Hab's gerade gelesen und schon mit Copy/Paste begonnen. Von daher...
Es geht um einen Text, der im Februar dieses Jahres veröffentlicht wurde. Also kein Geschreibsel von vor fünf Jahren. Sondern Maaßens aktuelle Sicht der Dinge. Und die haben es in sich:
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Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Essay, den Maaßen im Februar im Cato-Magazin veröffentlicht hat und den Laschet noch einmal lesen sollte. Denn es gibt nicht nur einen Maaßen, es gibt viele: den "geerdeten Menschen, ein Kind kleiner Leute", wie er sich in Thüringen einführte. Den Talkshow-Gast, der sich sorgt ob des Aufstiegs der AfD. Aber auch den, der in einem Video erklärte, das auf Twitter kursierte und mittlerweile gelöscht wurde, die Anhänger des "ökosozialistischen Blocks von Grün bis Tiefrot", würden "ihren Schlächter selber" wählen. Und eben den, der in Cato, einer unter dem Dach der Jungen Freiheit erscheinenden Zweimonatsschrift der Neuen Rechten, einen kommenden Bürgerkrieg heraufbeschwört. "Aufstieg und Fall des Postnationalismus" ist der Text betitelt. Maaßen hat ihn zusammen mit einem Autor geschrieben, der sich Johannes Eisleben nennt und auf vielen neurechten Kanälen aktiv ist. Dennoch ist er nicht anders zu verstehen als Maaßens Manifest. Sein Fluchtpunkt: ein erlösende Schlacht zwischen den "autochthonen" und eingewanderten Unterschichtsgruppen, der Maaßen durchaus hoffnungsvoll entgegenblickt. Er klingt hier wie der Steve Bannon von Thüringen.
In den ersten Absätzen malt Maaßen ein Krisenpanorama aus, gegen dessen Grundbefund - die Reichen werden immer reicher - wenig einzuwenden ist. Doch schon biegt er ab: Grund der Misere seien nicht ungerechte Steuern oder die Explosion der Mietpreise, sondern das Ende des Goldstandards in den Siebzigern, das die Finanzmärkte entfesselt habe, zu Gunsten einer "kleinen Elite".
Das zweite große Krisenfeld ist, natürlich, die Einwanderung. Für Maaßen eine "orchestrierte" Maßnahme, die der "Zersetzung unserer Gesellschaften" dient. Sie sei Teil einer perfiden Strategie, zu der auch die "Auflösung familiärer und lokaler Zusammenhalte", die "Entwurzelung" von Menschen und die Zerstörung von "Traditionen und Nationalkulturen" gehöre. Das Volk solle in eine "anonyme, atomisierte Masse" verwandelt werden, die "leicht zu kontrollieren und zu manipulieren ist". Dann nämlich, so zeige die Geschichte, sei das große Ziel am leichtesten zu erreichen: die Verwandlung einer einstmals freien Gesellschaft in ein "undemokratisches, totalitäres, supranationales" Regime.
Als Drahtzieher dieses Projekts haben sich, so Maaßen, zwei Gruppen "verschmolzen", die man bisher für Gegner hielt: Zum einen die "vormals sozialistischen Linken", die ihre "Erlösungshoffnungen" wahr machen wollen: mit "Identitätspolitik und Minderheitenrechten", mit "politischer Säuberung der Sprache", mit "Abschaffung des Rechts auf freie Meinungsäußerung", "Klimaschutz" und "noch mehr Migration".
Zum anderen die "Wirtschaftsglobalisten", die hoffen, auf diese Weise "globales Eigentum und globale Profite (...) auf einige tausend Familien zu konzentrieren". Maaßen scheut sich nicht, dafür den Begriff zu verwenden, den Verschwörungsgläubige in den USA seit Jahrzehnten durch ihre Kanäle wälzen: Die "neue Weltordnung", deren Grundzug eine totalitäre globale Regierung einer internationalen Elite ist, die die Menschheit versklavt und aussaugt.
Maaßen, der vor zwei Jahren der NZZ sagte, der Begriff "Verschwörungstheoretiker" sei "von bestimmten ausländischen Geheimdiensten erfunden (...) worden, um politische Gegner zu diskreditieren", bedient auch sonst sorgfältig die paranoiden Lüste seiner Leser: Die linke Ideologie werde "von interessierter Seite massiv gefördert", raunt er; der Übergang zum Totalitarismus vollziehe sich "weitgehend im Verborgenen" und sei den "meisten Bürgern" "kaum bewusst". Hinter allem stehen dunkle Kräfte, Netzwerke, ein "Propagandaapparat".
