vivafernanda hat geschrieben:@frank:
Glaubst Du das wirklich? Ich habe zu Beginn der Krise zu meiner Überraschung festgestellt, dass ich mehrere Verschwörungstheoretiker unter meinen Kollegen habe. Ein Freund, von dem ich das schon länger weiß, wurde auch wieder auffällig, in der Familie gibt es auch jemanden. Auseinandersetzungen also allenthalben. Was mir dabei immer wieder auffällt ist der enorme Gesprächs -und Überzeugungsdruck, den diese Menschen zu haben scheinen. Ständig fangen sie davon an, streuen überall ihre Gedanken ein, schicken Links rum usw. Und sie halten enormen Widerstand aus, denn wenn man selbst anders tickt, dann muss man ja widersprechen, kann den Stuss nicht stehen lassen.
Wenn sie dann aber unter sich sind, dann herrscht Einigkeit, die sehr stärkend wirkt.
Glaub mir, ich sprech aus eigener Erfahrung. Als junger Teenie ständig für meinen Glauben verulkt zu werden oder schlimmer, war es echt schön, mal unter Gleichgesinnten zu sein. Da reist man dann auch mal. Solange man sich im Recht wähnt, hält man die doofen Andersdenkenden schon aus. Sieht man hier ja auch oft

Ich habs mir nochmal überlegt: vermutlich hast Du recht. So wie Du es beschreibst, hat unser "Glaube" doch einen bedeutenderen Einfluß auf die Konstruktion unserer eigenen Identität... oder das, was wir kurioser Weise immer für unsere Identität halten... (unter 7,8 Milliarden anderen Menschlein)
Ich selbst "glaube" bei dem Thema auch etwas: ich glaube, dass das Zeitalter der Wahrheit vorbei ist. Auch die Corona-Krise hat für mich nochmal deutlich gezeigt, wie wenig die ach so gerühmte Wissenschaft dazu beitragen kann, dass Wahrheit entstünde. Vielleicht streiten wir heute auch deshalb immer mehr und immer heftiger und kennen zu allen Fakten auch noch alternative Fakten, weil die meisten erkennen, dass es die eine Wahrheit nicht mehr gibt, bzw. auch noch nie gegeben hat.
Vielleicht stehen wir aber auch gerade erst am Anfang eines neuen, fundamentaleren Zeitalters einer zweiten Aufklärung, wo wir nach und nach lernen, dass das Höchste, das wir erreichen können, ein Gefühl besseren Verstehens ist. Und das wir vor allem lernen, mit den anderen Menschen auf eine Art zu kommunizieren, die ein Interesse an besserem Verstehen zum wichtigsten Ziel hat. Und nicht etwa, den Anderen auf Teufel komm raus von etwas versuchen zu überzeugen, das wir im Grunde noch nicht mal vor uns selbst halbwegs argumentativ überzeugend rechtfertigen könnten.
Aber sicher bin ich mir auch da nicht, weil wir Menschen grundsätzlich ganz schlecht mit Uneindeutigkeit umgehen können. Wir sind so darauf trainiert zu handeln, dass uns faktenbasierte Ambiguität einfach in den Wahnsinn treibt... deshalb halten wir ja auch an so unmenschlichen Konzepten wie "Gut" und "Böse" fest, obwohl man keinem Menschen gerecht werden kann, wenn man dieses Interpretationsraster bei dessen beurteilung verwendet.
Ich befürchte, dass diese "Polarisierung" von der jetzt immer zu recht die Rede ist, sich nur wieder mildern läßt, wenn es Mode wird, dass Zuhören, Verstehenwollen und Toleranz viel mehr sexy wird, als "recht zu haben". Ein bisschen gibts diese neue Mode ja schon, aber sie setzt sich nicht durch. Immer wenn unsere Gefühle stärker involviert sind, neigen wir zum Altmodischen.
Ich hatte das schonmal erwähnt hier, glaube ich: Es existieren mehrere Persönlichkeits-Entwicklungsmodelle in der Psychologie. Nach einem davon, waren die Menschen zu Anfang des letzten Jahrhunderts überwiegend Stufe 3 oder Stufe 4 Menschen, was die Weite ihres Bewußtseins betrifft. Diese beiden noch recht unreifen Stufen sind dadurch gekennzeichnet, dass die Betroffenen noch sehr konformistisch sind und lieber starren Regeln folgen, als den komplexen Umständen folgend, selbst Verantwortung zu tragen. Im Grunde ist die Stufe 3 die, die jeder Pubertierende am Ende besitzt. Die typischen Nazi-Helfer hat man mit diesen beiden Entwicklungsstufen versucht zu erklären, was aus meiner Sicht ganz gut passt.
Heute sind wir überwiegend Stufe 5 oder 6. Aber erst ab Stufe 8 besitzen Menschen ein reifes Bewußtsein um die Perspektive der Anderen für genauso bedeutend zu halten, wie die eigene Perspektive. Diese Menschen werden dann sozusagen "objektiver" und sind in der Lage bessere Einsichten zu gewinnen und bessere Urteile zu fällen. Im Moment ist so ca. einer von 100.000 in dieser Stufe. Das ist einfach zu wenig. Vermutlich werden wir also nochmal eine historische Katastrophe erleben. Dieses mal die Vorzeige- Katastrophe der Stufe 5 und 6 Menschen. Vielleicht erleben wir sie ja gerade?