Ende der Impfpriorisierung
»Eine große Ungerechtigkeit«
https://www.spiegel.de/politik/deutschl ... e9b0f2ffeeDer Artikel hat mich nachdenklich gemacht .... ich finde, wenn man das zum jetzigen Zeitpunkt liest wird daran noch einmal das ganze Dilemma deutlich, vor dem die Entscheidungsträger seit März 2020 andauernd stehen. Eigentlich können sie es nicht richtig mache ... nach jeder Entscheidung kommt binnen kurzer Zeit jemand ums Eck und findet das nicht in Ordnung. Ich möchte echt nicht tauschen und finde, dass wenn man das in den Blick nimmt über die letzten 12 Monate viel zu viel geschimpft worden ist. Man kann sehr schön erkennen, wie der anfängliche Geist, diese Krise als gesamtgesellschaftliche Herausforderung anzupacken, zusehends zerbröselt und wie im Mai 2021 nichts mehr davon übrig ist.
Also will ich das schimpfen lieber lassen und das Dilemma aufzeigen:
Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an die Schlagzeilen wie "Astra zeneca muss weggeworfen werden, keiner will das Zeug", "Tausende Impfdosen werden nicht abgerufen", Drosten, der (zurecht) anprangert, dass die Alten mit Biontech jetzt den Jungen die Impfdosen wegnehmen, usw usw
An Aussagen wie, jeder und jede Geimpfte hilft uns allen schneller aus der Pandemie und zurück in die Normalität, um ein hohes Impftempo aufrecht zu erhalten muss jede Dose einen Abnehmer finden.
Ich sehe um mich herum viele happy young people, ohne Grund sich vorne anzustellen, die über alle möglichen Wege und Umwege entweder bereits geimpft sind oder es bald werden. Alle U50, fast alle kerngesund. Für jeden und jede erstmal ne tolle Sache. Ich bekomme langsam aber das Gefühl, in meiner kleinen Gesellschaftsblase in der ungeimpften Minderheit zu sein.
Und jetzt kommt eine COPD-Patientin und kommt nicht dran. Da verstehe ich den Ärger und die Aufregung und das Gefühl der Ungerechtigkeit. Aber vielleicht ist ja auch einfach nur nicht geschickt genug und bemüht sich nicht? Wobei sie telefoniert und versucht ihrer Schilderung nach alles. Und dann kommen mehr Beispiele und im Anschluss gleich die (politischen) Aussagen, das wäre jetzt höchst ungerecht und die Impfpriorisierung müsse aufrecht erhalten werden. Urlaub und Normalität wären nicht so wichtig, so wird es suggeriert.
Aber sofort höre ich den Restaurantbesitzer, den Hotelier, die Schauspielerin .... die wollen für Geimpfte wieder was anbieten, die wollen arbeiten und Geld verdienen ... wer kann es ihnen verwehren. Für die ist es doch ein Segen, dass die Impfpriorisierung fällt, das Ende der Pandemie naht und ab Juni ganz viele Menschen wieder zu Kunden werden. Und überhaupt, es war doch jetzt echt lang und ich persönlich habe auch die Schnauze voll.
Aber die COPD-Patientin, die kommt eben einfach nicht dran und die könnte mutmaßlich einen schweren Krankheitsverlauf haben. Was tun? Soll ich jetzt also ab dem 7. Juni warten, bis sie dran war? Muss ich dann nicht warten, bis alle Risikopatienten dran waren? Sollen wir erst die eine Liste komplett abarbeiten und dann erst die nächste? Das verlangsamt doch das Tempo und der Sommerurlaub ist in Gefahr (ja, meiner auch!). Müssen mir die Medien jetzt über die Darstellung von Einzelschicksalen aufzeigen, dass wenn ich mich im Juni spritzen lasse, das dann ungerecht ist? Vielleicht ist aber gerade das auch notwendig in einer Pandemie, in der der gesellschaftliche Zusammenhalt bereits nach kurzer Zeit zerbrochen ist.
Irgendwie haben alle Recht und gleichzeitig nicht, und viele verlieren, und manche eben mehr und manche gar nicht. Wer tariert das aus? Wer kümmert sich? Wie kann man es allen Recht machen?
Hand heben, wer unter diesen Bedingungen politische Entscheidungen treffen möchte. Ich nicht.
edit: Und nur der Karl, der sagt mal wieder was sehr intelligentes:
Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mahnt deshalb eindringlich, in den nächsten Wochen unbedingt die Risikogruppen vorzuziehen. Ab dem 7. Juni sind nach seiner Ansicht die Voraussetzungen für die Aufhebung der Impfpriorisierung aber wahrscheinlich gegeben.
Nüchtern, sachlich, ausgewogen. Anders als der ganze Artikel (bei aller Berechtigung) zuvor.
edit2: und ungefähr gleichzeitig sorgt sich ein großes deutsches Boulevard-Blatt (zurecht) um die Jugendlichen und fordert noch weit vor August, auch diesen ein Impfangebot zu machen (ja, warum auch nicht, die haben viel aufgegeben seit März 2020). D.h. unsere COPD-Patientin wird von den digital versierten Jungen auch noch überholt und wird dann wohl erst im September dran sein

Oh Mann ...