Nachfolgend ein Beispiel für einen ärgerlichen (ungefiltert rezipierten) journalistischen Beitrag. Genauer gesagt, eine ärgerliche journalistische Intention, die darin besteht die aktuelle Corona-Epidemie mit der Spanischen Grippe zu verglichen, welche bekanntlich verheerende Folgen hatte. Da diese Sorte vergleichender Artikel gerade grassiert und Panik schürt, sei hier mal beispielhaft etwas näher darauf eingegangen:
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2 ... che-grippeWarum ist es eher nicht seriös diese beiden Epidemien miteinander zu vergleichen?
1. Die Spanische Grippe wurde durch das Influenza-Virus verursacht, die jetzige Epidemie durch ein Sars-Corona-Virus.
2. Die Spanische Grippe verlief in 2 Wellen. Die erste fand in den USA statt, die zweite in Europa und dem Rest der Welt. Die erste Welle war bei der Spanischen Grippe vergleichsweise harmlos, die zweite war die wirklich Schlimme. Dazwischen ist der Influenza-Virus mutiert. Das machen Influenza-Viren im Vergleich zu Sars-Corona-Viren "gerne". Denn sie haben einen ganz anderen genetischen Aufbau (Kein Wunder, denn sie gehören auch unterschiedlichen Ordnungen an - Sars-Corona = Nidovirales; Influenza = Articulavirales). Das Genom der Influenza-Viren begünstigt Mutationen sehr stark, weil die RNA dort segmentiert vorliegt. Evolutiv erfolgreiche Segmente können sich während einer Epidemie selektiv durchsetzen und unter den verschiedenen Virus-Kladen erfolgreich austauschen. Corona kann soetwas nicht. Eine zweite tödlichere Welle mit den verheerenden Folgen der spanischen Grippe ist also bei Corona-Viren eher nicht zu erwarten. Sowie die Immunität, auf mittelfristige Sicht, gegen Corona wesentlich besser sein sollte, wegen der geringeren Mutagenität. Das sind sehr wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Epidemien.
3. Aus 1+2 folgt dann auch, dass die Spanische Grippe vor allem jüngeren Menschen zusetzte. An ihr starben hauptsächlich Menschen zwischen 20-40 Jahren und nicht wie bei Corona, wo hauptsächlich Menschen zwischen 40-59 Jahren erkranken, aber ganz überwiegend Menschen ab 70 Jahren sterben. Gerade bei der Spanische Grippe rätselt man bis heute, warum sie so viele junge Menschen dahin raffte. Während man sich bei Corona darüber wundert, dass ausgerechnet Kinder zwischen 0-5 Jahren, die bei Grippewellen ebenfalls zu den Risikopatienten gehören, so gut wie überhaupt nicht betroffen zu sein scheinen. Krasser könnten hier die Unterschiede zwischen den beiden Epidemien gar nicht sein!
4. Fairer Weise sei erwähnt, dass der Artikel wenigstens auf einige der Unterschiede im Verlauf eingeht. Allerdings bleibt die Intention dabei unbeschädigt: nämlich einen Vergleich zwischen der verheerendsten Virus-Pandemie zu ziehen, die wir bisher bewußt wahrgenommen haben und der jetztigen Corona-Krise. Absolut unseriös sind deshalb auch solche Suggestionen:
Außerdem zeigt ein Vergleich der – lückenhaften – Daten zur Sterblichkeit an der Spanischen Grippe mit den – äußerst vorläufigen – Daten von Sars-CoV-2, dass Letzteres nur halb so tödlich sein könnte (Emerging Infectious Diseases: Taubenberger & Morens, 2006 und Nature Medicine: Wu et al., 2020).
Wu et al haben ausdrücklich gesagt, dass sie keine Schlüsse zur Sterblichkeit ziehen können! Das andere Paper ist von 2006, als es Sars-Cov-2 noch gar nicht gab. Was soll das? Was ist das für ein unseriöser Scheiß? Was neuste Studien tatsächlich bisher erahnen lassen - fern davon, schon evident sein zu können - ist eine wesentlich geringere Sterblichkeit bei Sars-Cov-2 als bei der Spanischen Grippe! Darüber könnte man aktuell berichten!
Es gibt übrigens eine Epidemie, die man von den virologischen Fakten her betrachtet viel besser mit Sars-Cov-2 vergleichen könnte: Sars-Cov-1. Aber das knallt natürlich nicht so, medial betrachtet.
Zum üblichen Schmonz-Ende solch billiger Artikel:
Die vielleicht wichtigste Lektion aus der Geschichte der Pandemien ist.... [dass man] immer wieder beobachtet, dass sich die Menschen gegenseitig halfen, dass sie nett zueinander waren. Während einer Pandemie, das lasse sich immer wieder beobachten, sind Menschen solidarisch miteinander.
Genau, während sich Menschen zwischen zwei Pandemien nachgewiesener Maßen weniger solidarisch verhalten....
Hingegen sich die aufmerksamkeitsheischende, maßlos übertreibende Medienberichterstattung in Zeiten der asozialen Medien sich kein bisschen verändert hat...