@Goofy
Politik funktioniert ja ganz anders, Goofy. Haste ja am Söder gesehen. Bayern ist eines der hauptsächlich betroffenen Corona-Länder, aber der Vorturner tut so, als hätte er alles im Griff und sei immer der Primus inter pares beim coronieren. Hauptsache die Umfragewerte sind schön. Trumpzeitalter, wohin man schaut.
Das, was in jedem Fall leider wie immer gefehlt hat, würde ich schlicht "intellektuelles Format" nennen. Führungspersonen mit solchem Format wäre schnell klar geworden, dass jede Art von politischem Handeln, also jede einzelne konkrete Maßnahme die man beschließt oder nicht, unmittelbar davon abhängt, wie viel man über Corona weiß - Evidenz. Vor allem im Wissenserwerb waren die 8 Monate doch recht lausig. Immer noch stehen etliche Maßnahmen die mal beschlossen und dann wieder von Gerichten teilweise zurückgenommen wurden unter dem Vorbehalt, dass wir gar nicht wissen, was sie bringen.
Bevor man z.B. Gaststätten schließt, wäre es schon wichtig, an vielleicht 100 Versuchsgaststätten Daten darüber erhoben zu haben, was da passiert. Hat man nicht. Dasselbe beim ÖPNV usw.
Außerdem war früh klar, dass der PCR-Test methodisch deutlich besser kontrolliert werden muss, wenn man harte Fakten haben will. Es war völlig klar, dass man hilflose Vulnerable staatlich mit großem Einsatz schützen muss. Den anderen Vulnerablen gute Angebote machen muss.
Stattdessen haben sie sich quasi wirklich 24/7 in europäischen Verhandlungen über ein Corona-Rettungspaket aufgerieben, das jetzt wieder mal von Ungarn und Polen auf Ansage blockiert wird. Das alles von einem Journalismus begleitet, der jede dieser Pseudo-(Marathon)-Verhandlungen zu einer Potsdamer Konferenz hochjazzt und für den alleine die Prominenz einer in die Welt gesetzten Aussage zählt. Am Ende soll dann die Tiefe der Augenringe als Beweis fürs Volk herhalten, dass da wirklich um große wichtige Lösungen gerungen wurde, wo tatsächlich nur Rohre krepiert sind.
Nicht mal auf Bundesländerebene konnten sich 16 Provinz-Nasen zusammenraufen. Das ist für das, was man früher mal das "Primat der Politik" nannte, einfach zu dürftig. Für das, was man zeitlich prima hätte machen können, dazu fehlte ihnen ganz offensichtlich die "Phantasie". Und das worauf sie einen Großteil ihrer Zeit verschwendet haben, ist der übliche Scheiss der einfach Null funktioniert: der europäische Verschiebebahnhof für Verantwortung und die föderale Sackgasse.
Aber da kannst Du leider auch in jedes andere Land schauen. Die Idee, dass Politiker was gebacken bekommen, ist eine Idee aus der Mitte des 20ten Jahrhunderts, als z.B. Leute wie Helmut Schmidt der Legende nach noch eine Sturmflut gebändigt bekamen, wie ehemals Poseidon persönlich. In Wirklichkeit ist es eher so: wenn sie im Amt keine große Scheisse bauen, ist das schon das Beste, was die angeblich demokratisch gewählten Volksvertreter noch hinbekommen. Die klügsten und tatkräftigsten Köpfe unseres Landes gehen halt einfach nicht mehr in die Politik, wer mag es ihnen verdenken? Politik ist per se etwas für chronisch mediokre Konformisten. Es ist so deprimierend, dass für eines der wichtigsten Ämter der Welt, nur noch ein notorisch narzisstischer 74jähriger Cretin und ein 78jähriger mit beginnender Demenz zur Wahl standen.
Eigentlich ist gar nicht *irgendeine Krise Deiner Wahl* das Problem, sondern in Anbetracht der gestiegenen Komplexität der Gesellschaft und ihrer Probleme, bräuchten wir grundlegend ein anderes politisches System. Unser politisches System ist fast nur noch Ballast, Selbstzweck, Feigenblatt, Unterhaltungs-Show. Die aktuelle Politikergeneration ist keinem der großen Probleme unserer Zeit intellektuell gewachsen, das haben sie jetzt schon zur Genüge bewiesen.
Soviel von mir auf Deine Nachfrage zu später Stund`
