CoachingZone hat geschrieben:Mal als Überlegung in den Raum gestellt: Wäre denn eine so schnelle Wissenszunahme möglich gewesen, wenn man überall überfüllte Krankenhäuser wie in Italien oder in New York gehabt hätte? Ist sie möglich gewesen, weil wir dort überfüllte Krankenhäuser hatten, aber anderswo eben nicht? Und weil weltweit viele Ärzte und Wissenschaftler im Angesicht der Pandemie rasch neues Wissen ausgetauscht haben?
Oder anders ausgedrückt: Haben uns 8 Wochen Lockdown genau die Zeit gegeben, um die neuartige Virusinfektion besser kennenzulernen, die eben mitnichten eine "Grippe" oder "yet another" virale Lungenentzündung ist, wie manche anfangs behauptet haben?
Ja, zumindest sehr sicher in dem Sinne, dass uns die Zeit immer geholfen hätte, völlig unabhängig von den Maßnahmen. Deshalb empfinde ich Deine Überlegung auch so, dass sie eigentlich auf eine Unterscheidung nach der Anzahl der Opfer hinauslaufen müsste. Konkret: auch in überfüllten Krankenhäusern hätten wir sicherlich genau dieses Wissen gesammelt, vielleicht dann ja sogar der Not folgend noch darüber hinaus, aber wir hätten in einem chaotischen Szenario natürlich viel mehr Tote und Menschen mit bleibenden Schäden hinnehmen müssen.
Aber das ist nur die eine Perspektive. Einige hilfreiche Einsichten die Du aufgezählt hast, wissen wir z.B. auch auf Grund der Arbeit standhafter Rechtsmediziner, die sich nicht durch die RKI-Empfehlung vom Obduzieren abhalten ließen. Da haben uns weniger die 8 Wochen geholfen, als dass uns eine (leider in meinen Augen ziemlich krasse) Fehlentscheidung des RKI geschadet hat. Nicht dass Du das falsch verstehst, ich will da gar nicht mehr nachkarten, ich will nur zu bedenken geben, dass es auch Wissen gibt, welches wir jetzt haben und auch solches, welches uns immer noch fehlt, das von Bedingungen abhängt, die gar nichts mit dem Faktor Zeit zu tun haben. So hätte auch eine konsequente Maskenpflicht aus heutiger Sicht menschliches Leid erspart, ebenso wie ein frühes und konsequentes Verbot von Massenveranstaltungen. Das ist aber auch in meinen Augen nun mittlerweile unnützes Lamento, bzw. der übliche Versuch nachträglicher Vorraussicht.
Den einzigen Vorwurf den ich unserem föderalen Regierungshandlungen bis heute wirklich zum Vorwurf mache und damit auch die Frage nach Verantwortung aufrecht erhalten will, ist der Umstand, dass man die Pflegeheime nicht besser geschützt hat. Nilkheimer hat in seiner "unnachahmlichen" Art natürlich gleich wieder den SZ-Artikel über das "Altensterben" im bösen Schweden hier verlinkt. Ein Artikel, der mich wütend macht und wo es mir schwerfällt die Contenance zu wahren. Denn wir haben unsere Alten mindestens so beschissen im Stich gelassen wie die Schweden. Nur, dass Journalisten hierzulande leider die Problematik lieber in Schweden thematisieren wollen, anstatt erst mal vor der eigenen Haustüre zu kehren, wo gerade genug Unrat läge.
CoachingZone hat geschrieben:Die Frage bleibt, ob dieses nun erworbene Wissen über eine neuartige und hochinfiziöse Viruskrankheit den Lockdown mit allen wirtschaftlichen und sozialen Folgen wert war. Sie wird nur in moralischem Sinne beantwortbar sein

....ich wollte das noch nicht mal im moralischen Sinne beantwortet wissen (echt nicht). Ich fände es schon zivilisatorisch herausragend, wenn wird das durch Leid bitter erkaufte neue Wissen aus der Corona-Krise bei den unvermeidlichen nächsten Pandemien der Zukunft konsequent ummünzen würden.
Aber glaubst Du, dass wir das schaffen?
Ich befürchte, dass wir das vermasseln, weil der Streit darum, wer nun Recht hatte und wer sein Gesicht verloren hat, jede Art von Fehlerlernen vor schwere Umsetzungshürden stellt. Es ist leider zu befürchten, dass auch dieses Thema wieder in der mittlerweile üblichen Polarisation untergeht und anstatt miteinander die richtigen Schlüsse ziehen zu können, vegetieren die jeweiligen Filterblasen in ihrer Lernunfähigkeit bis zur nächsten Krise nur vor sich hin...