Vorwort:
In den vergangenen Tagen habe ich immer wieder gehört, dass das Attentat vom 13. November das Schlimmste der französischen Geschichte seit dem 2. Weltkrieg sei.
Mir geht diese Geierei nach Superlativen gehörig auf den Sack. Das mag systemimmanent sein, trotzdem haben wir keinen Erkentnisgewinn. Zudem ist diese Aussage, die wir im Radio, Fernsehen oder Internet hören oder lesen schlichtweg falsch. Bevor jetzt irgendjemand um die Ecke kommt und „Lügenpresse“ schreit, nein, das ist nicht meine Absicht. Ich möchte niemanden bloß stellen. Ich persönlich bedauere es, dass die Journalisten nicht mehr so arbeiten können, wie sie wollen, sondern wirtschaftlichen Interessen unterworfen sind.
Keine Angst, ich langweile euch nicht mit Kapitalismuskritik. Da stoße ich auf taube Ohren.
In wie weit das Folgende neue Einsichten bringt, bleibt jedem selbst überlassen. Man muss den Text nicht lesen. Man kann. Vor allem wird er ziemlich lang, fürchte ich. Deswegen werde ich ihn aufteilen.
Erwartet keine Analyse und keine Objektivität. Ich bin voreingenommen, deshalb ist es kein Artikel, sondern nur eine Geschichte.
Warum ich das mache? Weil ich es kann. Und ich dem Geseier der frankies dieser Welt etwas entgegensetzen will und weil ich im Moment genügend Lust und Zeit habe.
Seit ein paar Jahren arbeite ich in meiner Freizeit an einem Buch über den Algerienkrieg. Stuttgart und Hamburg waren damals die deutschen Hauptstützpunkte der FLN, der algerischen Unabhängigkeitsbewegung. Hier wurden französische Deserteure versteckt, aber auch Kämpfer der FLN. Damals wie heute nennt man solche Leute Terroristen. Meine Eltern gehörten zum deutschen Unterstützerkreis. Während des Krieges und auch noch ein paar Jahre später, bis zur Generalamnestie, beherbergten sie immer wieder französische Deserteure, bis diese mit neuen Identitäten ausgestattet, wieder nach Frankreich zurückkehren konnten. Daher beschloss ich die Geschichte der Stuttgarter Gruppe aufzuschreiben.
Ich habe in den vergangenen Jahren hunderte Interviews mit Deserteuren, Soldaten, Fremdenlegionären, Polizisten und FLN-Kämpfern geführt. Ich redete mit Politikern und Beamten. Mit Juristen, Militärs und Historikern. Und mit Franzosen und Algeriern, die in diesem Krieg Angehörige verloren. Die Zitate stammen aus diesen Interviews. (Wenn es jemand war, den man kennen könnte, nenne ich den vollen Namen ansonsten nur die Vornamen). Zudem durchforstete ich Archive und Bibliotheken. Doch die Hauptquellen des Buches waren das Privatarchiv des Deutschland-Beauftragten der FLN, das ich geerbt habe und natürlich meine Eltern.
Das Folgende ist kein Auszug aus dem Buch. Es ist ein eigenständiger Text, eine Erzählung aus einer anderen Zeit, aber mit Bezug zur Gegenwart.
