Danke für die Blumen und gern geschehen
Auch wenn ich mittlerweile - da ich mich vor nun fast 20 Jahren beruflich komplett umorientiert habe - nicht mehr alle neuen Forschungserkenntnisse im Detail mitverfolge, so macht es mir doch immer sehr viel Spaß, Wissen in (hoffentlich) verständlicher Form an diejenigen weiterzugeben, die sich mit der Materie wenig(er) bis gar nicht auskennen. Sozusagen mein kleiner Beitrag zur "Aufklärung" (die historische, nicht die sexuelle, falls es jemand missversteht oder missverstehen möchte).
AxelKruse_FG hat geschrieben:Und das innerhalb eines Jahres, nachdem das Virus sich ausgebreitet hat. Eine in der Geschichte nie dagewesene weltweite Forschungsleistung. Man kann das gar nicht hoch genug schätzen.
Man darf sogar noch weiter denken. Mittlerweile schätze ich die Situation so ein, dass wir der SARS-CoV-2-Pandemie vermutlich verdanken, dass eine neue Technologie in der Entwicklung und Herstellung von Impfstoffen den Durchbruch geschafft hat, auf den sie sonst - mangels Investitionsgelder - noch lange gewartet hätte: die mRNA-Impfstoffe. Und das Ganze tatsächlich eine Revolution darstellt. Dazu noch Detaillierteres am Schluss dieses Beitrages.
Kurzer Blick zurück: Bis Anfang 2020 haben sich weltweit drei Firmen damit beschäftigt, Impfstoffe oder Therapien auf mRNA-Basis zu entwickeln, nämlich die beiden deutschen Start-Ups BioNTech in Mainz und Curevac in Tübingen sowie das amerikanische Unternehmen moderna. BioNTech hatte sich auf individuelle Impfstoffe in der Krebstherapie fokussiert, Curevac war am Entwickeln eines ersten Impfstoffes gegen die Tollwut, der sich aktuell in Phase 2 der Zulassung befindet, moderna hatte versucht, gegen seltene Erkrankungen mRNA-basierte Therapien zu entwickeln.
Da die Forschung und das Zulassungsverfahren mit mehreren klinischen Studien Zeit, Manpower und viel Geld (ver)braucht und - damit sich das Ganze auch lohnt - das Produkt hinterher auch einen Markt finden muss, damit dieser Aufwand finanziell ausgeglichen wird, ging es bis 2020 nur langsam voran, und alle Unternehmen waren weit von einem zugelassenen Produkt und damit von der Gewinnerzielung entfernt. Denn in Konkurrenz zu bereits marktreifen Impfstoffen anderer Genese zu gehen, lohnte den Aufwand nicht. (Deswegen vermutlich hat sich Curevac als Projekt einen Impfstoff gegen die Tollwut ausgesucht, weil es diesbezüglich Bedarf und zwar (über)lebenswichtigen und auch relativ häufigen gibt und die traditionelle Impfstoffindustrie diesen nicht abdeckt!)
... und dann kam SARS-CoV-2 und der dann bald absehbare Bedarf an einer schnellen Entwicklung von Impfstoffen. Und dann das massive Bereitstellen von Forschungsgeldern seitens des Staates und der großen Pharmakonzerne. Dass hier der CEO von BioNTech Uğur Şahin SCHON IM JANUAR 2020 diese "Marktlücke" erkannt hat und umgehend die Entwicklung von Impftstoffkandidaten vorangetrieben hat, kann man nicht hoch genug anrechnen

Jedenfalls verdanken wir ihm und den beiden anderen Firmen nun tatsächlich die extrem rasche Entwicklung von sehr wirksamen Impfstoffen. (Dass Curevac ein wenig hinterher hinkt, liegt an der zweiten guten Entscheidung von Herrn Şahin, nämlich sich für die (teuren) klinischen Studien sehr schnell mit einem potenten Partner zusammenzutun, der eben - neben den finanziellen Möglichkeiten - auch über das ganze KnowHow für eine rasche Zulassung verfügt.)
