Wie hoch ist die Dunkelziffer der Infizierten wirklich?
Verlässliche Zahlen sind wichtig, um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Epidemiologen haben versucht, die Zahl der tatsächlich Infizierten zu bestimmen. Sie kommen zu einem erschreckenden Ergebnis - das aber eine gute Seite haben könnte.
In nur drei Monaten hat sich das neuartige Coronavirus über die ganze Welt verbreitet, immer mehr Länder versuchen, durch Grenzschließungen und andere Maßnahmen die weitere Ausbreitung zu verlangsamen. Unter Hochdruck arbeiten derweil Epidemiologen an Analysen, wie sich das Virus so explosionsartig vermehren konnte und wie man den weiteren Verlauf am effektivsten stoppen könnte. Dabei gibt es aber noch erhebliche Unsicherheiten. Zu den wichtigsten offenen Fragen gehören: Wie hoch ist die Dunkelziffer, also die Zahl unentdeckter Fälle? Und in welchem Ausmaß tragen Menschen mit geringen oder gar keinen Symptomen zur Verbreitung des Virus bei?
Eine neue Studie, die soeben im Fachmagazin „Science“ erschienen ist, gibt dazu genauere Antworten. Demnach blieben in China in der Anfangszeit der Epidemie sechs von sieben Infektionen unentdeckt und haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sich das Virus geradezu explosionsartig verbreiten konnte. Die Studie bestätigt damit, was schon länger vermutet wurde: Es gibt eine hohe Dunkelziffer. Neu ist allerdings, dass die Autoren in den vermutlich nur milden oder gar symptomlosen Fällen den anfänglichen Haupttreiber der Infektionswelle in China sehen. Darüber hinaus halten sie es für wahrscheinlich, dass sich die Dynamik, wie sie sich im Januar in China abgespielt haben dürfte, auf die Länder übertragen lässt, die nun am Beginn der Epidemie stehen.
Epidemiologen aus den USA, China, Hongkong und Großbritannien haben zu der Arbeit beigetragen. Motiviert worden sei die Arbeit von der allgemeinen Überlegung, dass Viren, die Atemwegserkrankungen verursachen, sehr unterschiedliche Symptome hervorrufen können, so erklärte es einer der Autoren, Jeffrey Shaman von der Columbia University in New York, auf einer Pressekonferenz. „In meiner eigenen Gruppe wissen wir das aus erster Hand, denn im Februar haben wir Stichproben an einem beliebten Touristentreffpunkt in New York genommen.“ Einer von neun Menschen habe dort Viren abgesondert, die Atemwegserkrankungen verursachen.
Zudem habe eine andere Studie gezeigt, dass die Mehrheit aller an Atemwegsinfekten erkrankten Menschen niemals einen Arzt aufsuchen – darunter waren Infektionen mit gewöhnlichen Coronaviren, Influenza und Parainfluenza. Es bestand daher der Verdacht, dass das auch beim neuen Coronavirus so sein könnte: dass die Infizierten keine oder nur schwache Symptome haben – und deshalb nie getestet werden.
Vermutet hatten das zuvor auch schon andere. Die Epidemiologen aber haben nun mithilfe von Modellen versucht, die Dunkelziffer besser in den Griff zu bekommen. Sie haben gewaltige Datenmengen ausgewertet, um die Größenordnung besser abschätzen zu können.
Zum einen verfügten die Forscher über Daten des chinesischen Internetkonzerns Tencent, dessen App in China weitverbreitet ist und der die Reisebewegungen seiner Nutzer speichert. Rund drei Milliarden Reisen werden in China während der 40-tägigen Neujahrszeit unternommen, Daten zu 1,73 Milliarden Reisen waren über Tencent verfügbar und wurden auf die Gesamtheit der Reisen hochgerechnet. Die Bewegungen zwischen 373 chinesischen Städten waren so im Modell erfasst. Die Forscher erstellten daraus ein „Metapopulationsmodell“, in dem sie Ausbreitung der Krankheit und die Bewegungen der Menschen miteinander verknüpften. Dabei gingen sie von zwei Personengruppen aus – den dokumentierten Fällen infizierter Menschen und einer Gruppe nicht dokumentierter Infizierter.
Durch eine besondere statistische Analyse, die „Bayes-Inferenz“, errechneten sie schließlich, wie groß der Anteil an unerkannten Fällen gewesen sein musste, um die Ausbreitung der Krankheit zu erklären. Es ging ihnen dabei speziell um den Zeitraum zwischen dem 10. und 23. Januar, also einen Zeitraum vor der Abriegelung der Stadt Wuhan, in dem sich das Virus noch ungehindert in China verbreiten konnte. Erst am 23. Januar wurden massive Reisebeschränkungen und andere Maßnahmen durchgesetzt. „Unsere wichtigste Erkenntnis ist, dass nur 14 Prozent der Infektionen dokumentiert wurden“, sagte Jeffrey Shaman.
Am Ende der beiden Wochen waren in China 801 Infektionen dokumentiert worden. Nach Ansicht der internationalen Gruppe von Epidemiologen dürften es aber in Wahrheit fast 17.000 gewesen sein. Diese Zahl ist allerdings nicht sicher: Die Forscher geben dazu ein Unsicherheitsintervall an, es liegt bei 3797 bis 30.271 tatsächlichen Fällen. In Wuhan waren die Krankenhäuser zu diesem Zeitpunkt bereits überlastet.
