Frank N Furter hat geschrieben:Wenn morgen wohl wieder einige 10.000 "Corona-Leugner" (so dürfen und sollen sie nun scheinbar genannt werden) wieder durch Berlin demonstrieren, käme es den allermeisten Betrachtern aus der digitalisierten Ferne gar nicht in den Sinn, deren "Einzelfallbeispiele" und "Einzelschicksale" im Sinne eines Story-Telling auch nur wahrzunehmen. Geschweige denn zu akzeptieren. "Deren" simplifizierende Einzelschicksale beschreiben Menschen, die z.B. wegen einer verschobenen Nachfolgeuntersuchung jetzt ein Brustkrebsrezidiv haben. "Sie" sind darob mindestens so wütend wie ihre verhassten Antipoden, die den Corona-Tod ihres geliebten Vaters beklagen.
Das hängt miteinander zusammen. Weil es Maskenmuffel und Quarantäneverweigerer gibt, werden wir wieder weitere Regelverschärfungen erleben.
Deshalb werden Väter die Geburt Ihrer Kinder verpassen, werden OPs verschoben, leben Altersheimbewohner in sozialer Isolation, werden Menschen alleine sterben, werden Angehörige der Möglichkeit beraubt, sich zu verabschieden, müssen Eltern Kopfstände machen, um Home Office und Home schooling auszubalancieren, ist das Pflegepersonal im Dauerstress, sind Arbeitsplätze durch einen weiteren lock down bedroht, ganz zu schweigen von den existenziellen Sorgen bei Künstlern, Soloselbständigen etc.
Bitte sag mir nicht, dass all diese Berichte an Dir vorbei gegangen sind...
Wir brauchen hier nicht erstmal eine Trennung in „wir“ und „die“ und dann vergleichen wir mal wer mehr Einzelschicksale vortragen kann. (Auch irgendwie ne Statistik, wa?)
Im Gegenteil: Wir sollten eine Solidargemeinschaft bilden, die schlicht begreift, dass man im gleichen Boot sitzt und darüber hinaus halt ALLE paddeln müssen, damit was geht. Mag sein, dass hier bereits die „Tragik der Allmende“ greift. Umso mehr ein Grund, kleinere, frühere staatliche Eingriffe einzusehen und auszuhalten, damit die größeren Hämmer ausbleiben.
Frank N Furter hat geschrieben:Das heißt, ob man es gerade mit den Zahlen, also den vermeintlichen Fakten hält, oder lieber Einzelfallberichten lauscht, hängt überhaupt nicht damit zusammen, ob man sich generell eher dem Geist der Aufklärung verpflichtet fühlt oder z.B. doch lieber Hexenjagen als Vergnügen frönt. Den "aufgeklärten Menschen" scheint es anno 2020 immer noch nicht zu geben. Und selbst die These, wir lebten in einem Wissenschaftszeitalter der Fakten und die Zahl der Aufgeklärten würde immer weiter zunehmen, darf doch sehr stark bezweifelt werden. Wir sind immernoch die Zeitgenossen Nietzsches, der auf den aufgeklärten Übermenschen Zarathustra hofft.
Nun, auch wenn es für Mr. Z nicht reicht, sei es doch nicht verboten, dennoch sein Hirn wenigstens auf Sparflamme zu bemühen. Darüber hinaus muss man imho selbiges noch nicht mal einschalten, um eine Frau nicht zu verbrennen. Ein wenig Empathie reicht schon.
Und der Hinweis sei schon erlaubt, lieber Frank. Auf das von mir verlinkte Interview muss man ja nicht anspringen und schon garnicht in Tränen ob der Ungerechtigkeit der Welt ausbrechen.
Aber so wie Du, würde ich das jetzt nicht in die Welt der subjektiven Filterblasen sortieren und schon ganicht so schnell. Das ist schon erstaunlich empathiebefreit.
