@darkred: Ich kann mich erinnern, dass während meiner Schul- und Studienzeit schon gegen Ausgabenkürzungen im Bildungsbereich demonstriert wurde. Und das war in den 80ern und frühen 90ern. Also mithin schon ein paar Jährchen her. Dein Argument ist keines. Die Bildungspolitik ist hier seit Jahrzehnten Scheiße. Aber jetzt fällt es dir auf. Plötzlich. Wegen den Flüchtenden. Es kommt dir gerade, dass es zu wenig Lehrer gibt. Dass Schulen und Universitäten schlecht ausgestattet sind. Dass Bildung vom Geldbeutel der Eltern abhängt. Das alles fällt dir jetzt erst auf. Wegen den Flüchtlingen. Bist du eigentlich dumm?
Ich denke nicht. Trotzdem kommst du jetzt mit diesem vermeintlichen Argument um die Ecke. Warum? Es hat dich doch bisher nicht gestört. Zumindest nicht so, dass du dir Gedanken darum gemacht hättest. „Ja klar“, wirst du mir antworten, „du Dummschwätzer kennst mich doch überhaupt nicht.“ Nein, ich kenne dich nicht, doch wenn du dich jemals in deinem Leben mit Bildungspolitik außerhalb von betriebswirtschaftlichen Gewinn- und Verlustrechnungen beschäftigt hättest, würdest du dieses Argument nicht bringen. Nicht jetzt, nicht in diesem Zusammenhang.
Entweder hat dich das Thema bisher nicht interessiert oder du warst aus betriebswirtschaftlicher Sicht für die Politik der diversen Regierungen. Mit welchem Recht klagst du jetzt also an? Was soll das?
@haber oder @thoreau können dir das Thema aus ihrer Sicht erklären. @manolo auch. Sie haben sich aus unterschiedlicher Sicht damit beschäftigt und sind sicher nicht in allem einer Meinung. Das gibt eine Grundlage, sich weiter zu informieren, wenn man denn gewillt ist. Aber gut, man muss sich nicht in allem auskennen.
Du monierst zu recht den sozialen Wohnungsbau. Auch eine uralte Geschichte, das gibst du ja auch zu. Aber welcher Zusammenhang besteht mit der gegenwärtigen Situation? Warum wird das jetzt erst interessant. Die Antwort bleibst du schuldig. Du kritisierst nur den jetzigen Zustand.
Seit den 80ern nimmt die Zahl der geförderten Sozialwohnungen ständig ab. Wo sollen die Leute hin, die sich die Mieten in den Innenstädten nicht leisten können? Sie ziehen in die Randorte, wo die Mieten günstiger sind. Die ärmsten der Armen leben schnell in irgendwelchen Plattenbauten. So entstehen Ghettos. Nicht weil sich irgendwelche Türken, Syrer oder Nepalesen zusammenrotten. Es ist der wirtschaftliche Zwang, der sie dorthin treibt. Nicht ihr eigener Wille.
Und es ist die gesellschaftliche Abgrenzung die Ghettos erschafft. Armut will man hier nicht sehen. In Frankreich auch nicht. Und schon gar nicht in der Innenstadt. Und wer permanent in der Gesellschaft ausgegrenzt wird, bildet seine eigene. Dort findet er die Anerkennung, die er braucht. Aber Parallelgesellschaften sind doof. Richtig. Nur wer war der Auslöser?
Vor ein paar Jahren hat Kärcher die Farbe seiner Profi-Geräte von schreiend gelb in Anthrazit geändert. Warum? Die Kunden, Hotels, Banken oder Einkaufszentren wollten nicht, dass die Putzkolonnen so auffallen. Armut ist gut, denn sie schafft auf der anderen Seite Reichtum. Aber auffallen soll sie nicht.
Du fühlst dich neben einem Syrer in Latschen mit billigem Blousson und ausgebeulter Hose aus der Kleiderkammer unwohl? Steck diesen Menschen in einen maßgeschneiderten Anzug, lege ihm eine Krawatte um und seine Herkunft ist dir egal.
Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch. Das ist dann positiver Rassismus.
Frau Merkel gallopiert also am Souverän vorbei. Ist das neu? Einzigartig etwa? Haben das Schröder, Kohl oder Schmidt anders gemacht? Was ist mit Adenauer, Erhardt, Kiesinger oder Brandt? Die haben den Volkswillen immer umgesetzt? Mach dich doch nicht lächerlich.
Erhardt, Kiesinger und Brandt haben sogar offensiv um Zuwanderung geworben. Das macht Merkel nicht einmal. Einmal in ihrem Leben hat sie für kurze Zeit uneigennützig gehandelt. Das wird ihr jetzt von dir und anderen zum Vorwurf gemacht. Das sagt mehr über den Humanismus der Kritiker aus, als über Merkel.
Es ist vollkommen richtig, dass die Politik nach der Öffnung der Grenzen falsch war. Das liegt aber vor allem an den Seehofers in der Union und an dem bösartigen Badenser. Haben die besorgten Bürger nur einmal über die Rolle der „schwarzen Null“ geredet? Nein, es sind nicht die Einsparungen im Sozialstaat, es sind nicht die städtebaulichen Maßnahmen, die seit Jahrzehnten gegen die Bewohner und für Investoren durchgezogen wurden. Das Thema sind die bösen Flüchtlinge. Menschen, die alles verloren haben und aufgrund ihrer dicken Schwängel unsere blonden Frauen begatten, unsere Arbeitsplätze wegnehmen und unseren Kindern die nötige Bildung versagen. Und Islamis sind sie auch noch. Die machen es sich zwischen zwei Ficks in der sozialen Hängematte bequem. Und deswegen sterben wir Deutschen aus. Wir sind halt nicht so potent, weil uns das Wirtschaftswachstum wichtiger ist.
Aller Rhetorik entkleidet ist das die Argumentation der „besorgten Bürger“. Kann man annehmen, aber dann sollte man nicht erwarten, in irgendeiner Form ernst genommen zu werden.
Du bist gebildet, das sehe ich an deinem Schreibstil. Du gibst vor, zu differenzieren, aber das ist in meinen Augen nur posing. Du schreibst wolkenhaft vom „Wähler der bürgerlichen Mitte“ und meinst dich. Warum gibst du das nicht zu? Warum schreibst du nicht „ich“? Das wäre ehrlicher.
Du verharrst im Metaphysischen und umgibst dich mit der Gloriole der Objektivität. In Wirklichkeit hast du nur Angst um deinen Lebensstil. Warum auch nicht? Das ist doch legitim. Das ist eine ehrliche Grundlage, zu diskutieren. @frankie randaliert manchmal hier herum und macht sich zum Deppen. Das finde ich nicht schlimm, ich mache es schließlich genauso. Das ist mir dann im Nachhinein vielleicht manchmal peinlich, aber es war für in diesem Moment passend. Da nützt mir meine akademische Bildung wenig, ich bleibe ein Prolet oder Bauer, wie meine Vorfahren eben auch. Von einem Diskussionspartner wünsche ich mir eigentlich, dass er sein Selbst in den Mittelpunkt stellt und nicht wolkige Sloterdijkismen absondert.