Bin wieder zurück.
Danke für die Genesungswünsche, aber ich war ja nicht krank.
Ich konnte die Ärzte jetzt endlich auf die Spur nach meiner Medikamentenallergie setzen.
Und dabei habe ich wieder überraschende Einblicke in das Deutsche Gesundheitswesen (hier begrenzt auf eine Universitätsklinik aus Sicht eines gesetzlich Versicherten) bekommen.
Will aber kein neues Thema aufmachen, sind ja noch genug da, die aufgearbeitet werden müssen.
Zum Beispiel dieses hier:
thoreau hat geschrieben:Ich glaube es geht oft nicht mehr darum eine Aussage als das zu tätigen was sie ist. Nämlich Teil einer Unterhaltung, die erst dazu wird indem sie gehört, verstanden, reflektiert und beantortet wird. Ich glaube es geht mehr darum die eigene Meinung in einen Raum stellen zu können, der keine selbst erkennbare Leserschaft/Zuhörerschaft hat. Endlich die Möglichkeit zu haben die eigene Meinung zu äußern ohne sich direkt für sie rechtfertigen und sie erläutern und belegen zu müssen wie das in herkömmlicher Kommunikation der Fall ist. Die Anonymität, die das Internet bietet, tut da ihr Übriges.
Frank hat geschrieben: Also dass sehr viele Menschen tendenziell lieber reden als zuhören, dürfte kein Internet-Phänomen sein, meiner Einschätzung nach. Hier sehe ich vor allem zwischen analog und digitaler Welt einen Unterschied darin, dass der freie Lauf der Freude am Reden (und wenig zuhören müssen) durch soziale Hierarchien gebremst wird, was im Internet weitgehend wegfällt. Und die Zuspitzung, die Du machst, nämlich, dass manche User im Internet ihre Meinung äußern wollen, ohne ein Feedback erfahren zu wollen, widerspricht meinen Beobachtungen hier sehr stark. Ich beobachte hier einen enormen Wunsch nach Aufmerksamkeit, fast stärker noch als im real life!
Mal ein Gedankenexperiment: glaubst Du irgendein x-beliebiger Mensch, wenn er wirklich das einzige Wesen auf einem Planeten wäre, würde noch irgendetwas sagen? Kommunizieren? Ich bin mir nicht mal sicher, ob wir ohne die Fiktion des zuhörenden Gegenübers Selbstgespräche führen würden, wenn wir von Geburt an "das Einzige" wären.....
Das ist wohl so. Aber ich meine, dass es einen großen Unterschied macht, ob man jemandem etwas ins Gesicht sagt oder es anonym ins Internet stellt. Sitze ich dem gegenüber, den ich „anhate“, muss ich mich u.U. darauf einstellen, einfach eine aufs Maul zu bekommen. Ok, wenn ich genug Adrenalinnachschub habe, kann das eine nette Rauferei werden. Es kann aber auch sein, dass ich unterliege und meinen nächsten Tag beim Knochenflicker beginne. Ich meine, dass die Anonymität gerade Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein „stark“ macht. Denn was haben sie zu befürchten? Früher nichts, jetzt vielleicht Nachforschung einer völlig überforderten Polizei und damit eine große Wahrscheinlichkeit, nicht aufgespürt zu werden. Und, wenn es in einem Forum, so wie hier, passiert, wird man nach vielen Vorwarnungen ausgeschlossen und meldet sich unter neuem Nick an. OK, wenn es zu einer gewissen Läuterung geführt hat, bin ich dafür, ihn wieder an den Diskussionen teilnehmen zu lassen. So ein Forum kann auch eine höchst interessante soziale Spielwiese werden. Und die Geduld von @NW ist bewundernswert.
Ich glaube auch, dass Hater ein Feedback haben wollen, ja, dass sie gerade danach gieren. Entweder durch eine Vielzahl von Bestätigungen Gleichgesinnter oder durch ebenso pöbelhafte Ablehnungen anderer Hater. Die „Links-Rechts-Straßenschlacht“ im virtuellen Raum. Hat doch was!
