Intaktes Deutschland
Deutschland, Land des Lächelns
1. August 2023, 11:32 Uhr
Die Selbstwahrnehmung hierzulande mag düster sein. Doch wer aus dem Vereinigten Königreich kommt, staunt hier überglückliche Menschen und üppige Supermärkte.
Ah, Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung, nach so vielen Wochen auf Lesereise in
Deutschland und der Schweiz habe ich das Gefühl, Sie jetzt besser zu kennen. Diejenigen von
Ihnen, denen ich begegnet bin, waren intelligent, witzig, freundlich, kultiviert. Sie lesen Dinge,
Sie lesen sogar Bücher. Als Schriftstellerin in einem dysfunktionalen Land habe ich zuletzt
immer öfter für Sie geschrieben, für Europa, einen Ort und eine Idee, die abzulehnen man das
Vereinigte Königreich verführt hat.
Vor ein paar Jahren bekam ich Hassbriefe. Gegenstände wurden vor meinem Haus abgelegt. Ich
wurde stiller im Vereinigten Königreich. Teils aus Feigheit, teils, weil unsere traditionellen
Medien völlig blind sind für unsere größten Fehler, wenn sie sie nicht sogar aktiv fördern. Es ist
schwer zu schreiben, wenn die Medien- und Online-Narrative alle Richtung Gleichschaltung
marschieren. Also habe ich stattdessen für Sie geschrieben. Sie waren weiter von der Klippe entfernt, die uns so fasziniert. Sie waren es wert, gerettet zu werden. Jeder ist es.
Das QAnon-Opfer, der ertrinkende Flüchtling, der radikalisierte Hasser, der korrupte Politiker,
der Verrat mit Diebstahl verbindet, der Internet-Troll, der Influencer, der Empörung für Klicks
erzeugt - sie alle sind es wert, gerettet zu werden. Wenn wir daran zweifeln, wenn es uns peinlich
ist, das auszusprechen, vergessen wir, warum wir für die Demokratie kämpfen, für diese langsame, frustrierende, notwendige Angelegenheit.
Unsere Stabilität beruhte auf Gentlemen's Agreements. Mangels Gentlemen sind wir untergegangen
Mein eigenes Land? Ich hatte es aufgegeben. Die unaufhörliche psychologische Manipulation in
einem ganz neuen Ausmaß trieb einige von uns in kaskadenartige Formen der Psychose. Die
Liebe von Müttern zu ihren Kindern wurde in Bigotterie und Selbstverletzung umgewandelt.
Gegenwärtig werden Autofahrer ins Visier genommen, zu Empörung und dann zu neuem Hass
angestachelt. Unsere rassistischen Institutionen, unsere Rücksicht auf Klasse und Privilegien,
sie haben uns verwundbar gemacht, ebenso wie die Gentlemen's Agreements, auf denen unsere
Stabilität beruhte. In Ermangelung von Gentlemen sind wir untergegangen. Ehemals normale
Briten glauben jetzt an bigotte Tagträume, durchleben ständig Stress, Angst und Hass. Sie waren
nie die Mehrheit - ihre Zahl schrumpft jeden Tag -, aber ihre Stimme wird durch Phantom-Armeen im Internet und unsere toxische Presse verstärkt. Großbritannien kann nur aufsteigen, wenn es jetzt fällt und aus seinen dunkelsten Fantasien aufgeschreckt wird.
Aber Sie sind noch da, Sie selbst, in einem Land, das gerettet werden kann. Die tröstliche Tante
Merkel ist nicht mehr da, sie wird nicht mehr darauf bestehen, sich wie ein guter Wissenschaftler mit Fakten zu befassen, und sie wird auch nicht mehr liebevoll auf eure Fußballnationalmannschaft der Männer schauen. Aber Sie sind immer noch Sie. Sie sind genau das deutsche
Deutschland, das in der letzten Völkerwanderung der Welt von Trauma-Überlebenden aufgebaut wurde. All der Schmerz, all diese schrecklichen Lektionen, all die Menschen aus so vielen
Orten - sie kamen zusammen und wurden Ihr Land. Jetzt bietet eine weitere Massenmigration
Gelegenheiten zum Lernen, zur Heilung und zum Aufbau. Es ist allerdings auch eine Gelegenheit für die Rechtsextremen, zu spalten, grausame Inkompetente in die Regierung zu hieven
und Sie zu zerpflücken.
