Thema Angst
Das hat für mich zwei Aspekte. Erstmal zum Expliziten, den Du benennst und später dann zum Impliziten, den ich schon mit Auswurf etwas unglücklich am Wickel hatte.
1. Die erzeugte Angst vermittelt durch die Wahrnehmung Dritter
Southern Comfort hat geschrieben:Wenn
- die italienische Armee die Toten abtransportiert,
- eine Baden-Württembergische Kliniken Engpässe bei den Intensivbetten vermeldet.
- Wir äußerst deutlich den Verlauf in Kleinsystemen mit hohem individuellen Risiko (Pflegeheime) sehen, finde ich es hinreichend konkret, wovor man Angst hat. Das ist doch nicht abstrakt.
Zur italienischen Armee habe ich schon einiges geschrieben, von dem ich überzeugt bin, dass uns dessen insistierende Wiederholung meinerseits in der Diskussion nicht weiterbringt. Falls jedoch großer Bedarf besteht, führe ich das nochmal aus…
Engpässe in größtenteils kaputt gesparten Kliniken, gerade in kleineren Kliniken, sind in Deutschland mittlerweile leider kein Zeichen einer grassierenden Epidemie, sondern der ganz normale Alltag. Das gilt auch und gerade für Intensivbetten während der Erkältungswellen im Frühjahr. Jetzt wird halt auf einmal drüber berichtet, worüber letztes Jahr zum Beispiel niemand berichtete.
Den dritten Punkt verstehe ich nicht. Meinst Du das Pflegeheim von dem berichtet wurde, mit den schwerkranken, dementen Patienten?
Normaler Weise wäre ich der Typ Mensch, der sagen würde, scheiß auf die Medien, scheiß auf Einzelfallberichte, gib mich die Zahlen und Daten. Nun muss man halt leider aktuell auch noch sagen: scheiß auf die Zahlen. Auf alle Zahlen? Nein, denn bei der Zahl der Toten, dürfen wir davon ausgehen, dass wenigstens die Dynamik im weltweiten Anstieg zutreffend ist. Das schau ich mir an und wundere mich nicht mehr, warum unsere Intensivmediziner hier alle noch so wahnsinnig entspannt aussehen.
2. Die implizite Angst
Ja, im Gegensatz zu Ebola, Zika oder der Schweinegrippe, aber auch zur Tuberkulose oder Malaria trifft es jetzt tatsächlich mal uns. Das kann ängstigen und Angst hat ja auch eine Funktion die wichtig ist: Gefahrenabwehr.
Eine Gefahr, die wir aber nicht abwehren können ist unser Tod. Blöder Weise macht er uns trotzdem Angst. Das ist vermutlich eines der wirkmächtigsten Dilemmata im Leben jedes Menschen. Deshalb neigen wir in Anbetracht unserer eigenen Sterblichkeit viel, viel schneller zu irrationalen Handlungen und zur Panik. Aber wir wissen das, weil wir uns ja kennen. Und weil wir es wissen, müssen wir das auf der Ebene großer gesellschaftlicher Entscheidung mitberücksichtigen, wenn wir gesellschaftliche Gefahren erfolgreich abwehren wollen.
Herr Drosten hat diesen Punkt mehrfach hervorragend in seinen täglichen Sendungen herausgearbeitet: Corona ist keine Bedrohung des einzelnen gesunden Individuums, sondern eine Bedrohung der Gesellschaft und der darin lebenden Alten, Kranken, Beeinträchtigten. Wir sollten uns solidarisch verhalten (Drosten) und er findet es vorbildlich wie Asiaten Gesichtsmasken tragen, nicht um sich selbst zu retten, sondern die Anderen vor sich selbst zu schützen. Das liebe ich übrigens auch am kollektiven Konformismus: da wird dem überkandidelten Individualismus mal so richtig ordentlich in den Arsch getreten…. vom großen Führer….
Was Infektionskrankheiten betrifft, waren wir eigentlich in Europa bisher ziemlich asiatisch unterwegs. Die kamen und gingen, haben einige Tausend Menschen jedes Frühjahr dahingerafft, wir blieben aber standhaft und haben uns einfach weiter vermehrt und weiter gewurschtelt. Prima. Jetzt ist aber 2020 etwas passiert, plötzlich haben wir Angst, Massen-Angst und verändern im Originalmodell die gesamte Gesellschaft. Aus Angst zu sterben hören wir auf zu leben.
Wir hören aber nicht auf Autobahnen zu befahren auch jenseits angeratener Überlegungen zu Masse & Impulserhaltung, sowie Sterblichkeitsstatistiken im Straßenverkehr. Größere Gefahr, geringere Volksangst. Warum? Weil wir im Gegensatz zu Corona den Straßenverkehr schon so lange kennen und uns an seine Begleiterscheinungen gewöhnt haben? Ja, genau. Müssen wir uns jetzt auch erst an Corona gewöhnen, um mit diesem Risiko rational umgehen zu können?