Die große Zahl nicht erkannter Fälle sei in der frühen Phase entscheidend für die Verbreitung gewesen, zu diesem Schluss kommen die Modellierer. Nach ihrer Analyse waren diese Menschen im Schnitt zwar nur gut halb so ansteckend wie die bekannten Fälle, haben aber 79 Prozent aller bekannten Fälle angesteckt. „Die Explosion der Covid-19-Fälle in China wurde stark von Menschen mit leichten, begrenzten oder gar keinen Symptomen verursacht, sagt Jeffrey Shaman. „Diese heimlichen Übertragungen werden auch weiterhin eine große Herausforderung bei der Eindämmung des Ausbruchs sein.“
Nach dem 23. Januar wurde die weitere Verbreitung in China dann mit drastischen Maßnahmen bekämpft. Reisen zwischen den großen Städten und Wuhan wurden stark eingeschränkt, die Regierung ordnete Selbstquarantäne und Einschränkung der Kontakte an. Die Tests wurden ausgeweitet, und den Menschen wurde die Gefahr bewusst, das heißt, sie trugen Gesichtsmasken, suchten eher medizinische Hilfe und hielten zunehmend Abstand voneinander. Die Forscher modellierten auch den weiteren Verlauf vom 24. Januar bis zum 8. Februar. In diesem Zeitraum nahm demnach die Dunkelziffer in China stark ab, laut der Modellierung wurden am Ende 65 Prozent aller Infizierten erfasst. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass man Sars-CoV-2 nur vollständig unter Kontrolle bringen kann, wenn man die Identifizierung und Isolierung derzeit unerkannter Fälle radikal erhöht“, schreiben die Autoren.
Die Arbeit unterstreiche das Potenzial des neuen Virus, eine Pandemie zu verursachen und letztlich endemisch zu werden.
In der chinesischen Provinz Hubei, in der die Epidemie ihren Anfang nahm, gibt es heute nahezu fast 68.000 dokumentierte Fälle von Covid-19. Wie viele von den über 58 Millionen Menschen tatsächlich infiziert seien, können auch die Epidemiologen nicht genau sagen, da die Schutzmaßnahmen laufend geändert werden.
Jeffrey Shaman geht aber davon aus, dass es weniger als eine halbe Million Infizierter sind. Das bedeutet, dass die dringend erwünschte Herdenimmunität, bei der die überwiegende Zahl der Menschen bereits immun gegen das Virus ist, in der chinesischen Provinz noch lange nicht erreicht ist.Wenn in China in der Anfangsphase nur einer von sieben Fällen identifiziert wurde, was bedeutet das für den Rest der Welt? Derzeit wurden weltweit rund 150.000 Infektionen registriert. Nach Ansicht von Jeffrey Shaman könnten es in Wahrheit eine Million sein. Die hohe Zahl unerkannter Fälle in China sei zum Teil auf den Mangel an Tests in der Anfangszeit zurückzuführen. „In den meisten Gesellschaften ähnelt die Situation derzeit der in China, bevor die Reisebeschränkungen erlassen wurden“, so Shaman. Dabei könne es aber von Land zu Land Unterschiede geben.
Bei der Arbeit, die in „Science“ hochrangig publiziert wurde, handelt es sich um eine mathematische Modellierung. Um das Ausmaß unerkannter Fälle direkt zu messen, müsste man in Stichproben das Blut der Bevölkerung auf Antikörper gegen das Coronavirus untersuchen. „Es handelt sich um eine sehr aufwendige Modellierung, kommentiert der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg und bezeichnet die Arbeit als einen Weckruf. Man sei schon immer von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen, aber womöglich müsse man noch mehr Ressourcen investieren, um das Virus einzudämmen. Allerdings seien die Zahlen aus China nicht einfach auf Deutschland übertragbar.
Die wichtigste Erkenntnis ist für ihn, dass die undokumentierten Fälle erheblich zur Ausbreitung beigetragen hätten.
Die Modellierung kann keine Aussage darüber machen, ob diese Menschen nur leichte oder vielleicht zum Teil auch gar keine Symptome hatten. Sie deutet aber darauf hin, dass eine Eindämmung des neuen Virus noch schwieriger als gedacht sein könnte, bietet aber auch einen Hoffnungsschimmer, was die Sterblichkeit betrifft.
Eine aktuelle (noch nicht begutachtete) Analyse der dokumentierten Fälle errechnet momentan ein allgemeines Sterberisiko von 1,4 Prozent, das allerdings je nach Alter unterschiedlich ausfällt. Eine Gruppe angesehener Epidemiologen hat für Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahren ein Risiko von 0,5 Prozent, für Menschen über 64 Jahre ein Sterberisiko von 2,7 Prozent errechnet.
Das Team um Marc Lipsitch von der Harvard University und Gabriel Leung von der University of Hong Kong betont dabei aber die große Unsicherheit der Zahlen. Die Berechnung des Sterberisikos wird durch die bislang nicht bekannte Dunkelziffer infizierter Menschen erschwert. Ist die Zahl der nicht erkannten Fälle tatsächlich so groß, wie in der „Sciene“-Veröffentlichung errechnet, dann könnte das tatsächliche Sterberisiko geringer als bislang angenommen sein. Die Arbeit würde somit eine schlechte und zugleich eine gute Nachricht enthalten: Die tatsächlichen Zahlen der Infizierten sind viel höher als bislang angenommen. Aber in Relation sterben weniger Menschen an dem Virus.
https://www.welt.de/gesundheit/plus2066 ... .206618295