Unter Westfalen hat geschrieben:Ich glaube nicht, dass in Russland der Anteil der demokratisch Gesinnten so viel kleiner ist, als in anderen Ländern aus dem ehemaligen Ostblock.
Grundsätzlich: Ja. Die Frage ist halt, wie groß der Anteil tatsächlich ist. Wenn ich da zum Beispiel nach Sachsen schaue...
Du weißt, was ich meine. Plus... mir gefällt der Begriff Hirnwäsche nicht so sehr, aber nennen wir es: Die jahrelange Manipulation. Oder besser:
Die nötigen Maßnahmen zum Erhalt des Systems.
Ich habe die hervorragende Reportage anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Oktoberrevolution wieder gefunden; erschienen 2017 im SZ-Magazin. Der Autor hat sich dafür vor allem in Rosljakowo (Murmansk) umgeschaut, bei den einfachen Leuten fernab von Moskau und wie's denen so geht. Tolle Reportage.
Zum Ende des Artikels zieht er ein allgemeines Fazit, wie gesagt, das war 2017:
In den Boomjahren zwischen 2000 und 2008 ist in den großen Städten eine schmale Mittelschicht entstanden. Männer in elegant geschnittenen Anzügen, die lieber mit dem Tretroller ins Büro fahren als in einem Jeep im Stau zu stehen. Frauen, die Marketingabteilungen großer Konzerne leiten und sich zum Lunch einen Joghurt mit Chia-Samen einpacken. Sie sind so gut ausgebildet, dass sie auch in London oder Frankfurt arbeiten könnten. Deswegen vergleichen sie nicht nur ihr Einkommen mit dem ihrer Kollegen im Ausland, sondern auch ihre Lebensqualität und den Einfluss, den sie darauf haben.
Als Wladimir Putin und Dmitrij Medwedew 2011 unter sich ausmachten, noch einmal die Plätze zu tauschen zwischen Premier und Präsident, da war es diese Minderheit der kosmopolitischen Akademiker, die dagegen auf die Straße ging. Die urbane Elite fühlte sich betrogen um die Freiheit und Eigenverantwortung, die sie aus ihrem Alltag kannten und selbstverständlich auch für die Politik in Anspruch nahmen.
Bald danach verschwanden die öffentlichen Proteste. Lagerstrafen für willkürlich ausgewählte Demonstranten hatten die Menschen eingeschüchtert. Aber der Drang der urbanen Eliten, sich zu engagieren, ist nicht verschwunden. Er suchte sich neue Kanäle: in Freiwilligenarbeit für Behinderte und Waisen oder im Engagement für bedrohte historische Gebäude. Es gibt keinen Abend, an dem man in Moskau nicht einen Vortrag besuchen kann - zur Geschichte des Geheimdienstes, über das Verhältnis von Staat und Kirche. Es gibt Workshops für Bürgerjournalismus und für verschlüsselte Kommunikation im Internet. Als würden sich die Bürger vorbereiten auf eine Zeit, in der sie wirklich eine Zivilgesellschaft sein können.
Seit dem Frühjahr 2017 sind auch die Proteste zurück. Jetzt sind es die Jungen, die auf Youtube die Videos des Anti-Korruptions-Aktivisten Alexej Nawalny sehen und Zeuge werden, wie Putins Schwiegersohn über Nacht zum Milliardär wird, der Sohn des Kreml-Sprechers mit einem Tesla für 150 000 Euro durch Moskau düst und der stellvertretende Ministerpräsident Igor Schuwalow seine Corgis mit dem Privatjet zu Hundeausstellungen fliegen lässt. Die Jugendlichen wissen um das Risiko, verhaftet zu werden, aber die Aussicht, in einem Land großzuwerden, in dem die Korruption alle Chancen versperrt, ist für sie noch bedrohlicher.
Vielleicht sind das auch Puzzlestücke des Bildes, das wir im Westen erst jetzt erkennen: Dieser wachsende Unmut über die korrupte Clique und die Erkenntnis der Mächtigen, dass man da ganz schnell gegensteuern muss. (Selbstverständlich NICHT, indem man was am System ändert.)
Jedenfalls, es hat auch darin gemündet:
Russland ist gespalten zwischen einer Mehrheit, die sich abgefunden hat, und einer kleinen Minderheit, die sich nicht abfinden möchte. Einem Heer aus angepassten Phlegmatikern stehen ein paar Guerilla-Aktivisten gegenüber.
(...)
Das Fernsehen kann dem Werftarbeiter aus Rosljakowo nicht einreden, dass er von 500 Euro im Monat gut lebt, aber es kann ihm weismachen, dass es anderswo noch schlimmer ist, und es kann seine Angst vor dem Fremden und Ungewissen aufgreifen.
Nach außen ist Russland dynamisch und aktiv. Moskau mischt wieder mit, die Armee eilt in Syrien von Sieg zu Sieg, in den USA bestimmte Moskau womöglich sogar mit, wer Präsident wurde. Aber die Russen sind erschöpft, ihre wahren Sorgen sind andere. Steigende Preise, Armut, Arbeitslosigkeit und Korruption, in dieser Reihenfolge führen sie die Umfragen des unabhängigen Lewada-Zentrums an. Den Krieg im Osten der Ukraine nennen die Befragten erst an zehnter Stelle. Die Sanktionen gegen ihr Land kommen noch einmal fünf Plätze dahinter.
Solange viele im Westen nur die Hyperaktivität Russlands in der internationalen Politik wahrnehmen, schätzen sie Russland falsch ein. Der Westen macht einen Fehler, indem er Moskaus Aktionen auf sich bezieht. Was hat Europa, was hat die Nato falsch gemacht, fragen sich viele. Was sie sich nicht vorstellen können: Der Zirkus wird nicht für sie veranstaltet, sondern für das Publikum zu Hause. Das Fernsehen preist die Erfolge der Regierung, wie Putin den frechen Amerikanern die Stirn bietet. Wie halb Amerika durchdreht, weil es glaubt, das Land sei in den Händen russischer Hacker. Russland steuert Amerika! Da wird den Zuschauern für einen Moment ganz wohlig. Da fühlen sie sich kurz als Teil eines mächtigen Ganzen. Und solange Veränderung zu Hause riskant ist, sind Trotz und Wut auf den Westen ein Ventil.
Weil auch Dauererregung sich erschöpft, wenn das Land auf der Stelle tritt, ist es, als würden in Russland alle warten: die Hardliner darauf, dass Putin rücksichtslos durchgreift. Die Wirtschaftsliberalen darauf, dass er einsieht, dass nur mehr Freiheit und Eigenverantwortung Wachstum bringen können. Und die Opposition darauf, dass das alles ein Ende hat. Und alle spüren die Müdigkeit.
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