Der Spiegel-Artikel ist tatsächlich sehr reißerisch und ehrlich gesagt: ja, journalistisch fragwürdig. Hätte(n) sich der oder die Autoren mal nur 30 Minuten lang bemüht tiefer zu recherchieren, hätten sie bereits herausgefunden, dass es einen Grund gibt, weshalb Lambda bisher nicht als Variante of concern eingestuft wurde.
Deshalb sahen sich auch ettliche Wissenschaftler zwischenzeitlich genötigt, die Aussagen des Spiegel-Artikels richtig einzuordnen. Beispielhaft für heute:
Er glaube, die Daten aus Japan würden derzeit überinterpretiert, teilte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, am Mittwoch auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Die Daten zeigten, dass Lambda in Labor-Versuchen (in vitro) etwas ansteckender sei als das ursprüngliche Virus, aber nicht ansteckender als die Delta-Variante. Lambda könnte demnach auch dem Immunschutz «etwas entkommen, aber nicht so stark wie Delta». Insofern beunruhige ihn diese Variante anhand der aktuell vorliegenden Daten noch nicht, erklärte Watzl.
Das bringt es tatsächlich auf den Punkt. Andere Wissenschaftler äußerten sich entsprechend sehr, sehr ähnlich.
Und weil durch solche (queren) Meldungen immer wieder das Vertrauen in die Impfstoffe erschüttert wird, noch Folgendes dazu:
Lambda ist auch nicht erst seit gestern bekannt, die ersten Artikel zur Lambda-Variante erschienen schon vor 5-6 Wochen. Und zwar inklusive einer Bewertung der Mutations-Loci. Das erstaunliche am Corona-Virus ist ja, dass er wirklich immer wieder hauptsächlich an den selben Stellen mutiert. So auch Lambda. Wir wissen aber mittlerweile, dass die entwickelten Impfstoffe, für diese Punktmutationen eine sehr hohe Affinität behalten. Das bedeutet konkret, dass das Spike-Protein seine räumliche Struktur (Ladungsverteilung, Disulfidbrücken-, Wasserstoffbrückenbindungen, Van-der Waals-Kräfte etc.) durch den Austausch einer einzigen Aminosäure durch eine andere gar nicht großartig ändern kann.
Einschub:
Forschende des PEI haben das Spike-Protein isoliert und in Homotrimere zerlegt und analysiert:
Beata Turoňová et al schreiben in einem Science Artikel aus 2020 hierzu folgendes:
Ein für die Impfstoffentwicklung erfreuliches Ergebnis stellten die Forscher dabei fest: »Der obere Kugel- beziehungsweise V-förmige Teil des Spikes weist unter natürlichen Bedingungen eine Struktur auf, die von rekombinanten Proteinen, die für die Impfstoffentwicklung genutzt werden, gut wiedergegeben wird«. Dies bedeutet, dass die Impfantigene der Vakzinen gut zu der Struktur des Virus passen.
https://science.sciencemag.org/content/370/6513/203Allgemeiner: Das Virus kann eben auch nicht machen was es will. Wenn es dem Impfstoff strukturell durch Mutationen ausweicht, darf ja am Ende sein Schlüssel in die Tür des Zellschlosses dabei nicht so stark verändert worden sein, dass er nicht mehr passt und das Virus nicht mehr oder schlechter in die Zelle gelangen kann, um sich dort zu replizieren. Hier zeigt sich jetzt übrigens doch schon sehr gut, wie intelligent diese neuen mRNA-Impfstoffe designed wurden.
Kurz: Alles was man bisher über Lambda weiß, deutet nicht darauf hin, dass Lambda gefährlicher werden könnte als Delta. Und das Wissen, was in den letzten 5-6 Wochen hinzu kam, hat diese Einschätzung eher gestützt. Stand meines Wissens, hat es in den letzten Wochen keinen einzigen neuen Mutations-Locus mehr gegeben.
Hoffen wir mal alle, dass es so bleibt.