Uwe hat geschrieben:Ich bin davon überzeugt, dass das, was wir heute erleben, darin [Privatfernsehen] seinen Ursprung hatte.
Frank hat geschrieben: Natürlich hast Du recht damit, dass das Privatfernsehen unterirdische Formate entwickelt hat. Ich bin trotzdem nicht überzeugt davon, dass das Privatfernsehen ursächlich eine moralische Deformation in der Gesellschaft ausgelöst hat. Vor allem aber sehe ich noch einen gravierenden Unterschied zwischen den Dieter Bohlens der TV-Unterhaltung die Du beispielhaft aufführst und einem anonymen Internetuser. Dieter Bohlen&Co entwickeln kommerzielle Formate: wenn diese Leute an "das Unzulängliche" im Menschen appellieren, dann tun sie es um Geld damit zu verdienen.
Wenn hingegen der gemeine Internetuser sich benimmt wie ein Arschloch, muss das andere Gründe haben. Hier wird es ja gerade (psychologisch) so interessant: wo profitiert eigentlich der anonyme Internet-User mit seinem schlechten Verhalten? Mit "gutem Verhalten" könnte man ja noch verstehen wo er profitiert: er plauscht nett mit anderen und tausch sich aus. Was aber will der "Hater" vorteilhaftes für sich?
Die erste implizite Unterstellung war häufig: Triebabfuhr. Der Hater hasst halt........."gut" quasi, dass er es nur im Internet tut (wurde vielfach genau so gesagt). Nun hat man aber herausgefunden, dass der Hater häufig in der realen Welt ein sehr angepasster Zeitgenosse ist und es eher so scheint, als würde er sich durch die Gelegenheit "Internet" erst in seinen großen Zorn hineinsteigern.....? Das habe ich hier ja auch schon häufiger staunend in den Raum gestellt: "die Leute" machen freiwillig bei einem Format mit, welches ihnen systematisch schlechte Laune (Verunsicherung im Kern) bereitet.....warum?
Über das Fernsehen hat Marcel-Reich-Ranicki für mich für alle Zeiten das treffendste Fazit gezogen: "Das Fernsehen macht dumme Leute dümmer und kluge Leute klüger". Das Internet, bzw. besser gesagt: die sozialen Medien, machen evtl. analog dazu: "nette Menschen ekelhafter und ekelhaftere Menschen noch ekelhafter.
Ja, das war etwas einseitig dargestellt, aber so habe ich es nicht gemeint. Ich will es daher ergänzen.
Ich war damals ein Gegner des Privatfernsehens. Hängt sicher damit zusammen, dass TV noch nie mein Ding war. Ich habe mir lieber eine Verdioper reingezogen, als Kuhlenkampf und Lou van Burg zu sehen (wunnebar, wunnebar, was für ein Scheiß!). Aber es war gezielte Politik der Schwarz-Gelben Koalition unter Kohl und Genscher, das Privatfernsehen zuzulassen, wie es ja andere europäische Länder auch hatten. Gewissermaßen Neoliberalismus in Anfängen. Merkwürdig, dass ich in meinen Memoiren immer wieder auf das Jahr 1982 stoße! Ist wahrscheinlich schon eine fixe Idee geworden. Und dann kam das Privat TV, RTL und SAT 1, später, glaube ich, Vox und Pro 7. MTV und Viva interessierten mich eh nicht. Und dann musste das Programm gefüllt werden. Mit Werbung alleine kannst Du die Menschen ja nicht vor die Glotze bannen. Und dann kamen die unsäglichen B-Serien der Amis. „Hulk“ was für ein Schwachsinn, um nur mal eine zu nennen. Ein Rächer, der sich im Zorn grün verfärbt! Dagegen waren „Bonanza“ und „Dallas“ Kultserien. Ich sagte mir, „soll ich mit einem solchen Scheiß meine Freizeit verbringen und mit dem Toilettengang warten, bis wieder Werbepause ist?“ Ja, natürlich schaute man sich die neuen Formate zunächst auch mal an, die Schmuddelshows, Der heiße Stuhl, Richter Holt (oder so ähnlich), Erika Berger, ja, auch einmal DSDS mit meiner ältesten Enkelin. Und im Urlaub in Italien bei meinen Verwandten liefen von morgens bis abends diese Shows, in denen sich Verheiratete, Geschiedene, und andere auf offener Bühne die Gemeinheiten um die Ohren schlugen, „Wer hat Angst vor Virginia Wolf?“ für das Prekariat, einfach nur widerlich. Aber diese Sendungen fanden Zulauf. Ja, es gibt menschen, viel mehr, als ich mir vorstellen konnte, die sich daran erfreuen, ja ergötzen, wenn andere erniedrigt werden. Oder war das alles auch nur Show, wie Wrestling? Ich weiß es nicht.
