Lieber Flux,
Das Thema hat mich weiter beschäftigt und die Niederlage schreit nach Ablenkung. Also hab ich ein paar Zahlen durchs Excel geschubst. Okay, wird jetzt bissle nerdy.
Hier die Quelldaten:https://www.bundeswahlleiter.de/dam/jcr/397735e3-0585-46f6-a0b5-2c60c5b83de6/btw_ab49_gesamt.pdfIch habe zunächst die Anteile der Erst- und Zweitstimmen pro Partei und Jahr gegenübergestellt. Dann habe ich daraus Durchschnitt gebildet. Das entspräche der Sitzverteilung in meinem Modell. Diesen Durchschnitt habe ich mit dem historischen Zweitstimmenanteil verglichen. Einfach, um mal ein Gefühl zu bekommen, wie stark denn die Verwerfung gewesen wären.
Folgende Beobachtungen:1.) Den höchste Erststimmenanteil hatte 1983 die CDU/CSU mit 52,2 %.
2.) Eine große Abweichung zwischen Erst- und Zweitstimmenanteil gibt es in den Jahren 1949-1994 nicht. Da liegen die Abweichungen unter 2 Prozentpunkten, oft sogar unter einem halben Prozentpunkt.
3.) Die Abweichungen steigen in den Folgejahren. Klar, erst mit mehr Parteien hat man mehr Möglichkeiten zur Stimmenteilung. Am deutlichsten ist es in den Jahren 2005, 2009 und 2021 (hier nur bei der AFD: viele Erststimmen, wenig Zweitstimmen).
4.) größte Gewinner/Verlierer:
- SPD 2009 + 2,5
- CDU/CSU 2005 + 2,9
- AFD 2021 + 4,1
- FDP 2009 -2,6
- AFD 2013 -2,4 (Keine Erststimmen)
Insofern wollte ich Deine Bedenken etwas einbremsen. Diese krassen Verwerfungen sieht man so aus den Zahlen jetzt nicht.
Allerdings, das sei an der Methodik kritisiert: Der Erststimmenanteil entspricht nicht dem Anteil an Erstmandaten.Deswegen habe ich das Ganze nochmal gemacht...
Diesmal habe ich den Anteil an der vergebenen Erstmandanten berechnen müssen. Danach das gleiche Prozedere wie oben.
Die Beobachtungen:1.) über 75% der Erstmandate gab es 3 Mal (Alle Union, 1957, 2013, 2017)
2.)Keine Partei hatte in diesem Modell je eine Mehrheit erreicht, die zur Verfassungsänderung reicht. Gut!
Gleichzeitig wäre es einmal knapp gewesen: 1957 erreicht die CDU/CSU so 65,3 %.
3.) Es hätte aber häufiger absolute Mehrheiten gegeben (2 x SPD, 12 x CDU/CSU).
4.) Die Verwerfungen zwischen meiner rechnerischen Sitzverteilung und der bislang maßgeblichen Zweistimmenverteilung ist deutlicher. Vor allem sind die Effekte erstaunlich eindeutig verteilt. 2009-2017 hätte die Union 20 Prozentpunkte mehr Stimmenanteil im Parlament erhalten (Und da meckert man immer über die paar Überhangmandate...

).
5.) Kleinparteien kommen hier deutlicher unter die Räder. Sie sind zwar weiterhin dabei (Gruß an Goofy!), aber eben weniger mächtig.
Schlussfolgerung: Dieser "winner takes it all"-Effekt aus den Erststimmen ist da ziemlich krass. Gefällt mir so nicht und das hätte ich auch wesentlich gleichmäßiger verteilt erwartet. Und die Kleinparteien schätze ich. Ein bunteres Parlament ist mir wichtig. Also kommt das Konzept in die Tonne.
Es ist natürlich etwas schwierig, so zu rechnen, wenn das Wahlsystem ein anderes war. Will sagen: Das Wahlsystem hat Einfluss auf das Wahlverhalten.
Bruno Labbadia ist wie ein Aschenbecher in einer Kneipe, die schon vor 20 Jahren hätte abgerissen werden sollen. Du weißt nicht, warum, aber er steht stetig in der Ecke, voller kalter Kippen und mit dem beharrlichen Geruch von verbrannter Vergangenheit.