Unter Westfalen hat geschrieben:Strafraumgitarre hat geschrieben:
Ich beobachte seit einigen Tagen, wie in der medialen Berichterstattung verstärkt Ökonomen zu Wort kommen, die auch nicht mit Ratschlägen geizen, wie die aktuelle Gesundheitsbedrohung durch Covid 19 gehandhabt werden müsse. Erstmal kein Problem - jeder ist betroffen, jeder kann und soll sich äußern. Nur:
Ich werde sehr hellhörig, wenn die Finanzwelt mit Lösungen für medizinische Fragen um die Ecke kommt. In Italien steht man derzeit bereits vor dem ethischen Problem, welcher von mehreren Patienten das eine verfügbare Intensivbett mit Beatmungsmöglichkeit bekommt und welcher nicht. Ich würde mir sehr wünschen, dass zu gesundheitlichen Aspekten nicht die Ökonomen sprechen, sondern die Virologen, Epidemiologen, etc., bevor nach den ersten zwei Wochen Lockdown und Lagerkoller als nächstes die Frage aufkommt "Wieviele gerettete Menschenleben verkraftet unsere Wirtschaft (noch)?"
Diese Beobachtung ist mehr als erschreckend.
Aber dazu haben sich mehrer Mitglieder der Regierung eindeutig geäußert, am deutlichsten Olaf Scholz, so dass, wenn nichts Außergewöhnliches eintritt, die Lage nach dem 20.04. neu bewertet wird.
Man wird genau beobachten müssen, WER WAS sagt und aus WELCHER ECKE diese viralen Ökonomieepidemologen kommen. Und Professorentitel können mich zunächst einmal nicht beeindrucken.
Man kann diese Frage von vornherein verteufeln oder sie diskutieren, aber um eine Entscheidung wird man nicht herumkommen. Denn da wird so richtig was auf uns zukommen. Selbst wenn wir in Deutschland einigermaßen unbeschadet aus der Nummer rauskommen, so basiert unsere Wirtschaft doch nun mal überwiegend auf Exporten. Es ist aus meiner Sicht ziemlich sicher, dass es einen heftigen Einbruch geben wird, gegen den 2008/2009 moderat wirken wird. Und ich bin charakterlich Optimist und neige sehr selten zum Schwarzmalen.
Szenarios wie das Auseinanderbrechen der Eurozone, ein massives Einbrechen der Wirtschaft und ein Bankencrash sind absolut realistisch. Und dann? Wenn dem Staat keiner mehr was leihen will oder kann, dann ist es mit Rettungsschirmen etc. zunächst mal vorbei. Dann geht es zB auch an Beamtenbezüge und Renten, gleichzeitig sind Lieferketten im Arsch und die Preise gehen hoch. Das wird immense gesellschaftlche und soziale Folgen haben. Politik und Wirtschaftswissenschaften (und Politik ist nun mal zu einem wichtigen Teil praktische Wirtschaftswissenschaft) müssen das auf dem Schirm haben. Es beruhigt, dass das augenscheinlich der Fall ist. Und da sind Virologen und Epidemologen wichtige Ratgeber, aber eben nicht nur sie. Der Drosten weist zB gebetsmühlenartig drauf hin, dass er nur die medizinisch-fachliche Seite anspricht, und auch hier nur einen Teil.
Die Frage ist letztlich, wie lange man die Maßnahmen aufrecht erhalten kann, ohne die Wirtschaft, von der wir nunmal alle abhängen (muss man nicht mögen und kann man kritisieren, darf man aber nicht ausblenden!) vollends über die Klippe springen zu lassen. Manche ziehen diese Grenze früher, andere später - ich übrigens eher später. Aber darüber MUSS diskutiert werden. Ich hoffe inständig, dass die Politik nicht gleich wieder den Fehler von 2015 macht und die richtigen Schritte tut, ohne sie richtig zu erklären. Für die Medien gilt das Gleiche. Darüber muss gesprochen werden.
Im übrigen gibt es einen Punkt, in dem ich mit unserem Westentaschenleonardo absolut einer Meinung bin - um solch wichtige Entscheidungen zu treffen, braucht es verlässliche Daten. Und die haben wir derzeit nicht. Durch die Ausgangsbeschränkungen haben wir Zeit gewonnen, und die muss nun unter anderem genutzt werden, um sich ein sehr klares Bild zu machen.
Ich beneide keinen Politiker, der diese Entscheidung am Ende zu treffen hat. Puh.
Edit: Dass natürlich sehr viele Interessengruppen nun ihre Stimme erheben ist doch nur logisch. Es geht ja auch um viel.
"They may be drinkers, Robin, but they are also human beings."
(Batman)
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