Noch mal zu dem Thema: Drohung mit der Atombombe, weil das immer wieder kommt.
Es gab schon recht früh zu Beginn des Krieges verschiedene Einschätzungen von Militärexperten dazu. Da wurde einhellig die Meinung vertreten, dass Russland einen Atomkrieg gegen die NATO nicht gewinnen kann. Z.B. alleine deshalb, weil die NATO ihre Atomabschussrampen so weit verbreitet hat über den Globus, dass Russland nie alle Länder vernichten kann, welche Atomwaffen als Gegenschlag verwenden, umgekehrt aber Russland durch die NATO-Staaten immer vollkommen vernichtet werden würde. Nachprüfen kann ich solche Aussagen natürlich nicht, aber sie erscheinen mir geografisch-militärisch plausibel.
Nun könnte man an der Stelle sagen, was nützt uns das, wenn Putin es trotzdem riskiert und z.B. die Kanadier alle unbehelligt blieben, Deutschland aber zerstört würde.
Da muss man nochmal einen Schritt weiter denken. Russland würde so einen Atomkrieg nicht einfach nur verlieren, wie schon Kriege zuvor "verloren" wurden. Der Krieg würde nicht in eine russische Geschichte eingehen von verlorenen Kriegen und 200 Jahre später ist "alles wieder gut". Es gäbe nach einem atomaren Abtausch kein Russland mehr. Und zwar nicht nur materiell! Würde Russland Millionen von Menschen in einem Atomkrieg vernichten, wäre die Wut auf Russland weltweit (!) danach so groß, dass die gesamte russische Geschichte gelöscht würde. Die russische Sprache verboten und russische Kultur untersagt. Man würde nicht mal gestatten, dass ein ideelles Russland überlebt. Dann gäbe es auch keine russische Geschichtsschreibung mehr, die Putins Rolle in diesem Konflikt bewerten könnte. Alles was Putin motivieren könnte, persönlich wie militärisch oder kulturell, wäre für alle Zeiten ausgelöscht.
Putin mag ein Zyniker sein, ein Geschichtsrevisionist und ein skrupeloser Machtmensch, aber seine komplette Auslöschung all seiner Angehörigen, seines Volkes und allem was russisch ist, inklusive der russischen Geschichte wird er nicht riskieren. Und er muss es ja auch nicht. Er glaubt nach wie vor daran, dass er die Grenzen Russlands langsam aber stetig mit konventionellen Mitteln verschieben kann. Und im Moment gelingt ihm das ja auch. Er hält den Westen für dekadent und schwach, spekuliert sicherlich auch auf die US-Wahlen und schmiedet sehr erfolgreich Bündnisse mit all den Ländern, denen die westliche Hegemonie schon seit langem ein Dorn im Auge ist.
Die westlichen Sanktionen - das muss man heute leider klar sagen - haben Russland eher aus einer Agonie verholfen und gestärkt. Die russische Wirtschaft wird sprichwörtlich vom Bären regiert und wächst gerade erheblich. Der anhaltende Krieg hat es Putin ermöglich von einer Scheindemokratie den entscheidenden Wandel zu einer astreinen Autokratie zu vollziehen. Nie war seine Macht größer und gefestigter als heute, sämtliche potentiellen Konkurrenten sitzen im Bau oder sind tot. Er konnte die wirtschaftlichen Schalthebel völlig neu besetzen und riesige Vermögen neu verteilen.
Das alles würde er mit einem Schlag verlieren, wenn er einen Atomkrieg begönne. Und seine neuen Koalitionen wären ebenfalls mit einem Schlag dahin, denn unter einem Atonkrieg würden binnen weniger Tage alle Menschen auf diesem Planeten leiden. Nicht nur die direkt betroffenen. Es würde zu einem totalen Wirtschaftseinbruch führen, zu Hungersnöten ungeahnten Ausmaßes weltweit. In der Folge eines Atomkrieges würden wesentlich mehr Menschen sterben, als in einem Atomkrieg selbst weltweit!
Kurzum; wenn wir jetzt der Ukraine Fernwaffen liefern, mit der ausgewählte Ziele angegriffen werden, bedeutet das durchaus das, was immer als die unvermeidbare Eskalationsspirale beschrieben wird. Das sollte man sich schon klarmachen. Aber der Schritt kann trotzdem bewusst gegangen werden, weil er kontrollierbar bleibt. Das entscheidende Element der Eskalation in Kriegen ist also nicht die unvermeidliche Eskalation an sich, sondern eher die Frage, wie man immer wieder ein Gleichgewicht der Kräfte herbeiführen kann, die letztlich den Krieg für beide Seiten in ein so ungünstiges Risiko-Chancen-Verhältnis überführt, dass mit ernsthaften Friedensgesprächen begonnen werden kann.
Zuletzt geändert von Frank N Furter am 31. Mai 2024 16:33, insgesamt 1-mal geändert.