Für schwaebi
Sowie die Minderheit der Feinsinnigen und und Empfindsamen (schade, dass Coaching Zone nicht mehr mitschreibt, aber vielleicht liest er den Post).
CrankoMan kann es als einen Treppenwitz der Kulturgeschichte ansehen, dass nur deshalb im spießig-pietistischen Stuttgart ein Ballettwunder geschah, das bis heute anhält, weil 1961 in England ein schwuler Choreograph auf der Toilette mit einem anderen Mann erwischt worden war.
Walter Erich Schäfer, der damalige Intendant des Staatstheaters Stuttgart, konservativ geprägt, aber ein Menschenfänger mit untrüglichem Instinkt für Schauspieler, Opernsänger und Tänzer (jeweils auch *innen) hatte die Oper in Stuttgart zu einer der ersten Bühnen in Deutschland gemacht. Bei den Bayreuther Festspiele traten in den 50/60er Jahren regelmäßig Ensemblemitglieder aus Stuttgart auf. Mit Nicholas Beriozoff hatte er 1957 einen Ballettdirektor verpflichtet der das schon gute Stuttgarter Ensemble auf die nächste Stufe, vergleichbar mit den führenden Ballettbühnen, München und Hamburg, hob.
https://de.wikipedia.org/wiki/Stuttgarter_BallettAber Schäfer arbeitete nach dem Motto: „Das Beste ist des Guten Feind“ und verpflichtete einen jungen Choreographen, der 1957 in London die Uraufführung von Benjamin Brittens Ballett „Prince of the Pagodas“ just dasselbe Ballett mit der Stuttgarter Kompagnie einzustudieren.
https://en.wikipedia.org/wiki/The_Prince_of_the_Pagodashttps://de.wikipedia.org/wiki/John_CrankoDie Aufführung wurde ein Riesenerfolg. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Es muss 1960 gewesen sein. Und Schäfer gelang es tatsächlich, Cranko nach Stuttgart zu verpflichten.
Angefangen von seiner ersten Inszenierung bis ein Jahr vor seinem Tod, als es mich beruflich nach Münster verschlagen hat, konnte ich daher als Zeitzeuge seine Karriere und den unglaublichen Aufstieg des Stuttgarter Balletts verfolgen.
Der Film, der irgendwie zwischen Dokumentation, Biopic und Spielfilm wechselt, beschreibt die Stuttgarter Jahre Crankos weitgehend authentisch. Manche Episoden hätte man sich vielleicht stärker, andere weniger stark betont gewünscht.
Die Szenen aus Crankos „Privatleben“ beziehen sich auf eine Cranko-Bioraphie von John Percival:
https://mediarep.org/server/api/core/bi ... 7e/contentIn der Rückschau kann ich sagen, dass die Homosexualität Crankos in der veröffentlichten Meinung damals keine Rolle spielte. Klar, es wurde berichtet, dass Cranko nach München wechseln wolle, weil er sich dort mehr künstlerische Kreativität erhoffte. Der eigentliche Grund war aber, dass die Schwulenszene in der bayrischen Hauptstadt viel mehr zu bieten hatte als nur das Café Weiß in der Eberhardstraße oder „Die Tube“ („Stuttgarts Künstlerstube“) in der Calwer Straße.
Ein erster Bericht im SDR-Fernsehen zeigte ihn in seiner Wohnung auf der neuen Weinsteige mit Dieter Graefe seinem langjährigen Lebensgefährten und Erbe. Und nur Insider konnten verstehen, dass er als „Privatsekretär“ Crankos alsbald einen Vertrag am Staatstheater bekam.
1961, im Jahr der Bundesgartenschau, war der Rosengarten hinter dem Schlossflügel neu gestaltet worden. Der bis dato ovale See wurde zum „Fünfeckensee“. Die Verbindung des Sees zu Crankos Inspirationen und Träumen ist also durchaus authentisch. Die Idee dazu könnte einem Film über den Tänzer Friedemann Vogel entnommen worden sein und wirkte sehr poetisch.
Den heutigen Zustand des Großen Hauses hat Cranko allerdings nicht erlebt, denn vor der Rückbesinnung auf die Pläne des damaligen Architekten der Staatstheater, Max Littmann, durch die Totalrenovierung während der Ära Lothar Späths, war die Jugendstil-Dekoration des Saales völlig mit hellgrauen Holzwänden überdeckt worden. Auch ist das Vestibül im ersten Stock nicht groß genug, um die Marktszene aus Romeo und Julia aufzunehmen. Aber das sind Kleinigkeiten, die den unbefangenen Zuschauer nicht interessieren sollten.
Zu kurz gekommen ist, die Anfangszeit von Crankos Wirken in Stuttgart, als man ihm in der heimischen Presse vorwarf, zu sehr englische „Pranks“ und Vaudevilles auf die Bühne zu bringen. Doch relativ schnell wurde sein Stil vom Publikum angenommen. Man musste auf den Beethovensaal der Liederhalle ausweichen, um die Planung des Programmes, das ja immer noch vorwiegend der Oper gewidmet war, einhalten zu können. Ich erinnere mich an eine Aufführung von „Le spectre de la rose“ nach der Musik von Carl Maria von Weber. Unvergesslich, wie der Ballerino Hugo Delavalle als Geist durch das Fenster auf die Bühne sprang. Tosender Beifall!
Der endgültige Durchbruch kam in der Tat mit Serge Prokoffiefs „Romeo und Julia“. Alles, was seit der Uraufführung des Werkes gewissermaßen unveränderlicher Standard war, wurde von Cranko entzaubert und entstaubt. Da standen keine Figuren mehr auf der Bühne, sondern Menschen mit Emotionen. Der Tod Mercutios, unnachahmlich dargestellt von Egon Madsen (und im Film sehr gut nachgetanzt vom jungen Henrik Erikson, der Madsen auch im Aussehen ähnelt) war eine Sensation.
Und weiter ging es mit der Neuinszenierung von Tschaikowskys Klassikern. Ein Erfolg jagte den anderen, bis schließlich die MET und der New Yorker Ballettkritiker Clive Barnes aufmerksam wurden und das Stuttgarter Ballettwunder zu einem feststehenden Begriff.
Zu kurz kam mir im Film die Bedeutung Crankos für die nachwachsende Choreographengeneration. Die Noverre Gesellschaft ermöglichte angehenden Choreographen, im Kammertheater erste Stücke zu zeigen. William Forsythe, Jiri Kylian, John Neumeier, begannen dort ihre Weltkarriere. Auch die Bedeutung der Ballettschule, damals in Zusammenarbeit mit der Privatschule Merz begonnen, hätte ich mir etwas mehr erwähnt gewünscht. Aber das sind Anmerkungen, die die Einzigartigkeit des Filmes nicht schmälern sollen.
Die Besetzung der Rollen war hervorragend, angefangen von Sam Riley als Cranko bis zu Friedemann Vogel als Heinz Clauss.
Sehr rührend war die Beerdigungsszene auf dem Solitude-Friedhof. Marcia Haydée, Birgut Keil (auch im Alter noch eine wunderschöne Frau), Egon Madsen und Dieter Graefe: Seine Familie huldigte dem verstorbenen Vater. Richard Cragun war schon vor Jahren gestorben. Und Dieter Graefe nach den Dreharbeiten:
https://www.danceforyou-magazine.com/de ... gestorben/https://www.stuttgarter-ballett.de/comp ... ra-cranko/Und hier die Kritik von Fachkundigen:
https://www.tanznetz.de/de/article/2024 ... n%20Madsen.

Häggor, fliag iebor da Näggor, fliag iebor da Rai, fliag midda drennai