisen, dass solche schnellschüsse nach einem Unfall oder Ereignis auch schnell wieder ad acta gelegt werden...sprich leere Worthülsen der Politiker)
Don't criticize what you can't understand

Frank N Furter
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Tamasi hat geschrieben:Im oben verlinkten SZ-Artikel geht es auch darum, dass wir gerne von „allen“ reden, der Begriff aber hohl geworden ist, weil der Einzelne viel, viel mehr zählt.


Verschwindet bei mir leider hinter der Bezahlschranke (Buähhhh, ich werde ausgegrenzt.... :) )

Tamasi hat geschrieben:Das wird aber nicht - wie so gern & einfach - als aktuelles Phänomen der Instagram-Leutchen gesehen, sondern als Folge einer bereits über Jahrzehnte gehenden Entwicklung. Hübsch die Formulierung, dass wir in den 90ern unseren Kompass verloren haben...


Warum in den 90`igern? Ob wir unseren Kompass wertemäßig verloren haben, weiß ich gar nicht. Ich befürchte, wir hatten nie einen, bzw. das was unsere Ahnen einen Kompass nannten, war seit jeher immer nur behelfsmäßig konstruierte Orientierungslosigkeit.

Das Verschwinden des Sozialen aus unserer Gesellschaft hat aber glaube ich seine Hauptursache darin, dass sich die Produktionsmethoden geändert haben. Wenn man heute in einem Büro sitzt - durchaus im netten Tete-a-Tete mit Anderen - und irgendwelche Vorgänge bearbeitet, Akten pflegt oder Projekte macht, dann ist für die meisten Menschen gar nicht mehr zu erkennen, dass etwas anders abliefe, wenn sie fehlten oder ausgetauscht würden.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder seine Austauschbarkeit erdulden muss, statt seine soziale Einmaligkeit erleben zu können. Ich weiß nicht, ob Dir da was in den Ohren klingelt: "soziale Einmaligkeit" ist der Versöhnungsgedanke zwischen Kollektivismus und Individualismus. Wir Menschen konnten lange Zeit echte Individuen sein, in einem fuktionierenden Kollektiv (nur dort ist es möglich). Heute, wo wir nur noch Austauschbare sind, sehnen wir uns wie die Hunde nach dieser sagenhaften Individualität (der ganze Prominentenkult erzählt unsere Leidensgeschichte bestens)

Grotesker Weise hoffen wir aber unsere Individualität als eines von 7,7 Milliarden Menschenwesen ausgerechnet (oder: Hallo: natürlich :idea: ) in den kollektiven Trends und Moden zu entdecken, die man allesamt kaufen kann..... :lol: *
Das nenen wir dann Konsum, respektive Kapitalismus. Freilich hat es mit beidem gar nichts zu tun. Selbst unsere Gegentheorien, die Anamnese unserer Krankheit und die Diagnose sind schon zutiefst krank. Das Gegenteil von Kapitalismus würde uns niemals unsere Individualität zurück geben. Und weniger zu konsumieren hilft da für sich genommen auch nicht...

Es wäre interessant über die Therapie zu sprechen. Nur mit wem? :lol:

muffinho
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Frank N Furter hat geschrieben:Klar. Was ich jetzt erstmal neu (oder wahlweise schwer verständlich) finde, ist der Umstand, dass frühere Täter eher größenwahnsinnig waren und ihre Taten mit Allmachtsphantasien verübten. Der Halle-Täter, wie auch schon die Jungs neulich in den USA, nennen sich selbst Incels, begreifen sich als Loser, und kompensieren ihren Frust ganz offensichtlich nicht mehr durch Allmachtsphantasien. Gleichzeitig zelebrieren sie ihren eigenen Untergang im Netz und kommentieren das wie ein Computerspiel. Das meinte ich mit: "neu".


Ah, ok ich verstehe was Du meinst. Ich weiß nicht, also ob es diese Art Täter schon früher gegeben hat, ich bin doch nur ein dummer Tastenknecht und kein Kriminologe. Aber ich halte es für sehr billig von Medien und Politik nun hier Vergleiche zu Computerspielen anzustellen, denn es wird in der Geschichte der Menschheit schon immer Menschen gegeben haben, die sich durch Ereignisse, Medien oder Personen inspiriert haben... spontan fällt mir da dieser Massenmörder aus LA ein, der sagte ihn "night prowler" von ACDC inspiriert hat. Dazu noch massenhaft Filme, Bücher oder Ereignisse, die labile Menschen als Vorlage für was auch immer herziehen, weil ihnen die Fantasie für eigene Kreationen fehlt und sie sich Rambo, Soap oder Bon Scott als Blaupause wählen müssen. Und da der Mensch mit einer sich ständig sich entwickelnden Umwelt zurecht kommen muss, ist es doch nur logisch dass man auch die Quelle der Inspiration anpasst. Früher waren es Bücher, heute sind es Games, morgen ist es eine virtuelle Welt in die wir eintauschen können, etwa wie in total recall, Manipulation der Synapsen.
Wir können alles. Außer WLAN.

Frank N Furter
Himbeertoni
@Muffie

Was die "Computer-Legende" betrifft, müsste man zu folgendem etwas wissen: Erhöht die Internet-Computer-Spiele-Kultur die Quote derjenigen psychisch kranken jungen Menschen, die ihren Frust irgendwann in Gewalttaten zu lindern versuchen oder nicht.

Um diese Frage zu beantworten, müsste man die Gesamt-Anzahl der jungen Menschen kennen, die sich sozial vernichtet fühlen, darunter diejenigen die im Internet tagtäglich Computerspiele spielen, verglichen mit denjenigen, die das nicht tun. Getrennt nach Geschlechtern, weil Mädchen und Jungs ihre soziale Vernichtung anders kompensieren.

So lange niemand Statistiken vorlegen kann (you remember :lol: ), bleibt das mit den Computerspielen nur ein sehr plausibler Verdacht.

de mappes
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Ich glaube als das Thema ballerspiele richtig hoch kochte gab es auch Politiker oder sonstige Experten, die davon faselten, dass Ego shooter auch dazu führt, dass die Täter besser zielen und effizienter töten können
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muffinho
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Frank N Furter hat geschrieben:
So lange niemand Statistiken vorlegen kann (you remember :lol: ), bleibt das mit den Computerspielen nur ein sehr plausibler Verdacht.


Ja, ein Verdacht mit dem man herrlich Stimmung machen, komplexe Situationen auf ein Mindestmaß reduzieren und von den eigentlichen Problemen ablenken kann.
Wir können alles. Außer WLAN.