R-Wert aktuell wieder unter 1. Also... nun ja... bei 0.99.
Ich verfolge den steigenden R-Wert auch schon seit einiger Zeit. Der hat ja was Prophetisches... Und es ist keine große Zahl, mit denen hab ich's ja nicht so.
Im Herbst wieder Wechselunterricht? Liebe Eltern, lasst die Politik nicht so ungeschoren damit davonkommen.
Kommentar von Hilmar Klute
Während der dunkelsten Wochen der Pandemie mussten Eltern in Deutschland lernen, dass ihre Kinder vor allem eine Bande von Superspreadern sind. Mit negativen Symbolen haben Politik und Verwaltung nicht geknausert. Fast schon mit Genugtuung wurden in der ersten Welle die Kinderspielplätze mit rot-weißen Absperrbändern zugeknotet: Hier wippt der Feind!
Helge Braun, der Kanzleramtsminister mit der weichen Stimme und der harten Haltung, hat bislang noch jede auch nur gerüchteweise aufgekommene Hypothese, dass Kinder und Jugendliche besonders große Virentreiber sein könnten, dazu genutzt, um sich mit seinem ganzen politischen Gewicht für geschlossene Schulen einzusetzen. Die sozialen und seelischen Folgen ließ der gelernte Arzt und Menschenfreund bis auf ein paar angelernte Phrasen ("Kinder haben höchste Priorität") unkommentiert. Eine Kleine Anfrage im Bundestag hat kürzlich ergeben, dass die Bundesregierung bis dato keinen Schimmer hatte, wie viele Kinder in Deutschland infiziert worden sind, wie hoch die Zahl der Kinder mit Symptomen und schweren Verläufen ist.
Selbstverständlich gibt es inzwischen eine Menge Hinweise und auch Studien darüber, wie sehr Kinder und Jugendliche an dem Mix aus täglichen Pandemie-Horrornachrichten, stillgelegter Bildung und fehlenden Sozialkontakten leiden, nur signalisiert diese Bundesregierung gar kein Interesse an ihnen. Dabei muss man nur in die Gesichter der Mütter und Väter schauen, die ein Jahr damit verbracht haben, ihren Kindern irgendwie die Hoffnung zu vermitteln, dass es irgendwann wieder eine Normalität für sie geben könnte. Und dass die täglichen Quälereien mit Homeschooling, mit abgekappten, meist noch frischen Freundschaften von der Aussicht auf eine noch nicht definierte Zukunft in gut gefilterten Klassenräumen abgelöst werden könnte.
Die Bundesregierung ist weiß Gott nicht für die Erlösung zuständig, aber hin und wieder bekommen bestimmte Gruppen und Einrichtungen dieses Landes gerne ein paar Perspektiven-Häppchen spendiert. Die Stadien dürfen wieder mit sich feucht anjubelnden Halbnackten befüllt werden, bald auch, und zum Glück, gibt es auch im Theater und in den wahrlich von Not gezeichneten Kinos wieder ein Publikum. Was sind die Aussichten für Schülerinnen und Schüler? Was unternehmen Land und Länder, um ihnen die im Alltag tränentreibende Angst zu nehmen, dass ihr normales Leben vielleicht nicht mehr zurückkehrt? Brauchen Kinder nicht, wie jeder Familientherapeut weiß, vor allem: Stabilität? Trost gibt es derzeit nur für Defätisten: Immer dann, wenn man annimmt, der Dilettantismus sei nicht mehr zu toppen, ploppt die kaputte Sonderzone Berlin auf.
Der Senat der Hauptstadt wollte vor den Sommerferien eigentlich gerne gar keinen Regelbetrieb mehr an den Schulen anbieten. Grund: Der Verwaltungsaufwand dafür sei zu hoch, die Badehose ist ja sozusagen schon gepackt. Nachdem Berliner Eltern im Namen ihrer Kinder gegen diese besonders freche Form von Arbeitsverweigerung durch steuerfinanzierte Ämter geklagt hatten, entschied das Berliner Verwaltungsgericht, dass die Schulen zum normalen Unterricht zurückzukehren haben. Noch einmal zum Mitdenken: Ein Gericht muss eine Landesregierung erst dazu zwingen, Kinder in die Schulen zu lassen - Kinder, die ihrerseits Monat um Monat brav maskiert der Schulpflicht nachkommen. Was taugt ein Senat, was taugt ein Regierender Bürgermeister, die sich ihre Kinderfeindlichkeit und ihre Bildungsverachtung von einem Richter austreiben lassen müssen?
Wie immer, wenn es um Bildung und die Wertschätzung der staatlichen Schulen geht, lohnt der Blick nach Frankreich. Präsident Emmanuel Macron hat nach dem großen Lockdown zuerst die Kitas und Schulen wieder geöffnet. Er hat dafür gesorgt, dass die Kinder so lange in den Unterricht gehen konnten wie möglich. Alle Lockdown-Maßnahmen in Frankreich waren praktisch um die Bildungseinrichtungen herumgebaut worden. Die Deutschen planten als Erstes den Besuch von Fußballstadien. Was man aus diesem groben Vergleich lernt?
