Musicals sind nicht so mein Fall, obwohl mir doch bestimmte Musicalsongs gefallen. Einige habe ich mit anderen zusammen gesungen. Ich mags halt lieber gerne, wenn längere Zeit zwischendurch mal gesprochen wird, wenn auf der Bühne eine Geschichte erzählt wird.
So eine besondere Geschichte ist "Come from away".
Als am 11. September 2001 plötzlich 6595 Flugpassagiere auf der kanadischen Insel Neufundland gestrandet sind. Da der amerikanische Luftraum unmittelbar nach den Terroranschlägen für alle Transtlantik-Flüge gesperrt wurde, mussten 38 Flugzeuge in einer typischen kanadischen Kleinstadt > Gander notlanden. Innerhalb weniger Stunden stieg Ganders Bevölkerung fast aufs Doppelte. Niemand war darauf vorbereitet. Die Bewohner von Gander starteten eine fast beispiellose Aktion und wurden für fünf Tage die herzlichsten Gastgeber (Newfies) der 6595 Gestrandeten, "Plane People" > "Come from away" (genannt von den Neufundländern), die Nahrung und Unterkünfte erhielten.
Es gab damals 500 Hotelzimmer.
Es entstanden Freundschaften und positive Erinnerungen.
Mobiltelefone funktionierten nicht und die Gestrandeten und Gastgeber wussten nicht, wie lange sie
sich dort zwangsweise aufhalten würden.
In der Lufthansa-Boeing 747 führt eine Wendeltreppe hoch in die First Class im Oberdeck. Einige Vorkommnisse beunruhigen Werner Baldessarini. Er beobachtet, wie eine Flugbegleiterin mit einem vollen Tablett ins Cockpit kommt und mit einem vollen wieder hinaus. „Da habe ich gedacht: Da stinkt’s.“ Auch Petra Roth merkt, dass etwas nicht stimmt. Die damalige Oberbürgermeisterin von Frankfurt sitzt neben Baldessarini. Sie ist auf dem Weg zu einer Feier zu Ehren von Rudolph Giuliani, damals Bürgermeister von New York, einem alten Freund. Schon am nächsten Tag soll es wieder zurückgehen.
Als Werner Baldessarini (Hugo-Boss-Designer) am Donnerstag, dem 13. September, in den Walmart kommt, sind die Regale längst geräumt. Er hat in Metzingen angerufen, dass er nicht so bald wiederkommt. Jetzt braucht er frische Wäsche. Er trägt einen Kaschmir-Anzug, von Kopf bis Fuß in Baldessarini gekleidet – die teure Linie von Boss ist nach ihm benannt. Im Walmart findet er eine XXL-Unterhose und kauft sie.
Im Gander Collegiate wird groß aufgefahren. Morgens, mittags und abends gibt es warmes Essen, gekocht von den Eltern der Schüler. Der Schulleiter organisiert Spieleabende, Bingo, Countrymusik. Wachtmeister Oz Fudge fährt einen deutschen Rentner im Polizeiwagen zum Zigarettenholen. In der Hauptstraße von Gander stehen Tische mit Festnetztelefonen, alle Anrufe sind kostenlos. Freiwillige kümmern sich um die Hunde und Katzen, die in leerstehende Hangars gebracht wurden. Sogar zwei Bonobos sind unter den Tieren. Die Supermärkte sind im 24-Stunden-Betrieb. Die Leute können sich in vielen Geschäften einfach nehmen, was sie wollen. Der Apotheker Kevin O’Brien und seine Frau telefonieren Hausärzte in vielen Ländern ab und stellen Hunderte Rezepte kostenlos aus.
15 Jahre danach: Im „Gander Center“ wird, heute wie damals, der Flugverkehr über den westlichen Atlantik gesteuert.
Das Stadion wird zum „größten Kühlschrank Kanadas“ umfunktioniert. Die Leute kochen, kochen, kochen. Auch Fluglotse Batson. „Fluglotsen sind auch ziemlich gute Köche“, sagt er. Der Golfclub öffnet gratis. Und Bürgermeister Elliott räumt sein Büro. Da sitzt jetzt Petra Roth und arbeitet. Sie fragt sich: Was, wenn der Terror nach Frankfurt kommt? Wie lange würden sie hier noch bleiben? Sie ruft Joschka Fischer an, doch auch der ist machtlos.
„Diese Tage wird niemand in Gander vergessen“
Zum Abschied stehen die Neufundländer Spalier und singen. Im Jahr 2002 tauft die Lufthansa einen neuen Airbus A340-300 auf den Namen „Gander/Halifax“. Im Rathaus stehen heute drei prall gefüllte Aktenordner mit Dankesbriefen. Das Stück über die Herzlichkeit von Gander hat im Frühjahr 2017 auf dem Broadway Premiere.
126 Stunden vergehen in Gander von der ersten Landung bis zum letzten Abflug. Dann geht das Leben einfach weiter. Kaum einer spricht über die Woche, in der eine ferne Tragödie sie plötzlich direkt betrifft. „Diese Tage wird niemand in Gander vergessen“, sagt Bürgermeister Elliott. „Sie haben uns gezeigt, wie gut wir es haben. Okay, wir leben weit ab vom Schuss. Aber dafür hasst uns niemand. Ich glaube, wir haben vielen Menschen auch das Vertrauen in das Gute wiedergegeben.“
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaf ... 26282.htmlDiese Geschichten von den damaligen Ereignissen inspirierten den Theaterproduzenten Michael Rubinoff und das verheiratete Autoren-Duo Irene Sankoff und David Hein zu dem Musical "Come From Away“.
Edith Typo: Boss - ach wenn es nicht immer diese Schnell-Vertipper gäbe.