Frank N Furter hat geschrieben:Mal als Überlegung in den Raum gestellt: Wäre denn eine so schnelle Wissenszunahme möglich gewesen, wenn man überall überfüllte Krankenhäuser wie in Italien oder in New York gehabt hätte? Ist sie möglich gewesen, weil wir dort überfüllte Krankenhäuser hatten, aber anderswo eben nicht? Und weil weltweit viele Ärzte und Wissenschaftler im Angesicht der Pandemie rasch neues Wissen ausgetauscht haben?
Oder anders ausgedrückt: Haben uns 8 Wochen Lockdown genau die Zeit gegeben, um die neuartige Virusinfektion besser kennenzulernen, die eben mitnichten eine "Grippe" oder "yet another" virale Lungenentzündung ist, wie manche anfangs behauptet haben?
Ja, zumindest sehr sicher in dem Sinne, dass uns die Zeit immer geholfen hätte, völlig unabhängig von den Maßnahmen. Deshalb empfinde ich Deine Überlegung auch so, dass sie eigentlich auf eine Unterscheidung nach der Anzahl der Opfer hinauslaufen müsste. Konkret: auch in überfüllten Krankenhäusern hätten wir sicherlich genau dieses Wissen gesammelt, vielleicht dann ja sogar der Not folgend noch darüber hinaus,
aber wir hätten in einem chaotischen Szenario natürlich viel mehr Tote und Menschen mit bleibenden Schäden hinnehmen müssen.
Genau darauf wollte ich hinaus.
Frank N Furter hat geschrieben:Aber das ist nur die eine Perspektive. Einige hilfreiche Einsichten die Du aufgezählt hast, wissen wir z.B. auch auf Grund der Arbeit standhafter Rechtsmediziner, die sich nicht durch die RKI-Empfehlung vom Obduzieren abhalten ließen. Da haben uns weniger die 8 Wochen geholfen, als dass uns eine (leider in meinen Augen ziemlich krasse) Fehlentscheidung des RKI geschadet hat.
Richtig. Das habe ich auch nicht wirklich verstanden. Aber man darf auch nicht vergessen, dass es - meiner Erinnerung nach - zunächst auch die Absicht mancher Rechtsmediziner war, durch eine Obduktion nachzuweisen, dass gar nicht so viele Tote ursächlich durch Covid-19 gestorben seien - um dann nachher (schon ein wenig überrascht) festzustellen, welche tödlichen Kollateralschäden durch das Coronavirus angerichtet wurden, sollte ihm der systemische Durchbruch gelungen sein...
Frank N Furter hat geschrieben:Nicht dass Du das falsch verstehst, ich will da gar nicht mehr nachkarten, ich will nur zu bedenken geben, dass es auch Wissen gibt, welches wir jetzt haben und auch solches, welches uns immer noch fehlt, das von Bedingungen abhängt, die gar nichts mit dem Faktor Zeit zu tun haben. So hätte auch eine konsequente Maskenpflicht aus heutiger Sicht menschliches Leid erspart, ebenso wie ein frühes und konsequentes Verbot von Massenveranstaltungen. Das ist aber auch in meinen Augen nun mittlerweile unnützes Lamento, bzw. der übliche Versuch nachträglicher Vorraussicht.
Ich sehe das fast genauso.
Die Absage von Massenveranstaltungen und eine Reisewarnung für Italien hätten früher erfolgen müssen

Das Nicht-Handeln der österreichischen und Schweizer Behörden in den Ski-Gebieten war grob fahrlässig, aber außerhalb des deutschen Zuständigkeitsbereichs. Innerhalb Europas ist leider zunächst überhaupt zu wenig Information über nationale Infektionsfälle geflossen. Sonst hätte man die Erkenntnisse aus Island für eine Reisewarnung nützen können.
Das Herumgeeiere von Politik und Medizin bezüglich Masken verstehe ich zwar, weil sowieso zu wenige auf dem Markt waren und man diese für medizinisches und pflegerisches Personal zurückhalten wollte, aber nach den Erfahrungen in Asien mit SARS hätte man es besser wissen müssen und der Öffentlichkeit zumindest Alternativen vorschlagen können. (Ich gehe beispielsweise davon aus, dass meine selbstgebastelten Masken aus 2 Lagen Küchenkrepp und dazwischen einer Lage Papiertaschentuch genauso effizient wirken wie eine normale Hygienemaske.)