Aber Sie sind genau die deutschen Deutschen, die ohne Grund lächeln. Nicht alle - das wäre seltsam - aber genug von Ihnen sind offensichtlich zufrieden genug, dass eine Britin es bemerkt.
Wie erleichternd ist es doch, unter Menschen zu sein, die nicht überwiegend depressiv sind. Sie
leben noch nicht an einem Ort, an dem die Freundlichen es vermeiden, ihre Freundlichkeit zu
zeigen, und die Grausamen sich an der Zurschaustellung erfreuen.
Sie müssen nie sagen, dass Sie kein Deutscher mehr sein wollen, weil Ihnen das Land irgendwie
unter den Füßen weggezogen und ausgetauscht wurde. Und in Ihren Geschäften gibt es Essen,
gutes Essen. Auf meinen Reisen - in Holland, Frankreich, der Schweiz, Deutschland - erlebte ich
diese seltsame Mischung aus Scham und Schock, als ich auf die vollen Regale sah, auf den nicht
mehr vertrauten Überfluss.
Es ist beschämend, zu viel für Lebensmittel zu bezahlen, die verfaulen, bevor man sie kochen
kann, zu wissen, dass jeder Versuch, etwas zu reparieren oder zu verbessern, am Materialmangel
scheitert. Es ist schwer, den Menschen, die man liebt, Essen zu geben, das nicht gut schmecken
kann. Noch schwieriger ist es, zu den Millionen von Briten zu gehören, die Hunger haben, eine
Krankenschwester zu sein, die zur Tafel gehen muss, ein Kind zu sein, das in Mülltonnen nach
Essen sucht - wir zu sein.
Selbst die erpresserischen Verbündeten unserer Regierung in der Presse schaffen es nicht, eine
Politik zu feiern, die ungefiltertes Abwasser in unsere Flüsse und an unsere Strände leitet. Man
könnte sagen, dass alle derzeitigen politischen Projekte denselben Effekt haben, dass unsere
Führer mit ihren kleinen Geistern, ihren kleinen Seelen gerne auf uns scheißen. Wenn man den
Populisten nachgibt, wenn man ihnen erlaubt, die Moral zu verzerren, die Realität zu untergraben und zu tun, als gäbe es zu jedem Argument ein ebenso legitimes Gegenargument, dann
bekommt man Scheiße. Wenn man einer hypnotisierten Presse erlaubt, Faschisten Sauerstoff zu
geben; wenn man diese Faschisten Macht sammeln lässt an schäbigen Orten, wo sich Spionage,
Mafiamentalität und Narzissmus treffen, dann bekommt man Scheiße. Endlos viel Scheiße.
Und Sie kriegen Tod. Die Zahl der unnötigen Toten in Großbritannien ist beschämend. Seit mehr
als einem Jahrzehnt haben unsere Politiker effektives Regieren durch performative Grausamkeit
ersetzt, deshalb sterben Menschen. Menschen ertrinken in kleinen Booten, verhungern zu
Hause, bringen sich um, erliegen unbehandelten Krankheiten, sterben in Gefangenenlagern
und Polizeizellen. Wer einen Faschisten wählt, der wählt den Tod. Ihre glänzende Gewissheit,
ihre Versprechen, sie sind Scheiße und Tod.
Die extreme Rechte gewinnt an Zugkraft, unterstützt durch Online-Kampagnen, die genau
Bescheid wissen über Zielgruppen und emotionale Trigger, aber wir können Widerstand leisten.
Es ist unbedingt notwendig, die Wähler über die Grundlagen der psychologischen Manipulation
und der Fehlinformation im Internet aufzuklären, während wir uns gleichzeitig selbst aufklären.
Sie und ich befinden uns in einem Informationskrieg, der ebenso verzweifelt und existenziell ist
wie der Konflikt in der Ukraine und an dem viele derselben Akteure beteiligt sind. Großbritannien begann seinen Krieg zu verlieren, als wir die Hoffnung verloren, als wir der Lüge zustimmten, dass alle Politiker gleichermaßen schlecht sind. Bitte, lassen Sie uns Ihnen eine Lehre sein - wiederholen Sie nicht unsere Fehler. Es sind so dumme Fehler.
A.L. Kennedy ist Schriftstellerin und stammt aus Schottland, wo sie auch lebt. Zuletzt
erschien von ihr der Roman "Als lebten wir in einem barmherzigen Land" im Hanser-Verlag.
Aus dem Englischen von Jörg Häntzschel.