Was mir damals klar geworden ist: es gibt viele Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, keinen Respekt vor anderen haben, die empathieunfähig sind und darauf auch noch stolz. Nein, das war und ist kein Umgang für mich. Und diese Sendungen würden mich nicht unterhalten, sondern nur langweilen, im schlimmsten Fall selbst aggressiv machen.
Aber, was ich da schreibe, ist ja auch schon fast wieder Schnee von gestern, wenn ich sehe, wie das Fernsehen, und hier auch die Privatsender, bald von den Streamingangeboten überrundet werden. Wobei, wenn ich die Äußerungen einiger hier richtig deute, sind da wohl auch gute Sachen dabei. Früher hätte man „Straßenfeger“ dazu gesagt. Unglaublich, wie sich die Sehgewohnheiten geändert haben.
Doch ich schweife ab. Die von mir geschilderte Entwicklung ist natürlich nicht primär die Ursache für das, was wir beklagen, halt auch nur ein Mosaiksteinchen im ganzen Gebilde.
Uwe hat geschrieben:Und mit dem Internet kam die Anonymität dazu. In der Fahrschule hatte ich gelernt, bei einem Unfall auf der Gegenseite nicht hinüberzuschauen, um nicht selbst in einen Unfall verwickelt zu werden. Heute ist es gang und gäbe, dass ein schlimmer Unfall auf der Autobahn andere nach sich zieht. Und ist dann doch ein Stau entstanden und man ist heil herausgekommen, klettert man mit dem Smartphone über die Leitplanke, um die Würde anderer Menschen anzutasten.
[b]Frank hat geschrieben:[/b] Ich sehe das genauso wie Du, besser gesagt, mich regt das genauso auf. Aber natürlich muss man auch hier sagen, dass dieses Gaffem - jedenfalls das auf der Autobahn - einer Neugier entspringt, die absolut nicht verwerflich sein kann. Denn natürlich interessiert es Menschen die auf einer Autobahn unterwegs sind, brennend was passieren kann, wenn man auf einer Autobahn unterwegs ist. Es ist also nicht das Gaffen das stört, sondern die Behinderung des Verkehrs, das Verursachen weiterer Unfälle und das Behindern der Rettungskräfte. Du und ich wären freilich immer noch pikiert, wenn es möglich wäre das Unfallgeschehen auf eine Weise zu beobachten (im Internet ), die einfach nur noch die NeuGIERDE nährte aber niemanden mehr behinderte oder gefährdete, aber das ist halt unser Problem.
Ich meine schon, dass diese Art von NeuGIERDE verwerflich ist. Unfälle auf der Autobahn passieren in der Regel durch Unachtsamkeit, überhöhte Geschwindigkeit, Alkohol und Drogen. Das weiß jeder, der sich darauf bewegt. Und doch, mich stört das Gaffen ungemein. Mich stört es, wenn Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, keine Hilfe leisten, anderen zusehen und durch ihre Anzahl die Hilfeleistungen behindern. Mehr noch, die das Geschehen fotografieren, filmen und ins Netz stellen. Was sind das für verrohte Personen? Ja, wie Du, würde ich mir dies auch nicht im Internet anschauen wollen.
Erlaube mir zum Schluss eine kleine Korrektur:
Das Internet, bzw. besser gesagt: die sozialen Medien, machen evtl. analog dazu: "nette Menschen
netterekelhafter und ekelhaftere Menschen noch ekelhafter.

Häggor, fliag iebor da Näggor, fliag iebor da Rai, fliag midda drennai