Und, ja, Maaßen verbreitet vielleicht keine direkt antisemitischen Inhalte, aber natürlich spielt er mit einschlägigen Codes wie dem der "Globalisten" und dem des "Great Reset". Auch sein Verweis auf die "einige tausend Familien" ist kaum anders zu lesen. Doch Maaßen ist raffiniert genug, sich nie eindeutig zu bekennen. Wie ein Zauberer lässt er diese Begriffe kurz aufscheinen, bevor das Publikum genauer hinsehen kann, holt er andere hervor. Er jongliert mit Doppeldeutigkeiten und Anspielungen, mit Name-Dropping und hochtrabenden Referenzen. Er weiß, welche Begriffe manche triggern, während andere über sie hinweglesen. Er lässt es suggestiv schillern. Wenn er etwa die Einwanderung nach Deutschland mit der ins Römische Reich der Spätantike vergleicht, dann öffnet sich ein ganzer Strauß von Assoziationen: gebildeter Mann. Dekadenz. Und die Leser sehen ihren Rassismus nun im goldenen Licht des Humanismus glänzen.
Dasselbe Verfahren benutzt Maaßen auch für die zentrale Operation in seinem Text, die Teilung der deutschen Öffentlichkeit in zwei Lager: "normale, regional verwurzelte Menschen" - und "Feinde". Zunächst schüttelt man den Kopf, dass ihm zu den angeblich bedrohten "Traditionen und Lebensstilen" Ersterer nicht mehr einfällt als "Jagd oder der Verzehr von Fleisch". Aber warum das eigene Lager ohne Not aufspalten? Warum etwa vom christlichen Glauben reden, der im Osten eher wenige Anhänger hat? Zur Verteidigung des Fleischkonsums können sich alle bekennen.
Umso ausgiebiger widmet er sich dem gegnerischen Lager. Früher, so Maaßen, habe man die "Feinde unserer Gesellschaftsordnung" noch als "Revolutionäre" erkennen können. Heute hingegen halten sie "zentrale Positionen": als "Richter, Hochschullehrer, Politiker, Journalisten und Manager von Großunternehmen", "Geisteswissenschaftler" und "EU- und UN-Bürokraten". Bemerkenswert ist nicht nur dieses üppige Angebot vermeintlicher Hassfiguren - jeder wird fündig.
Bemerkenswerterweise spricht er - man muss genau lesen - nicht von politischen Gegnern, auch nicht von politischen Feinden, sondern von den "Feinden unserer Demokratien" und lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht nur das Führungspersonal von Grünen, SPD und Linken meint, sondern auch deren Wähler. Der Mann, der bis vor drei Jahren dem Verfassungsschutz vorstand, erklärt die Hälfte der Bevölkerung zu Verfassungsfeinden.
Doch es naht Hoffnung in Gestalt eines erlösenden Endkampfs, der wie inspiriert erscheint von den apokalyptischen Obsessionen US-Evangelikaler. Wenn erst die große Wirtschaftskrise kommt, werden die zwei Unterschichtsgruppen mit den "besten organisatorischen Fähigkeiten" sich "weitreichende Kämpfe" liefern: die "Opfer des sozialen Abstiegs" und die "Migrantenclans", und dabei das "öffentliche Gewaltmonopol" infrage stellen wie "seit 1945" nicht. Wovon redet er?, fragt man sich, bis es einem dämmert: Maaßen fantasiert von einem Bürgerkrieg, einem Putsch unter Mitwirkung von Polizei und Militär - ein Szenario direkt aus dem Repertoire der amerikanischen Alt-Right-Bewegung.
Das "Bürgertum", das werden die Cato-Leser gerne hören, muss übrigens selbst nicht in die Schlacht ziehen, aber der Lärm wird es endlich aus seiner "passiv-defensiven" Haltung, aus seiner "Erstarrung" aufwecken. "Wir gehen interessanten Zeiten entgegen", schließt Maaßen.
Was Maaßen schlimm findet, wissen wir also. Mich würde interessieren, wie er sich einen Staat vorstellt, in dem er Kanzler wäre. Was würde er ändern? Wären wir dann frei & selbstbestimmt? Wie sähe die Meinungsfreiheit aus, die aktuell ja gefährdet scheint?