RedBlues hat geschrieben:Neuinfektionen am 25.11.
Deutschland, 18.600
Frankreich, 16.200
Italien 25.800
Spanien 15.100
Da muss man sich noch nicht mal die Mühe machen das auf die Einwohnerzahl umzurechnen um zu sehen, dass das in Deutschland wohl gar nicht so schlecht funktioniert.
Ja und nein.
Vorletzte Woche - bei rund 20.000 täglichen Neuinfektionen - hat das RKI betomt, dass unser Gesundheitssystem bei solchen Infektionszahlen auf Dauer überlastet ist. Gerade angesichts der oben genannten Vergleichsländer - die ja schon viel länger Neuinfektionen in diesen Dimensionen hatten -, habe ich mich gefragt, ob das RKI das nur sagt, um die Diszplin hochzuhalten - oder ob unser Gesundheitssystem wirklich an einigen (entscheidenden) Stellen so derart schwächelt.
Keine Ahnung.
Allerdings wird ja immer wieder betont, dass unsere Gesundheitsämter nur einen Inzidenzwert von max. 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner nachverfolgen können (7-Tages-Mittel).
Jetzt kann man über diesen Inzidenzwert streiten. Andere Länder wie Japan setzen den deutlich niedriger an und haben damit Erfolg. Aber oft auch unter komplett anderen Bedingungen. Auch mit einer ganz anderen Nachverfolgungsstrategie (Superspreader-Suche statt mühevoller Einzelverfolgung.) Aber das ist bei uns alles unrealistisch.
Bleiben wir also bei uns. Alles richtet sich auf diesen Wert... max. 50...!! Weil die Gesundheitsämter sonst nicht hinterher kommen. Wird der Wert überschritten, gibt's Haue - also Einschränkungen.
Und dann kommt sowas raus:
Erstmal vorab und zur Erinnerung: Viele Gesundheitsämter arbeiten noch mit Faxgeräten (bitte selbst googeln, wer nicht mehr weiß, was das ist). Jetzt soll sich das ändern:
Neben dem digitalen Meldesystem "Demis" des Robert-Koch-Instituts (RKI) solle auch "Sormas" bis Ende des Jahres flächendeckend von mindestens 90 Prozent der Gesundheitsämter eingesetzt werden. Denn mit dem vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig entwickelten "Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System" - kurz: Sormas - lassen sich Kontaktpersonen und Kontaktketten digital nachverfolgen. Auch können sich Gesundheitsämter damit vernetzen und so gemeinsam Infektionsketten nachspüren.
Klasse, könnte man sagen, die finale Digitalisierung der Gesundheitsämter steht endlich bevor. Doch Gesundheitspolitiker und -manager reiben sich eher verwundert die Augen. Sie fragen: Wieso hat das so lange gedauert - und wieso kommt es ausgerechnet jetzt?
Denn Sormas steht schon seit Beginn der Pandemie zur Verfügung. Nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR hätte die flächendeckende Einführung bereits im März beginnen können.
Die Einführung wurde leuder verschleppt. Kurz gesagt: Keiner fühlte sich zuständig und ich vermute, keiner wollte Verantwortung übernehmen.
Spontaner Einschub: Ja, Gesundheits-Software. Aber was zur Hölle macht eigentlich das Ressort der Digitalisierungsbeauftragten Doro Bär? Die ist Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung. Wäre das mal nicht ein Spielfeld für ihr Team gewesen? Den anderen ein bisschen helfen? - Naja, ich vermute: Leider nicht zuständig.
Weiter mit der Realität:
Bis heute nutzen nur 76 der rund 400 deutschen Gesundheitsämter die Software, während das mit Geldern des Bundes geförderte Projekt in anderen Ländern begeistert aufgegriffen wurde.
