Streich vs. Abraham in der Taktikanalyse
Der abkippende Trainer
Es war eine Szene für Taktikliebhaber: Das Duell zwischen Freiburgs Streich und Frankfurts Abraham bot einen Trainer mit Raumdeckung, einen anlaufenden Verteidiger und eine Bank mit vorbildlichem Gegenpressing.
Der Bodycheck von Frankfurts David Abraham gegen Freiburgs Trainer Christian Streich war der Aufreger des Bundesliga-Spieltags. Eine Szene, an der man mit jeder Wiederholung ein neues Detail entdeckt.
Etwa wie Streich kurz sitzen bleibt, nachdem ihm Abraham niedergestreckt hat wie ein Eishockeyspieler seinen Gegner an der Bande. Wie der Freiburger Coach dann für eine Sekunde die Arme über den Knien verschränkt, als wäre er jetzt endgültig fertig mit dieser Welt.
Nicht final klären ließ sich bisher die Schuldfrage. Und wenn man im Fußball nicht mehr weiter weiß, dann braucht es eine tiefgehende Analyse - am besten eine Taktikanalyse.
Die Polyvalenz des David Abraham
Zuallererst fällt auf, dass Abraham den Gegner wirklich gut anläuft. Das wollen ja immer alle Trainer von ihren Spielern: aggressives Pressen, Gegner unter Druck setzen. Und dann erweist sich der Frankfurter Kapitän auch als durchaus polyvalent: Einerseits agiert er als Balleroberer, der dem Spielgerät wild hinterherjagt. Andererseits zeigt er auch die Fähigkeit, an seinem Gegner vorbeizukommen. Eins-gegen-Eins-Spieler, die mal etwas Überraschendes machen, sind ja so schwer zu finden heutzutage.
Aber Streich, ganz Taktikfuchs, stellt natürlich auch die Räume gut zu. Er besetzt geschickt den Halbraum zwischen Coachingzone und Spielfeld. Als Abraham heranrauscht, macht er eine winzige Bewegung und versperrt dem Eintracht-Spieler so den direkten Laufweg zum Ziel. Das Gespür, wann dafür der richtige Augenblick ist, haben nur echte Strategen.
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Im Hochleistungsfußball kommt es auf Details an: Streich beherrscht sie perfekt. Die rechte Schulter schiebt er kurz vor dem Zusammenpralls so klug raus, dass Abraham eigentlich ausweichen müsste. Verteidigung mit Deckungsschatten. Aber Abraham weicht nicht aus. Krach.
Danach sieht man, was man in der modernen Fußballsprache als einen abkippenden Trainer bezeichnet. Streich fällt um, ein Bein zum Himmel, eins zur Seite.
Kollektives Gegenpressing der Freiburger Bank
Abraham läuft weiter und beweist dann eine selten gesehene Kaltschnäuzigkeit: Er beugt sich zum Ball herunter, als könne er jetzt wirklich noch den Einwurf ausführen.
Das kollektive Gegenpressing der Freiburger Bank, das folgt, ist beeindruckend. Vicenzo Grifo greift Abraham an, seine SC-Kollegen rücken perfekt nach, sodass der Frankfurter sich fast gezwungen sieht, einen Befreiungsschlag anzusetzen. Klar, die Grundordnung der Freiburger ist jetzt zwar dahin, aber das macht dann auch nichts mehr.
Der Schiedsrichter zeigt zweimal Rot und fertig ist das Schlachtengemälde des 11. Spieltags. Klarer Sieger: niemand. Klarer Verlierer: alle.
https://www.spiegel.de/sport/fussball/b ... 95866.html
„Selbst das wildeste Tier kennt doch des Mitleids Regung“ – „Ich kenne keins und bin deshalb kein Tier“ (Richard III).