Gang Cannstatt hat geschrieben:erklär doch mal Furti was du genau meinst?
Ein Fussballverein "funktioniert" ja wirtschaftlich ganz anders, als ein Autohersteller, eine Pharmafirma oder ein Nahrungsmittelkonzern.
Der entscheidende Unterschied ist der Faktor "Zufall". Konventionelle Branchen können durch eigene Maßnahmen und Marktbeobachtung die wirtschaftlich relevanten Auswirkungen zufälliger Erfolgsschwankungen wesentlich besser beherrschen als ein Fussballverein.
Ich verkürze jetzt sehr:
Nehmen wir an, ein Traditionsverein, mit einem Jahresumsatz von 100 Millionen € wird im Jahr 2022 Tabellenfünfter. Im Jahr zuvor war er 12ter. Durch Fernsehgelder, Sponsorenboni, Zuschauermehreinnahmen usw. wird er erfolgsabhängig vielleicht so 20-40% Mehreinnahmen generieren. Was macht er mit dem Geld? Auf die hohe Kante legen, wie einst der schlaue Uli Hoeness? Nein, macht er nicht, weil er die Hälfte sofort ans Finanzamt verliert und sich im Profigeschäft die Meinung etabliert hat, die Gewinne lieber wieder in sportliche Qualität zu investieren. Das Problem taucht genauso bei hohen Transferüberschüssen auf.
Die Vereine investieren also ihre erfolgsabhängigen Mehreinnahmen in Spieler und höhere Gehälter. Was passiert aber wenn es in einem Jahr plötzlich wieder von Rang 4 zurück geht auf Rang 8? Mindereinnahmen von 20-30 Millionen €. Wobei man aber aus den vergangenen guten Jahren, wegen der fälligen Steuerzahlungen, keine Rücklagen gebildet hat!
Traditionsvereine sind den zufallsbedingten Erfolgsschwankungen besonders stark unterworfen (kann ich begründen, falls nicht eh offensichtlich).
Nun nochmal zum "Kernproblem": dem Zufall. Im Schach zählt bekanntlich eine Dame so viel wie 9 Bauern und ein Turm so viel wie 5. Im Fussball hat der Schiedsrichter und das VAR-System mittlerweile einen so entscheidenden Einfluss auf das Ergebnis, wie... puh...3,4,5 Spieler? Dazu kommen mögliche Verletztungen von Schlüsselspielern, Formschwankungen, kollektive Dynamiken usw. Es ist ja gerade ein positives Merkmal des Sports, dass er nicht vorausberechenbar ist. Deswegen schauen die Leute das. Der Zufall hat eine größere Bedeutung und der wirtschaftliche Erfolg der nächsten Jahre ist kaum planbar. Das ist der Kernunterschied zwischen Sport und konventioneller Wirtschaft - mit gravierenden Folgen.
Und nun betrachten wir nochmal die Frage der "Harmlosigkeit" von Investoren. Ein Investor gibt einem Verein sehr viel Geld. Der Verein geht dadurch Verbindlichkeiten (Verträge mit teueren Spielern) ein. Entwickelt sich der Verein nicht so erfolgreich wie gewollt, sitzt der Klub plötzlich auf Mehrausgaben, die er aus seiner Grundfinanzierung gar nicht stemmen könnte. Er wird also von der "Langmut" seines Investors abhängig. Hat der aber nach 4,5 Jahren keine Lust mehr, oder auch einfach kein Geld mehr, steht dem Verein der Absturz bevor.
Im Grunde müssten die Vereine alle mehrere Tochterfirmen gründen, die beispielsweise in Immobilien investieren oder ähnliches. So dass das enorme (!) wirtschaftliche Risiko im Fussball diversifiziert werden kann und man in schlechten Jahren Mindereinnahmen durch Überschüsse aus den Tochterfirmen ausgleichen kann. Uli Hoeness hat das richtig gemacht. Er hat schlechte Wirtschaftsjahre in der Hochzinsphase aus den Rücklagen und Zinsüberschüssen des Festgeldkontos finanziert. Uli Hoeness kann man charakterlich sehen wie man will, aber der Grund, dass der FC Bayern heute eine Monopolstellung am Markt hat, liegt daran, dass Uli den Zufall im Fussball wirtschaftlich zu beherrschen gelernt hat.
DAS ist das Erfolgskonzept des FCB. Heute ist das leider gar nicht mehr so einfach replizierbar.
Investoren sind als nicht harmlos! Sie verändern auch nicht den Modus Operandi des Sports, der systemimmanent auf Zufall aufgebaut ist (und sein muss). Vereine geraten vor allem in wirtschaftliche Bedrängnis, weil sie die wirtschaftlichen Folgen der sportlichen Zufallschwankungen nicht in den Griff kriegen. Natürlich, Inkompetenz, Vetternwirtschaft, Selbstüberschätzung, Fahrlässigkeit, mangelnde Kontrollsysteme usw. kommen da noch verschärfend oben drauf.
Das war jetzt wirklich nur sehr, sehr grob.