So wird Sormas in Nigeria und Ghana schon seit 2017 eingesetzt und hat seither dabei geholfen, mehrere große Epidemien von Lassafieber über Meningitis bis Affenpocken zu bewältigen. Mit dem Beginn der Pandemie haben die dortigen Behörden auch die Corona-Infektionsketten gemanagt. Nepal und Fidschi setzten die Software ebenfalls schnell ein. Und auch in Frankreich und der Schweiz wird Sormas inzwischen in der überwiegenden Mehrheit der Regionen und Kantone genutzt.
"Sormas würde als Kontaktpersonenmanagementsystem die Arbeit der Gesundheitsämter ausgesprochen erleichtern", sagt Maria Klein-Schmeink, die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen.
Bei uns hingegen ist den ganzen Sommer über nichts in diese Richtung passiert.
Da es keine staatliche Koordinierung gab, suchten die Gesundheitsämter eben eigene digitale Lösungen. So sind viele lokale Anwendungen entstanden. Das erschwert nicht nur die Kommunikation mit dem RKI, sondern auch die zwischen verschiedenen Gesundheitsämtern. Dabei machen Kontakte nun einmal nicht an der Kreisgrenze halt. Wer in Bochum wohnt, hat womöglich gestern noch Freunde aus Dortmund und Essen getroffen.
Jetzt, immerhin, soll sich das ändern. Nur - wie bitte?! - ausgerechnet jetzt?!!!
Maria Klein-Schmeink sagt: "Jetzt sind die Gesundheitsämter alle vollkommen überlastet. Nun auch noch neue Systeme zu implementieren, ist ihnen kaum möglich.
Dazu passend:
Auch die Björn-Steiger-Stiftung hat dem Gesundheitsministerium im März/April eine Software-Lösung angeboten:
Das Tool der gemeinnützigen Stiftung, die sich in Gesundheitsfragen engagiert, erlaubt die Interaktion von Sormas mit potenziell Infizierten.
Die Stiftung hatte die Plattform eigens zum Management der Corona-Pandemie entwickeln lassen und wollte sie kostenlos zur Verfügung stellen. Sie scheiterte jedoch damit, einen Partner für einen Testlauf zu finden. Dabei hatte der Präsident des RKI, Lothar Wieler, laut einer NDR, WDR und SZ vorliegenden Mail am 23. März geschrieben: Er danke herzlich für die "eindrucksvolle Präsentation". "Nichts hätten wir lieber als dieses Tool."
Auch hier: Monatelang nix passiert.
Nun, acht Monate später, wird das Tool der Steiger-Stiftung doch in Sormas integriert - und damit womöglich bald sogar flächendeckend eingesetzt. Ein Sprecher der Steiger-Stiftung sagt: "Der Sommer wurde verschlafen, weil die Komponenten da waren, die Anbieter da waren, die Lösung vorgezeichnet war, aber keiner damals den Mut hatte, zu sagen: Okay, den Weg gehen wir. Schön, dass es jetzt anders ist."
Na, warten wir mal ab, ob es auch wirklich "anders" WIRD. Da wird sicher noch die ein oder andere Hürde auftauchen - und dann bleibt wieder alles stehen.
Nochmal kurze Zusammenfassung:
Nigeria, Ghana, Nepal, die Fidschi-Inseln - und andere - nutzen unsere Software für eine einfachere Nachverfolgung. Wir leider nicht.
Bei uns werden stattdessen Kinos und Restaurants in die Pleite geschickt, weil ab einem Inzidenzwert von 50 leider Schluss ist.
Schon klar, auch wenn die G-Ämter dank Digitalisierung bspw. einen Inzidenzwert von 100 schaffen würden, gäbe es Einschränkungen. Aber vielleicht in anderen Maßen. Darum geht's. Zumindest, so lange wir weiter diesen Schwurbelweg zwischen China ("alles dicht") und Trump ("alles laufen lassen") als Strategie ausgegeben haben.
(Sorry für die Polemik. Ach, was -

)
Zitate aus:
https://www.sueddeutsche.de/politik/cor ... -1.5128139