Wir haben den Lernprozess erfolgreich hinter uns gebracht, der auf Russland noch zukommt.
Nichts muss, aber alles kann.
Mustermann hat geschrieben:Ja, den "merkelschen Konsens" gibt/gab es in der Tat, denke ich. Allerdings war das doch zumindest zu Kohlschen Zeiten schon genauso. Und die Schröder-/Fischer-Regierung ist dann spätestens am Hindukusch unsanft aufgewacht.
Mustermann hat geschrieben:Es würde, fürchte ich, nicht bei einer "ernsten Kriegs- und damit Todesgefahr" bleiben - da würden nämlich wirklich auch deutsche Soldaten sterben.
Mustermann hat geschrieben:Ehrlich gesagt bin ich ganz froh, dass es nicht mehr wie früher mal heisst: "The germans to the front!"
Die - ich nenn's mal - Kriegslüsternheit wurde "uns" nach 2 Weltkriegen doch ziemlich gründlich ausgetrieben.
Mustermann hat geschrieben:
Aber:
Es würde, fürchte ich, nicht bei einer "ernsten Kriegs- und damit Todesgefahr" bleiben - da würden nämlich wirklich auch deutsche Soldaten sterben.
Er ist ein ganz stinknormaler Imperialist, wie sie die Welt schon Hunderte, wenn nicht Tausende gesehen hat.
Wir im Westen verstehen Kriege falsch, sagt der Politikwissenschafter Richard Ned Lebow. Es gehe schon lange nicht mehr um Geld oder Macht.
Aber glauben Sie wirklich, dass er irrational ist? Stephen Kotkin, der grosse Sowjet- und Stalin-Forscher, sagte kürzlich in einem Interview: Putin tut nur so, als sei er verrückt, damit wir glauben, er sei tatsächlich zu allem, also auch einem Nuklearangriff, fähig.
Daran könnte etwas sein. Richard Nixon hat dasselbe versucht. Er behauptete, der beste Weg, mit den Sowjets umzugehen, sei es, den Eindruck zu erwecken, ein Verrückter zu sein. Aus sowjetischen Dokumenten wissen wir heute, dass er sie überzeugt hat. Sie hatten Angst vor ihm. Bei Putin könnte ich mir vorstellen, dass die Androhung von Atomwaffen einfach den Westen einschüchtern soll.
Es gibt ein drittes Motiv für Krieg, das die bisherigen Theorien nicht berücksichtigen: den Wunsch nach einem guten Selbstwertgefühl. Das erreicht man, wenn man Dinge tut, die von unserer Peer-Group oder der Gesellschaft geschätzt werden, indem man ihre Anerkennung gewinnt und im Gegenzug denkt: Hey, wir sind ziemlich gut.
Sie nennen diesen Wunsch nach einem guten Selbstwert in Ihrer Theorie der internationalen Beziehungen Thymos, der griechische Begriff für Geist oder die Sehnsucht des Menschen nach Anerkennung. Sie sagen, dass der Selbstwert auch für Nationen und Staatsoberhäupter einer der zentralen motivierenden Faktoren sei und dass man dies in der Analyse von Kriegen stärker berücksichtigen müsse.
Genau, Thymos ist auch das, was Putin motiviert. Aristoteles und Platon haben uns klugerweise gesagt, dass, wenn das Selbstwertgefühl bedroht ist, der eigene Status infrage gestellt wird. Dann wird man sehr wütend. Der Soziologe Max Weber argumentiert, dass eine Beleidigung der Ehre eines Landes viel schwerwiegender ist als eine Bedrohung seiner Sicherheit. Und damit hatte er recht. Das ist also zum Teil das, was nun in Russland und der Ukraine vor sich geht. Und dieses Streben nach Ansehen oder der Wunsch nach Rache, wenn man sich gekränkt fühlt, war im 20. Jahrhundert die Hauptursache für internationale Kriege. Meiner Meinung nach ist es auch die Ursache für das, was jetzt passiert.
Aber ist dieses Verständnis von Ehre, von Heroismus in Russland nicht auch noch vorherrschend? Der historische Bezugspunkt ist dort immer noch der Grosse Vaterländische Krieg, dazu kommen die Ideen vom russischen Grossreich, das aus ganz vielen Quellen konstruiert wird.
Ja, auch viele Russen definieren ihre Identität über das Land. Aber Putins Rhetorik vor dem Krieg war sehr aufschlussreich. Er konnte ja nicht einfach mit dieser Theorie von einem Grossrussland vor der Bevölkerung einen Angriffskrieg rechtfertigen. Er musste es als eine Art Rettung der Ostukrainer vor ukrainischen Nazis darstellen.
Mit welchen Gefühlen spielt er hier?