Natürlich, dass Frankreich einen Großteil seiner (aus anderen Gründen derzeit angeschlagenen) nationalen Identität immer noch grundsätzlich aus der Wertschätzung von Bildung und Lehre bezieht. Man wird dann hierzulande wieder einmal aufs Bitterste darüber belehrt, wie eklatant Deutschlands Politiker in Wahrheit das Schulwesen und die Bildung übersehen, wie beschämend groß die Geringschätzung von Kindern und Heranwachsenden ausfällt. Sicher, auch Frankreich musste in der Hochphase der Pandemie den Schulbetrieb vorübergehend einstellen. Aber es herrschte dort, anders als in Deutschland, nicht der Ton der Abfertigung und der indifferenten Gleichmacherei, als stünden dichtgemachte Cafés und Theater auf der gleichen Verluststufe wie geschlossene Schulen.
"Dieses Land hat eine Verpflichtung gegenüber der Jugend", wird Emmanuel Macron zitiert. Von Angela Merkel dagegen dürfte vielen Eltern und Schülern vor allem dieser eine Satz der Kanzlerin aus dem Winter für immer im Gedächtnis bleiben: "Ich halte es auch für richtig, die Schulen - etwa durch Verlängerung der Ferien - zu schließen bis zum 10. Januar oder aber Digitalunterricht zu machen oder was auch immer. Das ist egal." Genau, was auch immer, das ist egal. Von nichts und niemand sind diese Kanzlerin und ihr Kabinett, mit vielen Ministern ohne Familiensinn, weiter entfernt als von den Schülern und Kindern in Deutschland.
In der deutschen Politik ist noch nicht angekommen, dass das Pandemie-Jahr eine Bildungs- und Sozialkrise unter Millionen Kindern ausgelöst hat. Es hat eine bestürzenden Zunahme von Schlägen und Tritten in Kindergesichter zur Folge gehabt, weil die amtliche Kontrolle über prügelnde Mütter und Väter nicht mehr stattfand. Und es hat auch die vielen Eltern, die alles daransetzen, ihren Kindern das Wissen und die Welterfahrung zukommen zu lassen, die ihnen als Kindern sehr besonders zustehen, in Verzweiflung und Ratlosigkeit zurückgelassen.
Dabei hätte die Kanzlerin zum Zeitpunkt ihrer Was-auch-immer-egal-Rede schon die große Studie des Ifo-Instituts zur Situation der Schüler während der Pandemie kennen können. Sie hätte wissen können, dass sich Schüler in der Zeit des Homeschoolings gerade mal 3,6 Stunden täglich mit schulischen Aufgaben befasst haben, während sie vor der Pandemie mehr als doppelt so viele Stunden auf den Lernstoff verwendet hatten. Homeschooling, das weiß jeder Vater, jede Mutter, jedes Schulkind, weist in etwa den Lerneffekt von Sommerferien auf. Die Leerstelle füllten Handy-Anstarrerei, Fernsehen, Computerspiele und vergleichbare Beschäftigungen, die stumm machen, während das Radio in Küche, Bad oder Auto schon wieder eine neue Mutante ankündigt und von massenhaften Leichenverbrennungen in indischen Innenhöfen berichtet.
Kinder leben im Jetzt, und sie zehren von den Verlässlichkeiten, die ihnen ihr Alltag gibt. Sie leben aber auch von ihren Zukunftsvorstellungen. Und sie brauchen neben familiären auch vollkommen selbstverständlich staatliche Strukturen, die ihnen Halt geben mit Bildung, Erziehung und sozialen Gemeinschaften. Die Politik in diesem Land hat ihnen während der Pandemie in Stil, Geste und Inhalt die Solidarität aufgekündigt. Die Wertigkeit von Kindern und Jugendlichen wird in Inzidenzen und potenziellen Ansteckungszahlen gemessen. Kinder sind Virenträger, deren Einhegung wichtiger ist als ihr Fortkommen. Es mag sein, dass sich kaum jemand vorstellen konnte, wie monströs dieses Virus Sicherheiten und Übereinkünfte torpedieren würde. Aber dass der Staat seine vulnerabelsten Bürger, die Kinder, derart brutal aus der Solidargemeinschaft ausschließen würde, wer hätte das gedacht?
Immerhin ist Geld da, Geld vom Bund: 5 Milliarden Euro, inklusive 1,5 Milliarden Aufstockung in der Pandemie durch den Digitalpakt Schule. Ein kompliziertes Bund-Länder-Abkommen, das helfen soll, die Digitalisierung von Schulen "voranzutreiben", wie es immer so beschleunigend heißt. Statt die mühsam hergestellten Transfers für die Stärkung von Bildung und Schule zu entfieseln und zu vereinfachen, ging es dann darum, dass vor allem der Datenschutz gewährleistet sei. Während also Teams-Meetings für Schüler als untauglich befunden wurden, zoomte sich behände die Kultusministerkonferenz zusammen. Nicht, um neue Strategien für die Schulen zu ersinnen, sondern um gemeinsam die Chefs in der Ministerpräsidentenkonferenz anzustarren und zu erfahren, was eigentlich von ihnen verlangt werde.