Was mich am meisten fuchst, sind die nationalen und regionalen Unterschiede in der Testung auf SARS-CoV-2, weswegen man nach wie vor keine belastbaren Zahlen hat, was die Mortalitätsrate und die Zahl tatsächlich infizierter Personen betrifft.
Frank N Furter hat geschrieben:Den einzigen Vorwurf den ich unserem föderalen Regierungshandlungen bis heute wirklich zum Vorwurf mache und damit auch die Frage nach Verantwortung aufrecht erhalten will, ist der Umstand, dass man die Pflegeheime nicht besser geschützt hat.
Man hat anfangs nicht an die Pflegeheime gedacht, aber haben nicht Bayern und Baden-Württemberg recht bald nach dem Lockdown die Besuche von außerhalb untersagt? Eine angeheiratete Tante von mir hat sich im März das Bein gebrochen und ist mehrmals (weil sie sich unmittelbar im Anschluss an die Reha den Oberhals des anderen Beines gebrochen hat) von Krankenhaus zu Reha zur Kurzzeitpflege und wieder in die Reha zurückgewechselt - jedes Mal mit 2 Wochen Quarantäne. Man hat die Pfleger nicht isoliert, aber doch mit Masken ausgestattet und erhöhte Hygienemaßnahmen umgesetzt.
Weißt du da anderes zu berichten?
Frank N Furter hat geschrieben:Die Frage bleibt, ob dieses nun erworbene Wissen über eine neuartige und hochinfiziöse Viruskrankheit den Lockdown mit allen wirtschaftlichen und sozialen Folgen wert war. Sie wird nur in moralischem Sinne beantwortbar sein

....ich wollte das noch nicht mal im moralischen Sinne beantwortet wissen (echt nicht).
Habe ich bisweilen gemeint, aus deinen Beiträgen herauszulesen. Das klang schon ganz oft naturphilosophisch nach "Leben und sterben lassen". Da bin ich halt ein anderes Gemüt. Für mich steht immer die Rettung des akut bedrohten Menschenlebens im Vordergrund.
Frank N Furter hat geschrieben:Ich fände es schon zivilisatorisch herausragend, wenn wird das durch Leid bitter erkaufte neue Wissen aus der Corona-Krise bei den unvermeidlichen nächsten Pandemien der Zukunft konsequent ummünzen würden.
Aber glaubst Du, dass wir das schaffen?
Ich hoffe es. Wenn wir dieselben Konsequenzen aus der Krise ziehen wie - im positiven Sinne - Taiwan und Südkorea aus der SARS-Epidemie, dann sind wir für die Zukunft gewappnet. Wenn wir nach dem Prinzip handeln, wie manche chinesische Bürokraten Ende 2019, wo nicht sein darf, was nicht sein soll, dann werden uns kommende Pandemien mit voller Wucht treffen.
Frank N Furter hat geschrieben:Ich befürchte, dass wir das vermasseln, weil der Streit darum, wer nun Recht hatte und wer sein Gesicht verloren hat, jede Art von Fehlerlernen vor schwere Umsetzungshürden stellt. Es ist leider zu befürchten, dass auch dieses Thema wieder in der mittlerweile üblichen Polarisation untergeht und anstatt miteinander die richtigen Schlüsse ziehen zu können, vegetieren die jeweiligen Filterblasen in ihrer Lernunfähigkeit bis zur nächsten Krise nur vor sich hin...
Leider gut möglich. Ist vielleicht ein weiteres Kennzeichen der deutschen (oder besser: preußischen) Kultur, dass wir immer Recht haben müssen...
Für mich eigentlich noch wichtiger wären die Konsequenzen für unseren Lebensstil nach diesem Lock- und Shutdown, der ja eine für das Klima und die Natur äußerst positive Vollbremsung war.
Wird es möglich sein, dass unsere Politiker den Neuaufbau im besten Sinne ökologisch gestalten? Und werden insbesondere wir Menschen der westlichen Welt uns freiwillig in unserem Luxusleben beschränken (lassen)?
Wenn die Unfähigkeit einen Decknamen braucht, nennt sie sich Pech.
- Charles Maurice de Talleyrand -