Was bedeutet eigentlich rational mit seiner Angst umzugehen? Es bedeutet eine Ratio zu bilden, im ursprünglichsten Sinne der Wortherkunft: einen Quotienten zweier Zahlen. Den Quotienten aus dem was uns das Verängstigende kosten könnte, geteilt durch die Aufwendungen die dazu nötig wären das Angstmachende abzuwehren.
Bleiben wir also mal rational und schauen uns diesen interessanten Term etwas näher an:
Was stellen wir fest? Käse, wir kennen den Zähler gar nicht. Wir wissen also im Moment nicht, wie viele Leben und vor allem auch welche Leben Corona bedroht. Aber wir wissen immerhin, dass ein sehr großer Anteil der bedrohten Leben unmittelbar davor steht sowieso zu enden. Das wissen wir, weil wir wissen, dass Erkältungsinfektionen jedweder Art das so an sich haben. Also irgendwo zwischen 93, 95, 97% wird Corona diejenigen töten, die bereits ihrem persönlichen Ende entgegensehen. Es ist sogar im Einzelfall dann kaum noch zu klären, ob der eine oder andere an Herzschwäche, seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung oder Corona gestorben ist.
Verschöben wir unsere Ratio mal um ca. 6 Monate zeitlich nach vorne, dann stünde auch ohne Corona viel weniger Leben im Zähler. Wohingegen durch Maßnahmen die auf soziale Isolation und Kontaktsperre beruhen, der Nenner unglaublich rasant ansteigt über die Zeit. Da addieren sich dann Krankheit, Armut, Depressionen und auch Tod immer stärker auf.
Was wir also gerade nicht können, ist die Ratio exakt auszurechnen mangels geeignetem Wissen. Aber wir wissen etwas Anderes, wir wissen, dass diese Ratio mit der Zeit immer beschissener für uns wird, der Zähler schmilzt und der Nenner wächst.
Und genau deshalb, sagt uns eine unbekannte Ratio über ihre Dynamik doch etwas ganz Eindeutiges: Macht was, aber macht schnell! So, und an dem Punkt behaupte ich, dass es vollkommen klar ist, was die Ableitung der Ratio ist. Selektive Isolation. Die kürzeste, schnellste und effektivste Maßnahme.
Die unspezifische Isolation + Kontaktsperre ist irrational, bedeutet ein Nachgeben unkontrollierter Angst im Angesicht eines noch unbekannten Angstmachers. Statt zu handeln, verstecken wir uns zu Hause, statt vital zu sein, fahren wir das öffentliche Leben herunter. Wer sich passiv unters Sofa verkriecht wird in passiver Erwartung des Schreckens irrationale Ängste ausbrüten.
Lasst uns rausgehen und Beatmungsgeräte bauen, Verbrauchsmaterialien aus dem 3-D-Drucker holen, Hotels zu Isolationszentren für Pflegende umbauen. Weg mit der notorischen „German Angst“ und mehr Kampfgeist.
Abschließend noch mal etwas übergeordneter gedacht, stärker wieder Richtung der Diskussion mit Auswurf:
Wir haben den Viren wahnsinnig viel zu verdanken. Den Viren und den Bakterien, denn ohne ihre freundliche Mithilfe, gäbe es uns nicht. Und damit meine ich explizit auch, dass uns z.B. die Viren andauernd attackieren und unser Genom verändern. Virusepidemien sind also etwas ganz Natürliches, etwas das trotz der Zombie-Film-Derivate auf Netflix mehr zu unserem Leben gehört als Netflix. Im Gegensatz zu Netflix brauchen wir davor keine Angst zu haben, denn die Viren haben ganz maßgeblich im Leben jedes einzelnen von uns dazu beigetragen, dass wir überhaupt eine Immunität entwickeln konnten. Danke, liebe Viren. Ja, ihr tötet die Alten und Schwachen unter uns, bringt uns aber gleichzeitig das Leben und die Stärke uns wehren zu können. Ihr gebt uns mehr, als ihr uns kostet. Ihr seid für uns überlebenswichtig, denn ohne euch könnte unser Immunsystem nicht in die Schule gehen und wir wären als Menschheit komplett im Arsch. Menschen müssen sterben und die Menschheit muss Virenepidemien ertragen. So war es schon immer und so wird es noch lange bleiben.
Diese Corona-Epidemie zeigt uns eindrücklich, wie wenig wir (wieder) über uns wissen und wie leicht wir deshalb irrational in Panik geraten. Wir wissen allerhand über absurde Netflix-Serien, wenn wir es nicht sowieso im nächsten Moment wieder vergessen, weil das alles belangloser Scheiß ist. Aber wir wissen nicht mehr, was uns im Innersten zusammenhält, was ganz natürlich und auch wichtig ist und wovor man keine Angst zu haben braucht auch wenn jeder von uns einmal sterben muss.