Nice Weather hat geschrieben:Auch die Frage, wie der jetzt an 70 Millionen Stimmen kam, lässt mich fassungslos zurück. Es gibt immer einen gewissen Prozentsatz an Soziopathen und Extremisten, aber dieser Stimmenanteil ist nur mit einem gefährlichen Bildungsnotstand zu erklären.
Und/oder mit einigen Sichtweisen, die bei uns in Deutschland/Europa (noch) nicht so verbreitet sind:
- Unabhängigkeit über alles ("Ich lass mir von denen in Washington nichts sagen")
- Wohlstand/Reichtum als ausschließlicher Ausdruck des eigenen Engagements oder eines gottgefälligen Lebens (Calvinismus)
- Bewunderung und Vorbild des Erfolgreichen
- "Cowboy"mentalität
- Inszenierung und Show über alles
Und diese Mentalität findet sich halt vor allem auf dem Land, wo Trump/die Republikaner den Großteil ihrer Wähler rekrutieren. Die Spaltung zwischen Land (eher GOP) und Stadt (eher Demokraten) ist sogar in den (möglicherweise noch) in der Mehrheit traditionell republikanisch wählenden Bundesstaaten bereits deutlich sichtbar, z.B. in Texas.
Was immer zieht: Geldgeschenke im Wahljahr, wie in diesem Frühjahr für Betroffene der Pandemie.
Und es gibt wohl viele (hier ja auch), die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen eines Lockdowns im Angesicht von Corona haben - und hier hat sich Trump halt auch eindeutig gegen einen solchen positioniert.
Zuletzt darf man auch nicht vergessen, dass in Westeuropa (und insbesondere Deutschland), wo man ja zum einen Grenze an Grenze und Mauer an Mauer mit dem (real existierenden) Kommunismus lebte und zum anderen im eigenen Land gegen die kommunistische Idee kämpfen musste, politisch gewollt ein gewisser Wohlstand für die breite Masse bis 1989 gefördert wurde. Hartz IV etc. kam erst viel später.
In Amerika dagegen bekämpfte McCarthy jeden Hauch von kommunistischer Idee mit einer politischen Hetzjagd - und man bekommt wirklich den Eindruck, dass selbst der Amerikaner mit kleinstem Einkommen so brainwashed ist, dass auch er Angst um das bisschen Eigene hat, das ihm die bösen Kommunisten wegnehmen werden, sollten sie jemals an die Macht kommen.
Was positiv ist und von den amerikanischen Medien (CNN, Washington Post) durchaus aufgenommen wird: Durch die Möglichkeit der early votes und die Erleichterung der Briefwahl konnten deutlich mehr Amerikaner wählen, weil es das bisherige System über Reduzierung von Wahllokalen und der Wahl an einem Arbeitstag ja geradezu systematisch bestimmten Bevölkerungsgruppen erschwerte, überhaupt wählen zu können.
Und: Beispielsweise in Georgia gibt es wohl große Anstrengungen seitens der Black Community, ihre eigenen Leute zu motivieren und dabei zu unterstützen, überhaupt wählen zu gehen. So wurde 2017 die amtierende parteilose schwarze (für mich eigentlich vollkommen unnötig, dies zu erwähnen, mache es aber dennoch, weil es zur Zeit noch für die USA wichtig ist) Bürgermeisterin von Atlanta mit einem hauchdünnen Vorsprung von nicht mal 1000 Stimmen gewählt. Und dass beide Senatssitze in eine Stichwahl müssen, ist ebenfalls kein Zufall.
Biden und Harris werden es dennoch sehr, sehr schwer haben, all den Hoffnungen und Erwartungen gerecht zu werden, die ihre Wähler in sie stecken. Und die Republikaner werden mehr als versucht sein, Biden so total wie möglich zu blockieren und zugleich den demnächst anstehenden neuen Zuschnitt der Wahlkreise in ihrem Sinne zu gestalten.
Wird keine einfache Zeit.
Und die Edith meint - man müsse nur auf Deutschland nach 1945 schauen, wenn man ein weiteres Beispiel haben will, welchen Einfluss die "Gleichschaltung" von Medien und sich wiederholende Einhämmer-Polemik auf viele Leute hat, die bis heute anfällig für genau diese Sichtweisen sind (es laufen nur nicht so viele mit einer Knarre rum...)

Wenn die Unfähigkeit einen Decknamen braucht, nennt sie sich Pech.
- Charles Maurice de Talleyrand -