Frank N Furter hat geschrieben:Diese Einzefallgeschichten werden also (literarisch) besungen, um das, was sich angeblich hinter diesen kalten, unmenschlichen Fakten verbirgt, "ein Gesicht zu geben".
Siehe oben... und wenn ein empathischer statt ein rationaler Ansatz zur Einsicht oder Erleuchtung bei welchem Thema auch immer führt, was soll daran falsch sein?! Ich bin mir überdies sicher, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sich unheimlich schwer tut, den kolportierten Zahlen mit der nötigen kritischen Distanz zu folgen und zu einer messerscharfen Interpretation zu kommen. Somit verbleiben wir auf einem gesellschaftlichen Level bei „gefühlten“ Erklärungen. Deswegen lässt man diese Podcasts laufen, bei denen man halt immer denkt: Hätte ich damals mal besser in Bio aufgepasst...
Aber gut, halten wir mal fest, dass Du als Akademiker (?) von Empathie so gesehen nichts hältst. Legitim...
Frank N Furter hat geschrieben:Wenn es wirklich um Gefühle und Empathie ginge - ja, ich weiß, ich quäle euch damit - dann würden wir gerade zuallererst mal gar nicht um Corona reden, sondern wieder vor allem um die Kinder, die gerade verhungern.
Na Moment mal, erst die Empathie irgendwie doof finden und sie dann doch einfordern, halt bei einem anderen Thema.

Das riecht nach framing!
Davon abgesehen... Wieviel muss ich für „Brot für die Welt“ gespendet haben, damit ich mir ein wenig Mitgefühl für andere Themen leisten darf? Sag kurz Bescheid. Ich richte mich da nach Dir...
Und bevor Du das Spenden kritisierst. Spenden ist als OECD-Bewohner diesbezüglich das effektivste, was man tun kann.
Wenn ich jetzt mal wieder auf Corona zurückkommen darf. Effektivität... Hier gibt es auch sehr einfache Methoden, mit mittelbaren und unmittelbaren Effekten auf jede Menge Einzelschicksale. Kostet halt Mühe statt Geld. Da kommt man so als Scheckheft-Ghandi halt nich mit klar... (Nicht auf Dich beziehen, ja?). Deswegen:
- Maske tragen!
- AHA!
- Noch nicht in die Oper, ins Fitnessstudio, ins Stadion oder demonstrieren gehen!
Ja, das ist doof. Menno!
Aber es hilft... irgendwem... das ist nicht so doof. Yay!
Ein kleiner Exkurs noch...
Frank N Furter hat geschrieben:Was mich hier drinne anhand solcher Diskussionen durchaus "erstaunt": Beim Fussball gehts doch immer nur um Zahlen? Oder liest von euch ebber ernsthaft lieber die "Einzelfallberichte", wie sich der Mittefeldspieler in der 64. Minute so gefühlt hat? Gibt es eine Tabelle der Mittelfeldspielergefühle?
Hier wurde schon über Andreas Hinkels Ernährung, Mario Götzes Klöten, Torsten Legats Intellekt, Hitzlspergers Sexualität, Bokas Karre, Harniks Karre, querstehende Pferdchen, goldene Schnitzel, verlorene Nummernschilder und jede Menge Frisuren diskutiert. Ehrlich gesagt, die derzeitige Fußballwelt beseelt doch quasi jeden Spielberichtsbogen mit einer Hintergrundstory. Die Sportschau hat streckenweise etwas von einer Telenovela. Trifft Stürmer A drei Spiele lang nicht, vermutet man sofort, dass es daheim nicht stimmt. Also Dein Vergleich ist da imho schlecht gewählt.
Bruno Labbadia ist wie ein Aschenbecher in einer Kneipe, die schon vor 20 Jahren hätte abgerissen werden sollen. Du weißt nicht, warum, aber er steht stetig in der Ecke, voller kalter Kippen und mit dem beharrlichen Geruch von verbrannter Vergangenheit.