Aktuell dröhnt Winfried Kretschmann in den Niedriginzidenzsommer. Der grüne Ministerpräsident will das Bundesbildungsministerium abschaffen, weil Politik eben Ländersache sei. Begründung des zu Späßen aufgelegten Kretschmann: "Baden-Württemberg hat schließlich auch kein Außenministerium." Trotz der schier unerträglichen Schwerfälligkeit der Bildungspolitik: Ohne den Bund wäre auch in Kretschmanns Bundesland, das so stolz auf Hegel, Hölderlin und Hesse ist, die Matrize das Mittel der Wahl.
Es sind Politiker wie Angela Merkel und Winfried Kretschmann und Helge Braun, die mit inzwischen zu Routine gefrorener Mischung aus Zynismus, dröhnender Kaltschnäuzigkeit und Verantwortungslosigkeit Eltern in die Verzweiflung treiben. Denn die Eltern haben in den vergangenen Monaten die Aufgaben des Staates übernommen, dem eine gesetzlich verankerte Fürsorgepflicht obliegt und der dafür zu sorgen hat, dass Kinder in die Schule gehen können. Das Verrückte ist die von der Politik geduldete Normalität: In einem der reichsten Länder der Welt unterrichten Eltern mithilfe von verlässlich abstürzenden Browsern ihre Kinder in Schreiben und Rechnen. Die Schulpflicht, eine der Grundvereinbarungen moderner Bildungsgesellschaften, ist in Deutschland obsolet geworden, oder, wie die Kanzlerin sagen würde: egal.
Es ist jetzt Sommer, Deutsche waren bis eben noch auf Virenfang in europäischen Fußballstadien, jetzt geht es wieder nach Mallorca. Und dann? Man hätte vor einem halben Jahr damit beginnen können, flächendeckend Filteranlagen anzuschaffen, mit denen man die Raumluft wendet, sodass die Virenlast gering bleibt. So allmählich wird die Sache halbherzig angeleiert, viel zu spät. Wenn die Delta-Variante im Oktober die Lehrpläne schreibt, wird die Technik für die Filter nicht flächendeckend installiert werden können. Eltern und Kinder werden also wieder am Wechselunterricht verzweifeln. Sie werden sich dann aus der Politik anhören müssen, dass kein Weg an Schulschließungen vorbeiführt, dass Kleinkinder mit ihren Freundinnen statt in der Kita auch per Teams spielen können - oder was auch immer, ist ja egal. Inzwischen rücken Eltern und Lehrer mit Petitionen und Elterninitiativen ihren Landesregierungen auf den Pelz, damit sie in den Schulen und Kitas Hepa-Luftfilter einbauen lassen. Aber wie es aussieht, wird nichts passieren. Man kann ja die Fenster aufreißen oder was auch immer.
Es ist erstaunlich, wie ungeschoren deutsche Eltern Politik und Verwaltung für dieses Versagen bisher davonkommen lassen. Was sollen sie tun? Sie sollten sich dem Wechselunterricht verweigern und nur noch zu Hause unterrichten, sobald der Horror wieder von vorne losgeht. Es ist an der Zeit, diesen Staat vorläufig von seiner Bildungspflicht zu entbinden. Vielleicht ergreift ja sogar den kältesten Bildungspolitiker die Scham, wenn er sieht, dass Schülern in Deutschland der Lernstoff besser zuhause verabreicht wird als in einem auf Zuruf stattfindenden Klassenunterricht. Das gilt natürlich nur für die Kinder gebildeter Eltern. Für die anderen, denen Bildung von Haus aus eher nicht in die Wiege gelegt wurde, wäre das dann wirklich die Hölle.
Ein anderer SZ-Artikel setzt sich mit der Nicht-Umsetzbarkeit von Söders "Ab Herbst haben alle bayerischen Klassenzimmer Luftfilter"-Ansage auseinandersetzt:
Dieses permanente Entweder-Oder macht mich fuchsig. Die Luftfilter sollen das Lüften nicht ERSETZEN, sondern ERGÄNZEN. Okay, natürlich würde es in der kalten Jahreszeit realistischerweise doch oft vorkommen, dass man seltener lüften und sich vermehrt auf die Luftreinigung verlassen würde. Aber auch das zum x-ten Mal: In Jacke und bei Wind und Kälte ist - auf Dauer - einfach kein sinnvoller Unterricht möglich.
Und darum mal kurz zu dem anderen Aspekt aus dem Zitat: Trennscheiben. Ach. Das ist ja was ganz Neues!! Leider kostet eine einzelne Trennscheibe 100.000 Euro. Sonst hätte man doch längst alle Schultische...