Es geht darum, Grösse für den Staat zu erreichen. Aber nicht um seiner selbst willen, sondern um das Brudervolk der Ukraine vor dem Unterdrücker zu retten. Es ist wieder ein Appell an das Selbstwertgefühl. Und wenn Sie Ihr eigenes Bedürfnis nach Selbstwertgefühl auf den Staat Russland projiziert haben, bestätigt Sie diese Botschaft. Es gibt viele gute Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen sich gut fühlen, wenn ihre Sportmannschaft gewinnt, und dass sie sich schlecht fühlen und ein geringes Selbstwertgefühl haben, wenn die Mannschaft verliert. [![]()
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] Dieses Phänomen verstärkt sich, wenn es um Staaten geht.
Ein sehr primitiver Trieb.
Es gibt nur sehr wenige Länder, die es geschafft haben, sich dem zu entziehen. Ich denke, man kann sagen, dass die Deutschen einen sehr guten Job gemacht haben, aber das ist keine Erfahrung, die man wiederholen möchte.
Es gibt zwei Arten von Kriegen, die besonders blutig sind: innerstaatliche Kriege, die das Ergebnis des Zerfalls von Kolonialreichen sind, in denen lokale Bevölkerungen jeweils dasselbe Gebiet beanspruchen. Der irische Konflikt, Israel, Palästina, Indien, Pakistan. Der zweite Fall sind Kriege, die in einer Pattsituation enden. Das klassische Beispiel ist der Erste Weltkrieg, in dem alle Seiten nach Möglichkeiten suchten, sich aus dem Patt zu befreien, und dafür auf immer grausamere Waffen wie Giftgas zurückgriffen. Oder der U-Boot-Krieg und die Bombardierung von Städten im Zweiten Weltkrieg. Völkermord-Kriege sind noch eine Sonderform.
Was heisst das für die Ukraine?
Kriegsherren stellen sich zu Beginn selten eine grosse Eskalation vor. Putin hat sich den Krieg in der Ukraine auch anders vorgestellt. Ich glaube, er dachte wirklich, dass die Menschen Blumen in die Rohre der Panzer stecken und die Russen als Befreier begrüssen würden. Das Problem jetzt ist, dass für ihn das Überleben als politischer Führer auf dem Spiel steht. Eine Niederlage kann er sich nicht leisten. Eine lange Pattsituation kann er sich auch nicht leisten. Leichensäcke, die zurückkommen, und westliche Medien und ukrainische Hacker, die die russische Bevölkerung darüber informieren, was wirklich passiert ist. Er glaubt also, dass er schnell gewinnen muss. Um das zu erreichen, eskaliert er und wendet jede Art von Gewalt an, die er für geeignet hält.
Wie enden Kriege?
Auf zwei Arten: Eine Seite gewinnt, oder niemand gewinnt, und es gibt ein Patt. Dann wird es spannend, dann gibt es die Möglichkeit, eine Einigung auszuhandeln. Das kann auch so aussehen, dass beide Seiten den Sieg für sich beanspruchen. Die chinesische Invasion in Nordvietnam war für die Chinesen so kostspielig, dass sie sich zurückzogen. Die Chinesen haben also eigentlich verloren. Aber sie beanspruchten den Sieg für sich, weil sie behaupteten, sie hätten Nordvietnam eine Lektion erteilt. Eines der interessantesten Dinge über das Ende von Kriegen sind also die Behauptungen, die die Menschen darüber aufstellen. Und wenn Kriege tatsächlich zu politischen Zwecken geführt werden, dann ist die richtige Bewertung der Ergebnisse in der Tat kein objektiver, sondern ein politischer Prozess.
Könnte das ein Ausweg für Putin sein?
Das ist sein persönlicher Krieg, so wie der Feldzug in Kuwait Saddam Husseins persönlicher Krieg war. Das heisst auch, dass eine militärische Niederlage sein Sturz bedeutet – zumindest fürchtet er das. Und für eine Lösung am Verhandlungstisch müssten die Russen ihre Truppen aus der Ukraine abziehen. Das kann Putin zu Hause nur schwer rechtfertigen, auch wenn es nicht unmöglich ist. Aber seine Mission, die Grösse Russlands wiederherzustellen, wird Schiffbruch erlitten haben. Es könnte also ein Ausweg sein. Aber ich bin nicht sehr optimistisch.
AxelKruse_FG hat geschrieben:Putin ist definitiv kein Psychopath. Er ist ein gewöhnlicher Verbrecher.

Spielgerät hat geschrieben:Luis your teeth are offside
schwaebi hat geschrieben:Spielgerät hat geschrieben:Luis your teeth are offside
Hängt der schon wieder am Flughafen rum?
Tifferette hat geschrieben:Mustermann hat geschrieben:
Aber:
Es würde, fürchte ich, nicht bei einer "ernsten Kriegs- und damit Todesgefahr" bleiben - da würden nämlich wirklich auch deutsche Soldaten sterben.
Das war in Afghanistan und anderen Auslandseinsätzen auch der Fall (über 100). Wir würden hier wohl über andere Dimensionen reden. Aber das wird leider in Deutschland gerne vergessen und passt ins Bild der kaputtgesparten Bundeswehr.