So - und was macht nun die mRNA-Impfstoffe so wirksam und ihre Entwicklung so rasch? (Warum also habe ich vorhin von einer Revolution gesprochen?)
Ganz einfach und genial: Mittels eines mRNA-Impfstoffes wird eine tatsächliche Erkrankung so nahe imitiert wie seit der Impfung mit Lebendviren (Kuhpockeninokulation - daher übrigens der Fachbegriff "Vakzination" - gegen "echte" Pocken) nicht mehr, allerdings ohne das Risiko, dass diese (wieder) virulent werden und die Krankheit erzeugen können.
Während man über ein Jahrhundert lang versuchte, den Körper durch abgeschwächte Viren oder Virenproteine zu einer Immunreaktion zu provozieren (die Immunzellen reagieren v.a. auf große Molekularstrukturen wie Proteine oder Polysaccharide (Zuckerverbindungen)) und dafür allerhand Hilfsstoffe benötigte, die diese Strukturen den entsprechenden Zellen präsentieren sollten, so schickt man nun einen kleinen Teil des Virenerbgutes in menschliche Muskelzellen, die dann dieses Protein herstellen und der Immunabwehr genauso präsentieren wie bei einer echten Virusinfektion. Eigentlich kein Wunder, dass das so gut funktioniert und so gute Ergebnisse nach sich zieht.
(Kleiner Einschub am Rande: Tatsächlich gab es von BioNTech sogar einen Kandidaten, bei dem die Immunreaktion "zu gut" und deswegen insbesondere sehr, sehr heftig ausfiel, so dass schließlich ein anderer Kandidat für die Zulassung ausgewählt wurde...)
Dennoch natürlich auch wieder nicht SO einfach, schließlich muss man die mRNA auch gut verpacken, dass sie noch heil und intakt in den Zellen ankommt, denn mRNA ist nicht sehr langlebig und nicht sehr stabil, insbesondere wenn sie in Kontakt mit RNasen (also RNA-abbauenden Enzymen) kommt, die wiederum mit die stabilsten Enzyme überhaupt sind. Deswegen steckt hinter der Entwicklung eines Impfstoffes auf mRNA-Basis dann schon noch ein bisschen mehr als nur eine geniale Idee.
Und die Revolution steckt nicht nur in dieser Idee, sondern auch in der Auswirkung auf die Entwicklungszeit von Impfstoffen überhaupt. Während man zur Herstellung eines traditionellen, proteinbasierten Impfstoff viel mehr Zeit braucht, kann man mRNA-Impfstoffkandidaten wesentlich schneller produzieren und auch schneller verändern, man muss nur die entsprechenden Basen austauschen. Und während man bei der Herstellung von eiweißbasierten Impfstoffen oft auch Probleme mit der richtigen Faltung (also der 3-dimensionalen Struktur des Proteins) hat - und ohne richtige Faltung auch keine richtigen Antikörper! -, wird das Eiweiß in den mit mRNA geimpften Zellen automatisch "richtig" produziert. Und hier sind die Probleme mit den Hilfsstoffen in den traditionellen Impfstoffen noch gar nicht aufgezählt.
Das alles soll jetzt nicht heißen, dass mRNA-Impfstoffe automatisch völlig ungefährlich sind (aber das sind die Infektionskrankheiten, gegen die sie wirken sollen, ja auch nicht!). Über mögliche Nebenwirkungen, die über die üblichen auf eine Immunreaktion des Körpers folgenden hinausgehen, habe ich ja schon an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Aber man hat nun für die Zukunft ein System entwickelt, das es ermöglicht, wesentlich rascher hochwirksame Impfstoffe zu entwickeln. Und das ist eben wirklich ein Quantensprung in der Geschichte der Impfstoffe

Wenn die Unfähigkeit einen Decknamen braucht, nennt sie sich Pech.
- Charles Maurice de Talleyrand -