Unter Westfalen hat geschrieben:Wahrscheinlich bin ich der Älteste hier im Forum, sofern mir nicht noch jemand das Erstgeburtsrecht streitig macht.
Ich möchte einfach mal meine Gedanken niederschreiben.
An die Einstufung „einer Risikogruppe zugehörig“ hat man sich im Laufe der Zeit gewöhnt. Auch wenn bis jetzt noch kein Kind oder Jugendlicher mir im Bus seinen Platz angeboten hat, lässt sich das Alter in der Eigenwahrnehmung eben nicht verleugnen. Man geht regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen, inzwischen häufiger zum Urologen, als zum Zahnarzt. Man lässt sich rechtzeitig im November gegen Grippe impfen, man befleißigt sich seit Jahrzehnten keines ausschweifenden Lebensstils, geht dreimal in der Woche in die Muckibude, fährt fleißig Fahrrad und macht eigentlich alles, um sich gesund zu halten. Wenn ich irgendwann Krebs bekommen sollte, habe ich halt Pech gehabt und könnte mich trösten, dass es vor mir sehr viele viel Jüngere erwischt hat.
Jetzt sind meine Frau und ich in einer Situation, in der wir abhängig sind von Einflüssen, die wir nicht vermeiden können, es sei denn, man würde sich im Elfenbeinturm einschließen.
Anfang letzter Woche sind wir noch nach Hamburg gefahren, um die szenische Aufführung von Verdis Requiem in der Staatsoper zu erleben. Bei der Abfahrt waren in Münster 4, In Hamburg 5 Infizierte bekannt und wir dachten, das Risiko eingehen zu können. Rein statistisch hat unser Ansteckungsrisiko vielleicht weniger als 1% betragen. Es hätte uns aber nicht viel geholfen, wären im Zugabteil Rückkehrer aus Tirol mitgefahren. Einen Tag nach der Rückkehr haben unsere Töchter uns dringend nahegelegt, das Haus nicht mehr zu verlassen. Sie würden Einkäufe und alle notwendigen Gänge übernehmen. Es ist schon eine neue Erfahrung, von den Kindern und Enkelkindern, die man ein Leben lang beschützt hat, zu hören, „jetzt passen wir auf Euch auf.“
Vorgestern hatte meine Frau Geburtstag. Es war schon ein sehr komisches Gefühl, weder mit Freunden noch mit der Familie zusammen diesen Tag zu feiern. Die Älteste und ihre drei Kinder standen vor der Tür, haben ein Geburtstagslied geschmettert, die Geschenke überreicht und sind dann wieder abgezogen. Meine Frau hat Fassung gewahrt (hanseatische Erziehung), auch als sie von mir erfuhr, dass mein Geschenk, eine konzertante Aufführung von Rossinis „IL viaggio a Reims“ in der Staatsoper Köln, nebst Übernachtung in einer schnuckeligen Pension, schon 14 Tage eher rheinabwärts getrudelt war.
Wir werden jeden Tag mit Zahlen, Berechnungen, hypothetischen Annahmen und Verschwörungstheorien konfrontiert. Ich vergleiche die Zahlen aus den Statistiken und kann mir keinen Reim darauf machen. Eigentlich könnte ich ob des Infizierten/Todesfall-Koeffizienten in Deutschland jubilieren. Andererseits weiß ich nicht, ob wir in einer Woche dort stehen, wo Italien vor 10 Tagen stand. Ich würde den Zahlen gerne glauben, aber ich befürchte, dass sie nicht vergleichbar sind.
Was mich nach wie vor irritiert, sind die unterschiedlichen Auswirkungen der Infektion.
Die einen merken überhaupt nichts davon, dass sie positiv sind und erfahren dies u.U. erst durch Zufall.
Die anderen zeigen Symptome, die man vielleicht am ehesten mit "grippaler Infekt" umschreiben kann.
Diese Gruppe ist nach spätesten 14 Tagen symptomfrei und kann als geheilt bezeichnet werden. Möglicherweise ist sie auch immun gegen eine Neuansteckung.
Die dritten werden schwer krank, zeigen grippeähnliche Symptome und müssen, weil auch die Lunge betroffen ist, beatmet werden.
Aus dieser Gruppe stammen die Todesfälle. Wie gestern in der TS berichtet wurde, sind da auch Jüngere dabei, so im Alter von 50, bei denen man vermutet, dass sie sich über den norditalienischen oder tiroler Verbreitungsweg angesteckt haben.
Wie erklären sich diese Unterschiede?
Die Hopkins-Zahlen sind offensichtlich nicht miteinander vergleichbar, weil sich die Zählweise wohl von Land zu Land unterscheidet. Man wünscht sich, dass sie aber vergleichbar wären oder wenigstens, was Deutschland betrifft, den aktuellen Zustand beschreiben. Man könnte sich nämlich so im Vergleich zu fast allen anderen Ländern in der Statistik als privilegiert bezeichnen.
Die Bundesregierung hat für meine Begriffe, ebenso wie die Landesregierungen, Maßnahmen eingeleitet, die mir als medizinischer Laie sinnvoll vorkommen. Sie ist den Empfehlungen der Fachleute gefolgt und konnte auf den Erfahrungen der Länder aufbauen, die vor uns mit der Ausbreitung des Virus konfrontiert waren. Man kann ihr vorwerfen, zu spät oder nicht vorausschauend genug reagiert zu haben. Aber diese Diskussion ist akademisch, wenn man weiß, dass durch keine Maßnahme zu verhindern war, dass das Virus sich auch in Deutschland einnistet. Wer anderer Meinung ist, müsste schlüssig darlegen, welche Methode denn die bessere gewesen wäre.
Wir können jetzt hier seitenlang über die Vorteile und Nachteile der unterschiedlichen Vorgehensweisen diskutieren und von mir aus auch polemisieren. Aber wir werden zu keiner Lösung kommen. Man möchte sich und auch vor allem den Bewohnern der Niederlande, wenn die Regierung sich doch zu diesem Vorgehen entscheiden sollte, nicht wünschen, den Beweis der Nichtwirksamkeit der Gruppenimmunisierungsmethode mit einer unverhältnismäßig hohen Zahl an Opfern erkauft zu haben.
Ich habe diese Woche eingekauft. Die Verkäufer/innen im Supermarkt und die Kunden waren sehr verantwortungsbewusst. Man hielt Abstand, sowohl an den einzelnen Ständen, als auch an der Kasse. Da uns unsere Töchter aber inständig gebeten haben, das Haus nur noch bei unaufschiebbaren Notfällen zu verlassen, werden wir uns ab nächster Woche von ihnen beliefern lassen. Da beide mit ihren Familien in Münster wohnen und zurzeit schuldienstbedingt Homeoffice machen, empfinden meine Frau und ich das nicht als eine unzumutbare Belastung. Wie lange das sein wird, ist auch nicht annähernd abzuschätzen. Aber jeder Tag gibt uns allen ein Stückchen mehr Gewissheit, so oder so.