Unter Westfalen hat geschrieben:Ich kann mir nach wie vor kein Bild machen. Mir fehlen wichtige Informationen.
Ich registriere aber, wie eindeutig offensichtlich schon Schuldzuweisungen betrieben werden.
Informationsvorsprung oder Stimmungsmache?
Habe mich nun seit einigen Tagen/Wochen aus der Diskussion komplett herausgehalten, genauer gesagt, seit Hitzlsperger öffentlich seine "brutale" Unterstützung für Oliver Schraft kundgetan hat.
Und das liegt genau daran, dass durch die Geschehnisse der vergangenen Tage zwar manches klarer, aber vieles auch unklarer geworden ist.
Ich kenne Claus Vogt und seine Agenda zu wenig, um mir wirklich ein Bild von ihm machen zu können. Bei den "Wahlkampfveranstaltungen" vor einem Jahr kam er mir immer sehr unverbindlich in seinen Erklärungen vor. Deswegen kann ich nicht einschätzen, was von den Vorwürfen tatsächlich auf ihn zutrifft, bzw. warum eine Wiederwahl zum Vereinspräsidenten ganz offensichtlich verhindert werden soll. Aber dass sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindert werden soll, ist spätestens seit dem Brief und der Kandidatur von Hitzlsperger klar.
Über die Datenaffäre ist hier schon viel geschrieben worden, so dass ich heute Nacht nicht auch noch meinen Senf dazu geben will.
Mich hat ein anderer Abschnitt aus dem Brief hellhörig werden lassen:
Hitzlsperger hat geschrieben:Drei Jahre nach der Ausgliederung müssen in der nächsten Amtszeit des e.V.-Präsidenten gemeinsam mit der AG viele wichtige Weichen gestellt werden. Es muss transparent und nachvollziehbar sein, wer für was zuständig und verantwortlich ist – und wofür nicht.
Nun - in den kommenden Jahren stehen tatsächlich Neuwahlen oder Neubesetzungen diverser Gremien an, auf die der Vereinspräsident (zusammen mit dem Präsidium) durchaus Einfluss nehmen kann.
Vermutlich erst 2022 wird der Vereinsbeirat neu gewählt, der fast ausschließlich aus ehemaligen Mitgliedern des Ehrenrats oder von WD handverlesenen Personen besteht. Man könnte sagen, er ist mit Sicherheit ein Gremium, in dem vorwiegend Angehörige der schon lange bestehenden Seilschaften sitzen.
Ebenso wird der Aufsichtsrat der AG wohl nach vier Jahren (also 2021) neu besetzt, auch hier sind neben den beiden Daimler-Vertretern sowie Jenner (obwohl Kärcher ja sein Sponsoring deutlich zurückgefahren hat) nur Aufsichtsräte bestellt, die WD noch persönlich ausgesucht hat. Einzige Ausnahme Adrion, der als Vogt-Mann neu seit 2020 im AR sitzt. Auch hier gehören mindestens mit Porth und Jenner zwei Leute derjenigen Fraktion an, die seit etlichen Jahren Personalpolitik im Verein und in der AG betreibt. Bei Adrion weiß man auch nicht, ob er nicht einer ganz anderen Agenda folgt und eigentlich mehr Einfluss im Tagesgeschäft (analog zu Buchwald) haben möchte.
Mit einem Vereinspräsidenten Vogt kann man davon ausgehen, dass es in beiden Gremien zu Umbesetzungen kommen wird. Man kann also schon sicher sein, dass sich die Seilschaften und Pöstleshocker dagegen wehren. Ob die potentiellen Vogt-Leute dann tatsächlich die bessere Wahl sind oder nur neue und nicht unbedingt bessere Seilschaften, das können wir zur Zeit nicht wissen. Genauso wenig, welche Ziele und Visionen sie für den Verein und die AG haben und was das beispielsweise für die Besetzung des Vorstands der AG bedeutet. Das ist die große Unbekannte.
Außerdem steht ja immer noch der geplante Verkauf der restlichen von den Vereinsmitgliedern freigegebenen Anteile an einen Investor aus, der sicherlich nicht ohne Zustimmung des AR zustande kommen wird - und natürlich kann der Vereinspräsident als Vertreter des Hauptanteilseigners da großen Einfluss nehmen. Auch da ist die Frage, ob die Akquise mittelständischer und regional verwurzelter Investoren, wie sie Vogt anpeilt, im allgemeinen Interesse der AG liegt.
Hitzlsperger spricht zudem die klare Nennung und Abgrenzung von Verantwortlichkeiten in AG und e.V. an. Das kann bedeuten, dass eine solche massive Einflussnahme durch den Vereinspräsidenten und AR-Vorsitzenden in das Tagesgeschäft der AG wie durch WD in Zukunft nicht mehr möglich sein soll. Es kann aber auch heißen, dass sich die AG noch mehr vom Verein abnabeln und eine Kontrolle und Einmischung durch den Verein weitestgehend ausschließen will. Also die AG ein Unternehmen im Fußballbusiness wird und mit einer Vereinszugehörigkeit oder -verbundenheit nicht mehr allzuviel zu tun haben wird.
Aufgrund dieser anstehenden Entscheidungen können schon schwerwiegende Interessenskonflikte zwischen AG und Verein, zwischen Hitzlsperger und Vogt vorprogrammiert sein.
Dennoch hat mich die Art und Weise, in der der Brief von Hitzlsperger geschrieben ist, fast schon schockiert. Dass hier ein solches eine Katastrophe zeichnendes Zukunftsszenario aufgebaut wird und dass der Vereinspräsident vom AG-Vorstandsvorsitzenden derart persönlich angegriffen wird - und zwar quasi aus dem Nichts -, erinnert mich leider fatal an die MV von 2011, als man Helmut Roleders finanzielle Situation vor allen anwesenden Mitgliedern verlesen hatte, um ihn für eine Wahl zum Vereinspräsidenten unmöglich zu machen. (Ich hielt Roleder übrigens keineswegs für einen geeigneten Kandidaten, aber dennoch ist eine solche persönliche Bloßstellung ein absolutes NoGo.)
Und genauso halte ich eine Personalunion von AG-Vorstandsvorsitz und Vereinspräsident für absolut inakzeptabel, weil es nicht sein kann, dass der VV einer AG als Präsidiumsmitglied selbst über sein Kontrollgremium mitentscheiden kann und darf.
Verdammt verzwickte Situation, in die Thomas Hitzlsperger da die Vereinsmitglieder gebracht hat. Viele werden die erfolgreiche Führung der AG anerkennen und behalten wollen, aber trotzdem - mMn zurecht - keine solche Allmacht von einer Person haben wollen. Zugleich wird durch das Entweder-er-oder-ich massiv Druck erzeugt, weil wohl kaum ein Vereinsmitglied den sportlichen Erfolg der AG gefährden will, was es aber tut, wenn es nicht Hitzlsperger wählt.
Sehe momentan nur Verlierer: Claus Vogt, Thomas Hitzlsperger, den VfB und seine Mitglieder. Ob da auch nur einer unbeschadet durchkommt und ob dies das Ganze wert war?
Wenn die Unfähigkeit einen Decknamen braucht, nennt sie sich Pech.
- Charles Maurice de Talleyrand -