RedBlues hat geschrieben:
das hört sich alles sehr schlüssig an, aber technologisch waren wir vor 12.000 Jahren doch ziemlich limitiert und die Durchmischung von unterschiedlichen Kulturen war aufgrund der ich sag mal beschränkten Reisegeschwindigkeit eher übersichtlich.
Oh nein, die sind meist mehr gereist als wir heute. Jäger und Sammler rannten ja immer ihren Beuteherden hinterher, durchaus auch mal 20-30 km täglich. Die waren sehr mobil und sehr friedfertig. Und ausgetauscht haben sie sich nachweislich auch wesentlich stärker als wir heute. Junge Frauen wurden sehr häufig weggeschickt, um sich einen Partner in einer anderen Gemeinschaft zu suchen. Wäre das nicht geschehen, wären wir an den Folgen der Inzucht eingegangen. Gerade den Effekt des Austausches, sehen wir heute noch ganz wunderbar klar an unserer Mitochondrien-DNA. Mitochondrien hat jeder von uns nur über seine Mutter erhalten, das nennt man den maternalen Effekt. Dieser läßt sich genetisch recht gut nachverfolgen.
Jetzt schau Dir mal heute beispielsweise die türkische Community in Deutschland an. Die leben hier seit drei Generation und ich glaube es waren noch so um die 90% der Partnerschaften, wo nur innerkulturelle, also türkisch-türkische Partnerschaften eingegangen wurden. Da waren wir vor 12.000 Jahren schon mal viel, viel weiter.
Jetzt stell Dir mal nur kurz vor, Türken würden sich genauso heterogen verpartnern, wie es die Bevölkerungsanteile proportional nahelegten. Denkst Du, Türken wären heute noch einer ähnlichen Diskrimierung ausgesetzt wie es aktuell tatsächlich noch der Fall ist? Das soll kein Seitenhieb auf die Türken oder sonst eine Gruppe sein, sondern nur noch einmal aufzeigen, das Rassismus eben gerade keine rein einseitige Angelegenheit ist. Der als andersartig Wahrgenommene muss seine Andersartigkeit auch selbst verteidigen, damit Rassismus wirksam werden kann. Tut er das nicht, kommt es plötzlich sehr stark darauf an, ob sich die Andersartigkeit auch äußerlich manifestiert. Tut sie das nicht, wie vielleicht zwischen Bayern und Friesen, dann prägt sich nur noch eine laue Diskriminierung aus, falls überhaupt. Bleibt das Äußerliche jedoch dominant, wie bei Schwarzen und Weißen, werden selbst die weiterhin rassistisch angegriffen, die keine Andersartigkeit für sich beanspruchen, sondern diese ja sogar meist im Sinne der Gleichheit ablehnen.
"Black lives Matters" ist so betrachtet schon ein problematischer Slogan. Frei von jeglichem Rassismus sollte er einfach lauten "live matters". Aber natürlich wäre er dann nicht mehr so wirksam und eingängig. Und jetzt möchte ich mal einen Postrukturalisten hören, der mir erklärt, warum "Black lives matters", nur die reine Sprachebene betrachtend, die ja angeblich die Realität konstituiert, nicht in diesem Sinne selbst schon rassistisch wäre...?
Ich würde sagen: falls Demonstrationen von Menschen die Schilder mit "Black lives matters" hochhalten dazu beitragen, Rassismus real zurückzudrängen, dass sind diese Schilder politisch korrekt. Falls die Demonstrationen nichts bewirken, sind sie eher kontraproduktiv. Es hängt also primär gar nicht an dem, was auf den Schildern steht, sondern daran ob wir auf der Handlungsebene weniger Diskrimierung sehen. Ob etwas rasstisch wirkt kann also sogar fallweise erst mit zeitlichem Verzug beurteilt werden, völlig unabhängig von der Sprachebene!