Spielgerät hat geschrieben:Und ich halte es für grundfalsch, in diesem Konflikt keine Stellung zu beziehen.
Welche Stellung hätten’s gern?
Du sollst nicht töten? Eh klar. Klingt alttestamentarisch, ist aber in Wirklichkeit schon viel älter, diese Regel. Ich sag’s nur, weil das gern vergessen wird. Und weil die Religionen, die sich diese Regel angeeignet haben, anscheinend viel viel mehr Ausnahmen kennen als ich.
Der Angriff der Hamas ist durch nichts zu rechtfertigen? Selbstverständlich – wer das nicht über die Lippen kriegt, wenn er danach gefragt wird, ist suspekt. Du kannst nicht irgendwo einfallen und Kinder massakrieren – es sei denn du denkst, dass du im Auftrag Gottes unterwegs bist. Aber unter uns Menschen, die noch halbwegs klar in der Rübe sind, ist das natürlich eine Linie, die nicht zu überschreiten ist – von niemandem.
Es gibt halt Leute, die momentan der Auffassung sind, dass man, nachdem man diese Stellung bezogen hat, nichts mehr sagen darf. Das erfährt zum Beispiel gerade die UN, deren Leute jetzt nach der Stellungnahme des Generalsekretärs keine Visa mehr für Israel bekommen:
Israeli media reports that Israel’s ambassador to the UN Gilad Erdan said on army radio: “Due to [Guterres’] remarks we will refuse to issue visas to UN representatives. We have already refused a visa for under-secretary-general for humanitarian affairs Martin Griffiths. The time has come to teach them a lesson.”https://www.theguardian.com/world/live/ ... 4db5837c6fDarf man fragen, ob es ein willkommener Nebeneffekt ist, wenn einem der Under-Secretary-General for Humanitarian Affairs bei Vergeltungsschlägen nicht über die Schulter schauen kann?
Jedenfalls scheint es nicht auszureichen, zum Angriff der Hamas unmissverständlich Stellung zu beziehen, wenn man es nachhin wagt, das israelische Vorgehen zu kritisieren: dann ist selbst die UN eine Organisation, der es eine Lektion zu erteilen gilt.
Israel sieht hier die Chance, den irren Todeskult Hamas zu vernichten, und das geht mit erheblichen Opfern unter der Zivilbevölkerung einher, gelinde gesagt. Strategisch-militärisch betrachtet ergibt es Sinn, dass sie versuchen, jegliche Kritik im Keim zu ersticken, aber man kann daraus keinen moralischen Strick drehen und so Otto Normalhorste wie dich und mich dazu einladen, sich damit aufzuhängen. No, thanks.
Jetzt sind halt alle grad Nahost-Experten, von daher natürlich erst recht ein spannender Zeitpunkt, zu diesem Konflikt Stellung zu beziehen: bei manchen kommt’s drauf an, welches Horrorvideo sie sich kurz vorher reingezogen haben, andere sind reflektiert, aber allen wird Klugmeierei vorgeworfen, und der jeweils passende oder auch nicht passende -ismus. Ich find’s allerdings nicht negativ, dass sich Leute jetzt informieren, wenn sie’s schon vorher nicht getan haben.
Wer Stellung beziehen möchte, kommt an der Frage nicht vorbei, ob es eine gute Idee war, einen israelischen und explizit jüdischen Staat in einer Region auszurufen, die seit 1300 Jahren in arabischer Hand war, oder ob fünf Jahrzehnte illegale Besetzung und illegale Siedlungen ein Faktor sind.